Wie sich die Schüler der Heusteigschule bei ihrer Radtour durchgekämpft haben, ist in einer Dokumentation zu sehen. Foto: Achim Zweygarth

Zwölf Schüler der Heusteigschule sind auf der Schwäbischen Alb ausgesetzt worden.

Stuttgart-Süd - Es ist ein Experiment, das die Jugendlichen der Klasse 9b von der Heusteigschule nicht so schnell vergessen werden. Kälte, Nässe, Hunger, Streit, aber auch Momente des Glücks haben die 14 und 15 Jahre alten Schüler erlebt. Im September sind sie gemeinsam mit ihrem Lehrer Christian Skoda und den Sozialpädagogen Oliver Böhm und Silke Hubel von der Caritas auf die Schwäbische Alb gefahren. Ihre Aufgabe: Ausgestattet mit Fahrrad, Schlafsack und schlecht kopierter Karte mussten sie innerhalb von drei Tagen zurück nach Stuttgart finden.

Wie sie mit dieser Herausforderung umgegangen sind, hat Andrea Lotter vom Südwestrundfunk mit ihrer Kamera festgehalten. „Einmal Wildnis und zurück – Schulunterricht als Abenteuer“ heißt ihre Dokumentation. Die Vorschau des Films wurde vergangene Woche in der Heusteigschule gezeigt. Lotter hat ihren Dreh mit einer Minimalausstattung umgesetzt: Sie allein war für die Produktion bei dem Erlebnistrip der Jugendlichen dabei. Ausgestattet mit einer kleinen Kamera, einem einzigen Mikrofon und einem Elektromoped war sie immer hautnah am Geschehen und hat selbst im Schlafsack unter freiem Himmel übernachtet.

Einige Mädchen hatten am zweiten Tag die Schnauze voll

„Es ist schwer, Filme zu machen, ohne einzugreifen“, sagt Lotter. In manch spannender Situation war ihre Kamera einfach nicht eingeschaltet. Zu gerne hätte die Filmerin gesagt: „Sag das noch mal.“ Aber sie hat sich zurückgehalten – und die Jugendlichen haben sie und ihre Kamera sehr bald ignoriert. „Sie waren richtig respektlos der Kamera gegenüber“, sagt Andrea Lotter. Und das sei auch gut so gewesen.

Denn was Lotter festhielt, ist ein authentisches Zeugnis für das Ringen der Jugendlichen mit den Unwägbarkeiten, die ihnen in den drei Tagen begegnet sind. Da ist der erste Streit vor dem Rewe in Münsingen, was zu Essen gekauft werden soll. Da sind Stürze vom Fahrrad, platte Reifen und nasse Socken. Und schließlich – am Tiefpunkt der allgemeinen Stimmung – auch eine demokratische Abstimmung darüber, wie es weitergehen soll. Einige Mädchen hatten am zweiten Tag die Schnauze voll vom Experiment. „Es war anstrengend und schlimm“, erinnert sich Seyda Ergöz. „Ich bin an meine Grenzen gekommen“, fügt die 14-Jährige hinzu. Sie wollte immer wieder aufgeben, hat sich aber immer wieder aufgerafft. Am zweiten Tag entschied die Gruppe dann, sich in zwei Teams aufzuteilen. Die Mädchen fuhren langsamer und direkt zum nächsten Übernachtungsort, die schnelleren Jungs gingen noch einkaufen für das Abendessen.

„Das ist kein Dschungelcamp“, sagt die Sozialpädagogin Silke Hubel im Film. Die Gruppe sollte nicht nur nach Stuttgart, sondern auch zueinander finden. So ließe sich der Zweck der Übung zusammenfassen. Denn bei dem Projekt geht es für die Jugendlichen darum, zusammenzuarbeiten, die eigenen Grenzen zu erfahren und vielleicht auch zu überschreiten. Diese Erfahrungen – so hoffen die Sozialpädagogen – sollen dann den Jugendlichen im Alltag, in der Schule und später in der Ausbildung helfen.

Der Lehrer mischt sich auf dem Trip praktisch nicht ein

Oliver Böhm, ebenfalls Sozialpädagoge, hatte vor zwölf Jahren die Idee zu dem erlebnispädagogischen Trip und setzt ihn seither regelmäßig mit der Caritas um. Wichtig bei seiner Arbeit in der Wildnis sei es, dass er sich praktisch nicht einmischt. „Ich spiegele das Verhalten der Jugendlichen und biete Lösungen an“, sagt Böhm. Das heißt, er fasst das Verhalten der Gruppe in Worte und stellt dies immer wieder zur Diskussion – handeln und entscheiden müssen die Jugendlichen selbst.

Der Schüler Jonas Strecker hat als Neuling an der Schule auf diese Weise seine Klasse näher kennengelernt. „Wir verstehen uns jetzt besser“, sagt der Jugendliche. Der Klassenlehrer Christian Skoda sieht das differenzierter. „Das Abenteuer hat die Gruppendynamik positiv verändert – allerdings nur für ein bis zwei Wochen“, sagt der Lehrer. Danach sei alles wieder beim Alten gewesen. Damit eine Pädagogik dieser Art einen nachhaltigen Effekt habe, müssten solche Gruppenspiele im Alltag der Schüler fest verankert sein. Nur dann gebe es einen langfristigen Erfolg. Allerdings, sagt Skoda, sei dieser einzelne Trip zumindest für die Persönlichkeitsbildung der teilnehmenden Jugendlichen wichtig gewesen.

Die Dokumentation wird bei Eins-Plus wie folgt gezeigt: Teil 1 am Samstag, 29. Dezember 2012, 21.45 Uhr, Teil 2 am Samstag, 5. Januar 2013, 21.45 Uhr. Im SWR liefen die Sendungen bereits, sind aber bis zum 10. Mai 2013 in der SWR Mediathek im Internet unter swrmediathek.de zu sehen.

Die Finanzierung eines ungewöhnlichen Projekts:

Filmdokumentation: Für den SWR-Film ist die Klasse 9b der Heusteigschule zufällig ausgesucht worden. Finanziert wurde ihre Tour neben einem geringen Eigenanteil vor allem aus Kirchensteuern und Spenden für die Caritas.

Kosten: Pro Gruppe kostet die Reise in die Wildnis und zurück rund 3000 Euro. Darin enthalten sind Vorgespräche, Elternabend sowie Vor- und Nachbereitung.

Budget: Für solche Erlebnistouren hat die Heusteigschule kein Budget. An Schulen wie dem Eberhard-Ludwig-Gymnasium, wo die Erlebnistour ebenfalls angeboten wird, finanzieren die Eltern das Projekt. An der Heusteigschule wäre das völlig undenkbar, das könnten sich die wenigsten Eltern leisten. Früher, erzählt Jochen Schmidt-Rüdt, Rektor der Heusteigschule, habe es in der siebten Klasse ähnliche Angebote gegeben. So seien seine Schüler noch vor 20 Jahren beim Höhlentauchen und auf dem Reiterhof gewesen. „Das gehörte mit zum Profil unserer Schule“, sagt der Rektor. Nun fehle das Geld, weil sein Klientel keine Lobby habe.