Auch das Heuss-Haus ist fürs erste geschlossen. Foto: Susanne Müller-Baji

Im Stuttgarter Heuss-Haus wurde das Verhältnis von Theodor Heuss zu seinen jüdischen Mitbürgern thematisiert. Dabei entstand ein differenziertes Bild von dem einstigen Bundespräsidenten

Stuttgart-Nord - Es gibt in der Geschichte nicht nur schwarz und weiß, das war eine Erkenntnis, die man von der Themenführung „Schalom – Theodor Heuss, das Judentum und Israel“ mitnahm. Zum Purimfest beleuchteten Besucherführerin Yvonne Jäschke und Sebastian Hobrack, Lehrer für Jüdische Religion und Hebräische Sprache, das Verhältnis des ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884 bis 1963) zu seinen jüdischen Mitbürgern. Das Fest wird ausgelassen gefeiert, die Kinder verkleiden sich. Wie passt das zum ernsten Thema?

Dass der Zeitpunkt gut gewählt war, erläuterte Hobrack in seinen Ausführungen zur Herkunft des Purimfestes, wie es im alttestamentarischen Buch Esther beschrieben wird: Der Jude Mordechai verweigert dem Fürsten Haman den Kniefall. Erzürnt trachtet der danach, dessen Volk auszulöschen; über den Zeitpunkt soll das „Pur“, das Los entscheiden. König Ahasveros erlaubt den Juden, sich zu verteidigen. Das nun folgende Freudenfest spiegelt sich in der Ausgelassenheit Purims.

Prägende Begegnungen

Yvonne Jäschke führte durch die Ausstellung und verdeutlichte anhand einzelner Stationen die Einstellung von Theodor Heuss gegenüber den Juden: Die Freundschaft zu einem jüdischen Mitschüler, später die prägenden Begegnungen mit Journalisten-Kollegen. Als Staatsmann prägte er im Jahr 1949 schließlich den Begriff der „Kollektivscham“ und arbeitete engagiert an der Versöhnung mit dem Judentum und Israel.

Ein leuchtendes Vorbild, also, und doch: Auch Theodor Heuss beugte sich der Fraktionsdisziplin und stimmte im Januar 1933 im Reichstag für das Ermächtigungsgesetz. Und der Bücherverbrennung im Mai desselben Jahres fallen zwei Werke Heuss’ zum Opfer, darunter das brisante Buch „Hitlers Weg“ von 1932, in dem er die Vorhaben der Nationalsozialisten zu deuten versucht und unterschätzt.

An dieser Stelle von Heuss’ Biografie wandelte sich die Themenführung zu einer Gesprächsrunde mit Tiefgang: Nun ging es um eine differenzierte Wahrnehmung von Geschichte, die man nicht vom heutigen Standpunkt aus betrachten dürfe, wie Sebastian Hobrack zu bedenken gab: Vielmehr müsse man Geschehnisse und Personen im zeitgenössischen Kontext sehen: „An die Schatten auf dem Bild von Personen, die wir verehren möchten, müssen wir uns gewöhnen“, sagte er.

Kein Held, aber eine große Persönlichkeit

Auch Gudrun Kruip, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Theodor-Heuss-Hauses gab zu bedenken: „Theodor Heuss war ja kein Held.“ Seine Leistung habe aber auch darin bestanden, dass er reflektiert habe, was gewesen ist, stellte eine Besucherin fest. Genau das zeigt auch sein Aufruf, über die Generationen hinweg für den Holocaust Verantwortung zu übernehmen, zu einer Zeit, als andere noch schwiegen. Und die Tatsache, dass er dies mit einer Israel-Reise 1960 auch privat tat. Was von der Führung bleibt, ist das Gefühl, einer großen Persönlichkeit ein Stück näher gekommen zu sein, abseits des „Papa-Geredes“, wie Heuss selbst die „Verkitschung“ seiner Person stets kritisiert hatte. Der Nachmittag war alles in allem eine Aufforderung, eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Und das wäre vermutlich ganz im Sinne von Theodor Heuss gewesen.

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