Mehr als ein Drittel der Ausgaben bei die Hesse-Bahn ist für den Schutz von Fledermäusen vorgesehen. Für den Nabu-Landeschef Johannes Enssle geht es um weit mehr als Geld.
Einst trafen sich der Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg und die Macher der Hermann-Hesse-Bahn vor Gericht. Inzwischen arbeiten sie beim Schutz von Fledermäusen – und einer kleinen Population von Steinkrebsen – zusammen. Doch angesichts der Summe von 80 Millionen Euro allein für Artenschutzmaßnahmen bleibt die Frage, wie viel der Schutz seltener oder gefährdeter Tierarten kosten darf. Geht die Hermann-Hesse-Bahn damit als Negativ-Beispiel in die Geschichte ein? Der Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle hat eine klare Meinung.
Herr Enssle, sind 80 Millionen Euro für den Artenschutz vertretbar bei einem einzigen Verkehrsprojekt?
Offensichtlich schon, denn der Zweckverband und auch das Land haben von Anfang an am Projekt festgehalten. Demnach war dem Zweckverband das Projekt so wichtig, dass keine Mühen und Kosten gescheut wurden. Im Prinzip war die Rechnung ja einfach: Ohne eine Lösung für die Fledermäuse gibt es keine Bahn.
Es geht um die Frage, „ob wir Menschen eine rücksichtslose Spezies sind“
Wird damit der Schutz von Tieren nicht höher bewertet als der Schutz des Menschen? Mit dieser Bahnreaktivierung soll ja Verkehr von der Straße auf die umweltfreundlichere Schiene geholt werden.
Wieso? Die Bahn wird doch jetzt gebaut. Die Alternative wäre gewesen, dass es keine Bahn auf der Strecke gibt. Oder man hätte die gesamte Population der Fledermäuse ausgerottet, samt der wertvollen Quartiere. Wenn Sie das meinen, dann kann jeder für sich diese moralische Abwägung vornehmen. Die Fledermäuse stehen hier ja nicht stellvertretend „für ein paar Tierchen“, sondern sie stehen für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und für die Frage, ob wir Menschen eine rücksichtslose Spezies sind, die über alles herfallen kann, um es kaputt zu machen. Oder ob wir menschliche Entwicklung und den Erhalt der Natur und damit auch unserer Lebensgrundlagen zusammenbringen können.
Das klingt jetzt sehr philosophisch.
Wenn Sie so fragen, ist es eine Frage der Kultur und auch eine zivilisatorische Errungenschaft, dass man über Fragen des Natur- und Artenschutzes bei uns eben nicht einfach hinweggehen kann. Wir alle gehen gerne in den Urlaub und dabei ja gerne dorthin, wo die Natur besonders schön ist. Wenn es dann aber darum geht, zu Hause etwas für die Natur zu machen und dafür auch Geld zu investieren, dann ist das Geschrei schnell groß. Ich möchte einfach mal auf diese Doppelmoral hinweisen. Wer die Verantwortung zur Zerstörung der Natur übernehmen will, der soll sich gerne hinstellen und genau das fordern. Aber sagen: „Natur ja, aber kosten darf’s nichts“, das ist wohlfeil.
Der Nabu hat 2016 gegen den Planfeststellungsbeschluss geklagt, weil man den Fledermausschutz nicht genug berücksichtigt sah. Hätten Sie es lieber gesehen, wenn das Projekt deshalb ganz gestoppt worden wäre?
Es gab ja durchaus Stimmen bei uns und in der Verwaltung, die gesagt haben, dass es wegen der Fledermäuse nicht geht. Jetzt hat man es möglich gemacht, und offenbar ist das auch wieder nicht recht. Man musste sich nun mal entscheiden, ob man die Bahn mit Fledermausschutz bauen will oder ob man es bleiben lässt. Im Frühjahr 2026, wenn dann die Züge fahren, werden aber, glaube ich, alle froh und stolz sein, dass das Projekt gelungen ist.
Es gibt Politiker, die befürchten, die Hermann-Hesse-Bahn könnte künftig als Negativ-Beispiel herangezogen werden, um ähnliche Projekte zu beerdigen. Sieht der Nabu auch diese Gefahr?
Ja. Ein Problem war ja, dass man die Probleme, die wir benannt haben, nicht ernst genommen hat. Deswegen hatten wir geklagt. So sollte es tatsächlich nicht laufen. Man sollte sich von Anfang zusammensetzen, die Herausforderungen auf den Tisch bringen und offen ansprechen. Der Zweckverband wollte aber erst bauen und dann sich irgendwie durchlavieren. Dass das nicht funktioniert, haben wir hier gesehen.
Aber Sie haben sich ja dann doch mit dem Zweckverband zusammengesetzt.
Inzwischen arbeiten wir mit dem Zweckverband sehr gut zusammen. Insofern ist die Hesse-Bahn für mich beides: Ein Projekt, das gleich zu Beginn gezeigt hat, wie es nicht laufen sollte. Das aber im Laufe des Prozesses dann auf das richtige Gleis gekommen ist. Ich würde bei dieser Tunnel-in-Tunnel-Lösung jetzt sogar von einem Leuchtturm sprechen. Ich bin mir sicher, dass in den kommenden Jahren Delegationen von Tunnelbauern und Artenschützern aus der ganzen Welt nach Calw kommen werden, um die Lösungen, die wir hier gemeinsam gefunden haben, zu bestaunen und sie als Blaupause für ähnliche Fälle mitzunehmen.
Fledermaustunnel: Der Bau ist weit fortgeschritten, und es funktioniert
Haben Sie sich schon ein Bild von der Umsetzung machen können, und sind Sie zuversichtlich, dass es so funktionieren wird, wie es angedacht ist?
Ja, ich und Kollegen von mir sind regelmäßig dort. Der Bau ist schon weit fortgeschritten, und es funktioniert. Ich bin überzeugt: Am Ende werden wir hier eine Win-Win-Situation haben. Eine tolle Regionalbahn und eine insgesamt gestärkte Fledermauspopulation. Ich werde gerne bei der Jungfernfahrt dabei sein und freue mich schon darauf, in Zukunft häufiger mit der Hesse-Bahn nach Calw zu fahren.
Schutz für Fledermäuse
Arten
Von den deutschlandweit vorkommenden 24 Fledermausarten sind in Baden-Württemberg 23 Arten nachgewiesen. 18 Arten sind rund um die alten Eisenbahntunnel bei Calw nachgewiesen, davon überwintern dort acht Arten in größeren Zahlen. Die beiden Tunnel gehören zu den Top 20 der großen Winterquartiere des Landes. Der Hirsauer Tunnel hat mit etwa 1000 überwinternden Fledermäusen eine bundesweite Bedeutung. In großer Zahl verbringen dort Mausohren, Fransen-, Bart- und Zwergfledermäuse sowie Braune Langohren den Winter, selten auch Wimperfledermäuse und die Große Hufeisennase.
Temperatur
Die meisten Tiere suchen Winterquartiere auf, die weitgehend unabhängig von Witterung und Winterverlauf dieselben kühlen Temperaturen haben (1 bis 7 Grad Celsius). Sie werden von vielen Tieren ganzjährig genutzt. Sie dienen auch als Treffpunkt zur Partnersuche und damit dem genetischen Austausch der Fledermäuse im Land.