Starke Schmerzen in der Brust können auf Herzmuskelentzündungen hinweisen. Foto: Imago

Corona-Infektionen können Herzmuskelentzündungen auslösen. Was eine solche für Betroffene bedeutet und was im Ernstfall zu tun ist, erklärt der Kardiologe Thomas Voigtländer im Interview.

Stuttgart - Corona-Impfungen können, wie andere Medikamente auch, Nebenwirkungen haben – wie etwa Herzmuskelentzündungen, die den Menschen besonders viel Angst machen. Wir sprachen darüber mit dem Kardiologen Thomas Voigtländer.

 

Herr Voigtländer. Herzmuskelentzündungen gehören zu den Risiken der Corona-Impfungen, die den Leuten besondere Sorgen machen. Zu Recht?

Es liegen gute Daten vor, die zeigen, dass es nach einer Impfung in drei von 100 000 Fällen zu einer Myokarditis kommt. Somit tritt dies eher selten auf. Im Rahmen einer „echten“ Covid-Erkrankung passiert das in 11 von 100 000 Fällen, dort ist also das Risiko deutlich höher. Außerdem gilt es zu bedenken, dass die Myokarditis im Zusammenhang mit einer Impfung ohne Langzeitschaden verläuft. Sie kann zwar für vier bis sechs Wochen recht unangenehm sein, aber es bleibt in der Regel nichts davon zurück.

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Gibt es Menschen, die besonders oft davon betroffen sind?

Ja, junge Männer mit bis zu 30 Jahren.

Warum?

Es könnte auch am Ausmaß der Immunantwort liegen, die man bei jüngeren Männern vorfindet. Wir sehen ja auch bei Kindern eine gewisse Neigung zu überschießenden Immunantworten. Aber warum letzten Endes ausgerechnet junge Männer häufiger eine Myokarditis im Anschluss an eine Impfung entwickeln, wissen wir nicht.

Erhöht es das Myokarditis-Risiko, wenn ich nach der Impfung Sport betreibe?

Nach einer Covid-Impfung, die ohne Hinweise auf eine Myokarditis verläuft, können Sie nach wenigen Tagen wieder moderat Sport treiben. Nach einer Woche kann das individuelle Sportprogramm ohne Einschränkungen wiederaufgenommen werden.

Sie sprachen vorhin von dem erhöhten Myokarditis-Risiko durch eine Covid-Infektion. Wie kommt es dazu, wo doch das Virus eher die Atemwege befällt?

Das liegt an der sogenannten Virämie. Womit gemeint ist, dass die Viren über die Blutbahn praktisch alle Organe befallen können. Dies kennen wir von vielen Virusinfektionen. Und so kann es auch bei einer Covid-Infektion über die Virämie zu einer Mitbeteiligung einer Vielzahl von Organen kommen. Die eigentliche Zellschädigung erfolgt zwar über den sogenannten ACE2-Rezeptor, der in der Lunge besonders ausgeprägt vorliegt. Doch sie kommen auch im Herz vor, so dass es mitbefallen sein kann.

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Eine Impfung ist ja nicht wirklich eine Virusinfektion. Warum kann sie trotzdem zu einer Myokarditis führen?

Das weiß man nicht so genau. Aber im Zuge einer Impfung kommt es zu einer Immunreaktion im ganzen Körper. Nicht umsonst verspüren wir dann oft auch Kopfschmerzen, oder es kommt zu Fieber und Schüttelfrost. Das ist wie bei einer Virusinfektion, nur in der Regel deutlich schwächer. Doch letzten Endes kann man nur spekulieren. Was sicher ist: Die Myokarditis im Zusammenhang mit einer Impfung kommt nicht durch einen Infarkt, und solch eine Myokarditis löst keinen Infarkt aus.

Wie bemerkt man eine Myokarditis, die nach einer Impfung auftritt?

Die Symptome sind eher unspezifisch. Es sind in der Regel Brustkorbschmerzen, die den Betroffenen zum Arzt führen. Sie treten meist abhängig vom Ein- und Ausatmen auf, auch von der Körperlage. Das unterscheidet die Symptomatik der Myokarditis vom Herzinfarkt, bei dem die Schmerzen nicht variieren, also unabhängig vom Atmen oder der Lageveränderung des Patienten sind.

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Angenommen, ich hatte nach der ersten oder zweiten Impfung eine Myokarditis. Muss ich fortan auf Impfungen verzichten? Oder den Impfstoff wechseln?

Ein Wechsel des Impfstoffs kommt aus heutiger Sicht kaum noch infrage, weil hierzulande praktisch nur noch die mRNA-Impfstoffe zum Einsatz kommen. Aber wir hatten bei uns in Frankfurt einen jungen Mann, der im Anschluss an eine Biontech-Impfung eine Myokarditis entwickelte. Sie war deutlich ausgeprägt und konnte in der Kernspinuntersuchung nachgewiesen werden. Allerdings bestanden nach sechs Wochen keine Symptome mehr, und auch in der Kernspinuntersuchung zeigten sich nur noch minimale Hinweise auf eine abgelaufene Myokarditis. Bei diesem Patienten bestimmten wir die für den Impferfolg typischen Spike-Antikörper. Diese waren unmittelbar nach der ersten Impfung bei dem Patienten sehr hoch, so dass wir beschlossen, die zweite Impfung für ihn zu verschieben. Als dann bei einer Kontrolle der Antikörperspiegel deutlich rückläufig war, erfolgte die zweite Impfung. Wesentliche Nebenwirkungen traten diesmal nicht auf.

Also man verschiebt die Folge-Impfung, aber stellt sie nicht generell infrage?

Ja, so ist es. Denn der Impfschutz sollte komplett sein.

Info: Der Herzexperte

Ausbildung
Der Frankfurter Thomas Voigtländer studierte Medizin in seiner Heimatstadt, später folgte eine Ausbildung zum Facharzt für innere Medizin, Kardiologie und Intensivmedizin.

Karriere
Voigtländer ist seit Oktober 2021 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Er war zuvor schon seit 2010 Vorstandsmitglied der Stiftung. Hauptberuflich ist er seit 2009 Ärztlicher Direktor des Agaplesion-Bethanien-Krankenhauses in Frankfurt. Zusätzlich hält er eine Professur an der Uniklinik Mainz.