Mehr als 300 000 Menschen in Deutschland erleiden pro Jahr einen Herzinfarkt – und nicht selten ist dabei der Lebenswandel schuld Foto: Fotolia/©hriana

Mit Online-Test - Herzinfarktpatienten haben nicht immer zu viele Pfunde auf den Hüften oder zu viel Fett im Blut. Oft ist der Stress die Ursache für ihr Leiden. Doch noch wird vonseiten der Medizin viel zu wenig darauf geachtet, wie eng das Herz mit der Psyche zusammenhängt.

Bremen/Stuttgart - Einfach mal die Seele baumeln lassen – so heißt es im Volksmund. Eine bessere Vorsorge als das unbeschwerte Leben gibt es für die Herzgesundheit tatsächlich kaum: Blättert man in Studien der vergangenen Jahre zeigt sich immer häufiger, dass gerade die Herzen emsiger Arbeitnehmer und arbeitswütiger Angestellter gerne mal erschöpft stehen bleiben.

„Früher“, so bestätigt es der Kardiologe Michael Linden vom Herzzentrum Stuttgart, „da sprach man bei Herzinfarkten von der Managerkrankheit.“ Heute braucht es keinen gehobenen Posten, um wegen Herzproblemen behandelt zu werden. Das gestresste Herz findet sich in allen Gesellschaftsschichten und sehr vielen Berufsgruppen – und wer nicht stets auf Entspannung achtet, bei dem macht es auch gern mal schlapp: Mehr als 300 000 Menschen in Deutschland erleiden pro Jahr einen Herzinfarkt – und nicht selten ist dabei der Lebenswandel schuld: So zeigt es schon die „Interheart“-Studie aus dem Jahr 2004 bei rund 30 000 Patienten, dass psychosoziale Faktoren wie Stress bei einem Drittel aller Infarkte maßgeblich beteiligt ist.

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Steht nämlich der Körper unter ständiger Anspannung – dem sogenannten Dauerstress – werden weiße Blutkörperchen in gefährlichen Massen gebildet. Eigentlich dienen die weißen Blutkörperchen dazu, Infektionen zu bekämpfen und zu heilen. In Stresssituationen hat dies den Vorteil, dass der Körper gewappnet ist und nicht anfällig für Krankheiten wird. Werden aber zu viele weiße Blutkörperchen gebildet, können sie sich an den falschen Stellen ablagern – beispielsweise an Gefäßwänden. Solche Ablagerungen können sich lösen, die Ader verstopfen und in Sekundenschnelle den Infarkt herbeiführen. Dies konnten Wissenschaftler des Universitären Herzzentrums Freiburg zusammen mit der Harvard Medical School in Boston erst 2014 mit Hilfe einer Studie herausfinden.

Geht es den Herzpatienten auch psychisch gut?

Die Macht, die das seelische Befinden auf die körperliche Gesundheit hat, hat auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie beeindruckt: Seit 2013 fordert sie in ihren Präventionsleitlinien, dass psychosoziale Faktoren bei der Einschätzung des Risikos für eine koronare Herzkrankheit immer berücksichtigt werden sollten. Kardiologen sollen also bei jedem Patienten prüfen, ob sie in einer schwierigen Beziehung leben, sozial benachteiligt sind oder im Job unfair behandelt werden.

„Solche Betroffene befinden sich meist in einem Teufelskreis“, sagt der Stuttgarter Kardiologe Linden. So zeigen Beobachtungen, dass Menschen, die im Alltag unter psychosozialem Druck stehen, meist auch sonst ungesünder leben. Sie greifen eher zu Fast Food, zu Alkohol und zur Zigarette – was wiederum die klassischen Risikofaktoren für Herzinfarkte wie Bluthochdruck, Diabetes und Adipositas verstärkt.

Nicht umsonst fordert die Deutsche Herzstiftung Ärzte verstärkt auf, diese gefährliche Wechselwirkung besser zu berücksichtigen, wenn sie ihre Patienten gut behandeln und dem Gesundheitssystem Milliarden ersparen wollen. Zwar gibt es mittlerweile Kliniken, die sich auf die Psychokardiologie spezialisiert haben – also der ganzheitlichen Behandlung von Herzpatienten. Doch es gibt noch viel zu wenige Fachkräfte: „Die Ärzteschaft konzen­triert sich vielerorts noch zu sehr auf das körperliche Leiden, statt die psychischen Probleme in die Therapie einzubeziehen“, sagt der Stuttgarter Kardiologe Linden.

Herzpatienten neigen zu depressiven Verstimmungen

Zumal die Wechselwirkung von Herz und Seele auch in umgekehrter Richtung funktioniert: Nach einer Studie der Universität Freiburg entwickelt jeder fünfte bis sechste Patient mit einer koronaren Herzkrankheit auch eine depressive Verstimmung bis zu einer Depression. Tatsächlich empfinden Herzpatienten ihre Erkrankung als eine existenzielle Erschütterung – mit der aber nicht jeder Betroffene umzugehen weiß.

Kardiologen wie Michael Linden vom Herzzentrum Stuttgart oder Detlef Roser von der Sana Herzchirurgie Stuttgart GmbH berichten von Patienten, die sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurückziehen, weil sie das Vertrauen in ihren Körper verloren haben. Statt nun verstärkt auf ihre Gesundheit zu achten, bewegen sie sich zu wenig und nehmen auch ihre Medikamente nicht regelmäßig – prompt steigt das Risiko eines zweiten Herzinfarkts.

Es gibt aber auch das andere Extrem, was nicht weniger gefährlich enden kann: Nämlich die Patienten, die den Infarkt als Warnzeichen nicht ernst nehmen: „Sie machen nach der Operation exakt so weiter wie vor dem Infarkt“, sagt Detlef Roser.

Sport, Stressmanagement und Gespräche können Betroffenen helfen

Das Leben unter neuen Bedingungen zu akzeptieren fällt nicht leicht. Psychokardiologen wie Jochen Jordan von der Kerkhoff-Klinik in Bad Nauheim schätzen, dass es bis zu eineinhalb Jahre dauern kann, bis Herzpatienten die neue Lebenssituation akzeptiert haben. Profesisonelle Hilfe brauchen aber die wenigsten, kann wiederum Karl-Heinz Ladwig von der Deutschen Herz­stiftung beruhigen. Der Epidemiologe forscht am Helmholtz-Zentrum für Umwelt und Gesundheit über die Wechselwirkung von Herz-Kreislauf-System und dem seelischen Befinden. Er rät in dem Ratgeber „Stress“ der Deutschen Herzstiftung zu entlastenden Gesprächen und psychosozialer Unterstützung – etwa durch Sport, Stressmanagement und Austausch mit anderen Kranken. „Natürlich kann man seelische Belastungen nicht immer wegpsychologisieren“, wird Ladwig zitiert. „Aber es hilft schon, wenn man sich ausspricht, die eigene Situation klarer sieht und sich fragt: Was kann ich ändern?“

Weitere Infos gibt es bei der Deutschen Herzstiftung: www.herzstiftung.de

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