Der Kardiologe Professor Hartmut Hanke beim Auswerten der Daten der telemetrischen Ausrüstung. Foto: Peter-Michael Petsch

Telemetrische Messdatenübertragung ermöglicht Kardiologen über große Distanzen den Blick ins Herz von Infarktpatienten.

Stuttgart - Bisher kam der Notarzt mit seinem Team zum Patienten, sah an dessen Zustand und den Ausschlägen des Elektrokardiogramms (EKG) den Verdacht auf Herzinfarkt, und dann ging es unter medizinischer Überwachung ins Krankenhaus. Dort wurden die EKGs vom erfahrenen Herzspezialisten geprüft, ob tatsächlich ein Infarkt vorliegt. Damit ging wertvolle Zeit verloren. Neue Technik hat den Weg von der Erstdiagnose auf den Operationstisch wesentlich verkürzt.

Vier Notarztfahrzeuge, zwei vom Roten Kreuz, eines von der Johanniter-Unfallhilfe und eines von der Branddirektion Stuttgart sind in der Landeshauptstadt rund um die Uhr im Einsatz. Seit August sind sie alle mit der telemetrischen Ausrüstung versehen. Schon an Ort und Stelle kann der Notarzt alle Daten des Elektrokardiogramms per Knopfdruck an den Herzspezialisten im vorgewählten Krankenhaus übermitteln, auch während des Transports.

Außerdem ist er per Telefon mit dem Spezialisten im Krankenhaus verbunden. Erhärtet sich die Diagnose auf Infarkt, kann das Krankenhaus noch während der Patient gefahren wird, alles vorbereiten. Wenn der Patient eingeliefert wird, steht das Katheter-Team schon bereit, um den Blutpfropf, der das Herzgefäß verstopft, zu entfernen oder das verengte Gefäß zu weiten. In Stuttgart besteht die Möglichkeit der Infarktbehandlung im Karl-Olga-Krankenhaus, im Katharinenhospital, im Marienhospital und im Robert-Bosch-Krankenhaus. Diese Einrichtungen haben sich zu einem Infarktnetzwerk zusammengeschlossen.

„Das Projekt ist der Startschuss für einen Schritt nach vorne in der Lebensrettung“

Außerdem hat die Gruppe der leitenden Notärzte in Abstimmung mit den Krankenhäusern einen Ablaufplan für den Rettungseinsatz erarbeitet, der die Zusammenarbeit bei der Patientenversorgung erleichtern soll.

Der Kardiologe Professor Hartmut Hanke, Chefarzt am Karl-Olga-Krankenhaus für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin, hatte das Projekt der telemetrischen Datenübermittlung in Stuttgart angestoßen. „Durch diese zielgerichtete Versorgung der Patienten können auch Folgekosten, etwa bei der Rehabilitation, verringert werden“, sagte er bei der Vorstellung der neuen Ausstattung in der Feuer- und Rettungswache Degerloch. Die EKG-Diagnose erfordere viel Erfahrung: „Da ist die Kompetenz der Herzspezialisten gefragt.“

Die Branddirektion Stuttgart wirkt landesweit als einzige Feuerwehr mit einem Notarztwagen am Rettungsdienst mit. Die Landeshauptstadt besitzt die Rechtsaufsicht über den Rettungsdienst. „Das Projekt ist der Startschuss für einen Schritt nach vorne in der Lebensrettung“, sagte Ordnungsbürgermeister Martin Schairer. Auch bei den früher unzulänglichen Rettungszeiten läge man jetzt „im grünen Bereich.“

30.000 bis 35.000 Euro kostet ein transportables EKG-Gerät für Notarztwagen

Von der durch die neue Technik weiter verkürzten Rettungszeit kann das Überleben des Patienten abhängen, denn durch die Durchblutungsstörung des Herzens beim Infarkt beginnt der Herzmuskel irreparabel anzusterben. Deshalb ist mit der Einführung der neuen Technik längst nicht alles getan. „Oft wird zwischen dem Auftreten der Anzeichen mit Druck und Schmerzen auf der Brust und bis hinunter in den linken Arm, beim Hinterwandinfarkt auch Übelkeit, bis zum Alarmieren des Arztes zu Hause zu viel Zeit verschwendet“, sagte Dr. Albrecht Henn-Beilharz, Leitender Oberarzt im Katharinenhospital. Mit Veranstaltungen wie der bundesweiten Herzwoche, alljährlich Anfang November, wollen die Kardiologen die Bevölkerung auf die Problematik aufmerksam machen, damit die Ärzte weitere Zeit im Wettlauf mit dem Tod gewinnen.

30.000 bis 35.000 Euro kostet ein transportables EKG-Gerät für Notarztwagen. Die telemetrische Datenübertragung schlägt mit weiteren 1200 bis 1500 Euro zu Buche. Deshalb haben die Rettungsdienste ihre Technik erst im Rahmen der Geräte-Ersatzbeschaffung aufgerüstet.

Die Telemetrie für die Diagnose ist nicht neu. „Die Schiffe der Bundesmarine sind für Diagnosen so schon seit längerer Zeit mit den Spezialisten des Bundeswehrkrankenhauses verbunden“, sagte Professor Hartmut Hanke.

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