Nach dem 0:5-Debakel beim FC Bayern steckt Hertha BSC tief in der Krise – und Trainer Pal Dardai bietet überraschend seinen Rückzug an. Was sind die Hintergründe?
Berlin - Rainer Widmayer weilte am Sonntag in Berlin. Nicht weil der langjährige Co-Trainer von Hertha BSC in der Not wieder beim Fußball-Bundesligisten einsteigen wird. Der Schwabe aus Renningen schaute vielmehr bei der U 13 der Hertha zu, wo sein Sohn Luca als Co-Trainer arbeitet. Das Rückzugsangebot seines ehemaligen Cheftrainers Pal Dardai war aber zur Mittagszeit auch schon zu ihm durchgedrungen: „Ich hänge nicht an meinem Sitz. Wahrscheinlich sucht Hertha BSC seit Langem nach einem großen Trainer“, sagte der Ungar einen Tag nach dem 0:5-Debakel beim FC Bayern München und legte nach: „Pal ist ein kleiner Trainer, ein netter Trainer. Er hilft aus, solange wie es sein soll. Ich gehe auch sofort zur U 16 zurück. Ich will keine Last sein.“
Weiß Dardai mehr über seine Person?
Diese etwas eigentümlichen Reflexe von Dardai wunderten dann auch Widmayer, der viereinhalb Jahre mit dem 45-Jährigen zusammenarbeitete. Weiß der Ungar etwa schon mehr? Haben ihm gut informierte Berliner Journalisten, zu denen er teils freundschaftliche Kontakte pflegt, vielleicht schon etwas zugeflüstert? Spekulationen. Fest steht, dass Geschäftsführer Carsten Schmidt die etwas undankbare Rolle zukam, im „Doppelpass“ von Sport1 am Sonntag die Misere zu moderieren. Noch klang alles nach Rückhalt für Dardai und einem weiteren Behandeln der Symptome des Berliner Fußball-Dauerpatienten. „Pal hat unser Vertrauen in dieser Phase erarbeitet, und wir haben auch das Vertrauen, dass er genau das, was wir jetzt brauchen, nämlich das „Gemeinsam Hertha“ jetzt schafft“, sagte Schmidt.
Stimmung am Gefrierpunkt
Wie auch immer: Die Stimmung ist nach dem desaströsen Saisonstart mit drei Niederlagen und Platz 18 auf dem Gefrierpunkt. Es herrscht schon wieder großes Chaos beim Big-City-Club. Dabei sollte beim Fastabsteiger der vergangenen zwei Spielzeiten mit einem Paradigmenwechsel alles ruhiger werden. Man verabschiedete sich von großspurigen Plänen, rief zu neuem Realismus auf. Doch selbst die angestrebte Saison der Konsolidierung dürfte nach den aktuellen Erkenntnissen sehr schwierig werden. Hertha-Experte Widmayer setzt deshalb zunächst auf die Last-Minute-Shopping-Qualitäten des neuen Sportgeschäftsführers Fredi Bobic: „Er wird bis zum 31. August mit Sicherheit noch etwas aus dem Hut zaubern“, ist sich der 54-Jährige sicher. Vielleicht sogar Filip Kostic von seinem Ex-Club Eintracht Frankfurt? Dort hatte Bobic mit Ante Rebic und Andre Silva einst mit viel Geschick zwei Kracher unmittelbar vor Schließung des Transferfensters verpflichtet.
Satter Transferüberschuss
Das nötige Kleingeld ist in der Hauptstadt jedenfalls vorhanden. Der Kolumbianer Jhon Cordoba ging für 20 Millionen Euro zu FK Krasnodar/Russland. Vergangene Woche wechselte der brasilianische Olympiasieger Matheus Cunha für 30 Millionen Euro zu Atlético Madrid. Da Hertha bisher nur 15,5 Millionen Euro für neue Spieler ausgab, existiert ein satter Überschuss. Dennoch drückte Sportdirektor Arne Friedrich zumindest bisher auf die Sparbremse: „Wir befinden uns immer noch in einer Pandemie. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir in drei Wochen das Stadion wieder voll haben. Das sind Punkte, die wir zu berücksichtigen haben.“
Neue Töne der Demut
Da waren sie wieder die Töne der neuen Demut. Denn wirtschaftliche Aspekte mussten bei der Hertha im Vergleich zur Konkurrenz in der jüngeren Vergangenheit weniger beachten werden. Kein anderer Club hat seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst 2019 mehr Geld für Personal ausgegeben. Von den 375 Millionen Euro flossen 160 Millionen in die Mannschaft. Nur offensichtlich eben nicht in die richtigen Spieler. Als „Kuddelmuddel“ bezeichnete Bobic die Transferaktivitäten der vergangenen Jahre.
Welche Spieler kommen noch?
Und jetzt? Dardai steht nicht zwingend für technisch anspruchsvollen Hurra-Fußball. „Zusammenhalt, Kampf- und Laufbereitschaft, dem Gegner auf den Füßen stehen und weh tun. Diese Werte sind ihm wichtig“, weiß Widmayer aus der engen Zusammenarbeit. Bleibt die Frage, ob die Last-Minute-Transfers darauf noch ausgerichtet sind?