Mobilität und Kommunalwahlen: Die Freunde aus Herrenberg und der französischen Partnerstadt Tarare haben einige Themen. Seit 60 Jahren sind die Städte verbunden und können immer wieder Neues voneinander lernen.
Der Austausch zwischen Menschen über Ländergrenzen hinweg – das ist das Salz in der Suppe der zahlreichen Städtepartnerschaften, die hauptsächlich nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Mit direkten Begegnungen, so der Grundgedanke, sollten im Laufe der Zeit Ressentiments abgebaut werden, und gegenseitiges sollte Verständnis entstehen.
Über sechs Jahrzehnte sind auf diese Art Herrenberg und die französische Stadt Tarare in der Nähe von Lyon bereits freundschaftlich miteinander verbunden. In der Regel besuchen sich Gruppen aus den Kommunen einmal im Jahr, wobei der Treffpunkt jährlich wechselt – so ging es für knapp 80 Personen aus Tarare am Donnerstagabend in die Gäustadt. Außer der offiziellen Delegation um Bürgermeister Bruno Peylachon und Partnerschaftspräsident Pierre Chanelière, die mehr als 50 Personen zählte, waren auch Mitglieder des Akkordeonclubs, mehrere Künstlerinnen und Künstler sowie Mitglieder des Judo-Clubs angereist.
Neben dem privaten Austausch und gemeinsamen kulturellen Programmpunkten stand in diesem Jahr der kommunalpolitische Dialog ganz im Zeichen des Themas Mobilität: Ein Besuch der Stuttgart-21-Baustelle am Freitag bildete dabei den Aufhänger für ein intensives Arbeitstreffen im Ratssaal des Herrenberger Rathauses am Samstagvormittag. Nachdem in Stuttgart in erster Linie die positiven Aspekte des Infrastruktur-Großprojekts in den Fokus gerückt worden waren, kamen tags darauf kritische Punkte zur Sprache. Mit SPD-Gemeinderat Andreas Kegreiß, der auch Vorstandsmitglied beim Fahrgastverband „Pro Bahn“ in Baden-Württemberg ist, und Oberbürgermeister Nico Reith stiegen die Gäste aus Frankreich tief in die bahnplanerische Materie ein: Sie erfuhren davon, dass die Anliegerstädte der Gäubahn durch deren Abkopplung vom Hauptbahnhof Stuttgart mit dem dann notwendig werdenden Umstieg auf die S-Bahn in Vaihingen Nachteile befürchten, sobald der neue Tiefbahnhof in Betrieb geht.
Der Freie-Wähler-Gemeinderat Thomas Deines brachte es plakativ auf den Punkt. Für Personen, die über die Gäubahntrasse beispielsweise gen Norden weiterreisen wollen, werde „Stuttgart wie Paris“. Denn wie in der französischen Hauptstadt, wo die Metro die verschiedenen Kopfbahnhöfe verbindet, müssten Fahrgäste dann die S-Bahn als Zubringer nutzen. Außerdem wissen sie jetzt von Andreas Kegreiß, dass der „Pfaffensteigtunnel“, der zwischen Böblingen und dem Stuttgarter Flughafen bei noch offener Finanzierung geplant wird, der längste Eisenbahntunnel Deutschlands werden würde und es auf der Neubaustrecke Stuttgart – Ulm mehr Tunnelkilometer gibt als beim gesamten TGV-Schienennetz in Frankreich. Zudem lernten sie Bedeutung der „Panorama-Strecke“ als Alternative zur S-Bahn-Stammstrecke im Störungsfall kennen.
1900 Pendler täglich Richtung Lyon und zurück
Im Gegenzug gab Bürgermeister Bruno Peylachon einen Überblick über die bestehende Zugverbindung von Tarare nach Lyon, auf der täglich zwischen 23 und 26 Zügen ab kurz nach sechs bis gegen 22 Uhr mit einer Fahrzeit von 35 Minuten verkehren. Rund 1900 Pendler würden dieses Angebot nutzen und damit 400 mehr als vor Corona, so Peylachon. Dabei halte sich die Zahl der Ein- und Auspendler ungefähr die Waage. Der Zuwachs an Pendlern sorge dafür, dass aktuell die Taktverkürzung auf 15 Minuten ebenso ein Thema sei wie die bessere Anbindung des Hinterlands mit Bussen und durch weitere Parkmöglichkeiten in Bahnhofsnähe. Auch die Einführung eines größeren Verbundes rund um die Metropolregion Lyon sei im Gespräch.
Clevere Wahltermine ausschreiben
Neben diesen Gemeinsamkeiten besteht aber ein Interesse daran, die Unterschiede zwischen beiden Ländern zu entdecken – angesichts der Europawahlen lernte die französische Delegation daher, dass in Baden-Württemberg zeitgleich weitere Wahlen gebündelt werden, um eine höhere Wahlbeteiligung zu erreichen. Außerdem erkläre Bodo Philipsen, ehemaliger Rektor des Sindelfinger Pfarrwiesengymnasiums und aktuell Vorsitzender der SPD-Fraktion im Gemeinderat, das komplizierte baden-württembergische Kommunalwahlsystem. Des Weiteren präsentierten die Fraktionsvorsitzenden ihren Aufruf, für Demokratie und Freiheit zu stimmen, anstatt Nationalisten, Extremisten und Populisten die Stimme zu geben.
Herrenbergs Städtepartnerschaften
Tarare
Diese Städtepartnerschaft wurde offiziell im Jahr 1960 geschlossen. Tarare liegt im Département Rhône in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, knapp 50 Kilometer westlich von Lyon und hat rund 10 500 Einwohner. Die Stadt, die einst eine Hochburg der Textilindustrie war, unter anderem wurden dort Musselin-, Plüsch- und Samtstoffe produziert, zählt zur Weinregion Beaujolais.
Fidenza
Seit 1989 besteht die Partnerschaft mit der Stadt in Italien mit rund 27 000 Einwohnern. Fidenza liegt in der Emilia-Romana in der Provinz Parma, zwischen Piacenza und Parma.
Amplepuis
Herrenbergs Ortsteil Gültstein, der im Jahr 1975 eingemeindet wurde, pflegt seit 1970 eine Partnerschaft mit Amplepuis. Die Kleinstadt mir rund 5 000 Einwohnern liegt knapp 20 Kilometer nordwestlich von Tarare.