So viele Arbeitsplätze wie Einwohner: Gültstein aus der Vogelperspektive Foto: Herrenberg / Gabriel Holom

Große Momente deutscher Geschichte haben auch im kleinen Gültstein ihre Spuren hinterlassen. Zum 1250-jährigen Bestehen des Ortes schauen die EInwohner zurück. Ihrer Meinung nch ist der Herrenberger Stadtteil sowieso etwas Besonders.

Herrenberg - Gültstein hat schon alles erlebt. Die Kelten waren da, die Alemannen und die Römer. „Immer wenn wir die Erde aufgraben, tauchen ihre Spuren auf“, sagt Gerhard Kauffeldt. Der Ortsvorsteher kennt die Geschichte des Herrenberger Stadtteils auswendig. Bis in die Gegenwart spannt er den Bogen und kommt dann zu einem logischen Schluss: „Gültstein ist etwas Besonderes.“ Zum Beispiel weil alle historischen Ereignisse, die Deutschland erlebt habe, auch durch den Ort gezogen seien, weil es Pest und Cholera und allerlei Kriege überlebte, während benachbarte Siedlungen verschwanden. Und weil es sich vom reinen Bauerndorf zum Wirtschaftsstandort wandelte, der heute so viele Arbeitsplätze wie Einwohner hat.

Gisilo gab dem Ort seinen Namen

Der alemannische Fürst Gisilo hat Gültstein ursprünglich seinen Namen gegeben. Aber er sei wohl nicht richtig aufgeschrieben worden, vermutet Gerhard Kauffeldt, irgendwann wurde Giselstetten daraus. Einem fränkischem Fürsten hat der Herrenberger Stadtteil sein Gründungsjahr zu verdanken: Für das Jahr 769 ist im Schenkungsbuch des Klosters Lorsch an der Bergstraße die Schenkung eines Bauernhofs „in Giselstetter Marca“ durch einen Erlefried verzeichnet. Der Ort wurde früh christianisiert, schon im Jahr 800 bauten die Bewohner die erste Kirche, die heutige Peterskirche stammt aus dem Jahr 1192 und ist das älteste Gebäude im Dorf. Als Herzog Ulrich aus der Verbannung zurückkehrte, wurde das gesamte Dorf protestantisch. „Die Leute waren fleißig, fast pietistisch, redeten nicht viel“, charakterisiert der Ortsvorsteher die Dorfbewohner.

Zäh waren die Gültsteiner offensichtlich auch: Während andere Dörfer drumherum zwischen der Jungsteinzeit und dem Mittelalter verschwanden, lebten in dem Ort im Schnitt um die 1000 Menschen. Nur im 30-jährigen Krieg schrumpfte die Einwohnerzahl auf 70. Aber gegenüber Herrenberg war der Ort schon um 1200 unterlegen, als die heutige Kreisstadt als Festungsmittelpunkt zwischen Tübingen und dem Schwarzwald gegründet wurde. Unwiderruflich zerstört hat ein Brand große Teile des Orts im Sommer 1784. Auch 1940 brannte es wieder: Nicht weil Bomben ­fielen, sondern weil eine psychisch kranke Gültsteinerin das Haus ihrer Verwandten anzündete. Bei dem einzigen nächtlichen Fliegerangriff drei Jahre später wurden zwei Bauernhöfe am Ortsrand beschädigt.

Früher 1600 Kühe, heute nur noch eine

Bis in die 1960er Jahre sei Gültstein ein Bauerndorf gewesen, berichtet Gerhard Kauffeldt. Damals wurden 1600 Kühe mitten im Ort gehalten, heute ist es mit der Kuh Lisa nur noch eine. Mit der Ansiedlung des Gipskartonplattenherstellers Rigips 1965 begann die Industrialisierung, andere Firmen folgten. „Dadurch war Gültstein nicht ganz arm, und das hat gewisse Begehrlichkeiten geweckt“, meint der Ortsvorsteher. Herrenberg habe kaum Flächen für Gewerbe gehabt, so habe der Landtag 1974 entschieden, Gültstein einzugemeinden. Bei einem Bürgerentscheid mit 93 Prozent Wahlbeteiligung stimmten zwar 83 Prozent dagegen, aber die Gerichte hielten die Entscheidung für rechtens. „Das würde heute nicht mehr so passieren“, ist Gerhard Kauffeldt überzeugt.

Dafür können die aktuell 3500 Einwohner kaum über etwas klagen. Ihr einziger Ehrenbürger Otto Kapp hat mit dem Bau der Ammertalbahn schon 1909 für einen guten Verkehrsanschluss gesorgt, auch die Gäubahn geht auf ihn zurück. Die Infrastruktur sei hervorragend, sagt der Ortsvorsteher: Es gibt Ärzte, eine Apotheke, einen Supermarkt, viele Vereine, eine Grundschule, Kindergärten, nur zu wenig Ganztagesbetreuung und keine Bauplätze. Ein neues Wohngebiet ist deshalb geplant. Allerdings untersuchen dort noch die Archäologen die Geschichte des Ortes. „Der Schwabe würde sagen: Es ist nicht schlecht in Gültstein zu leben“, fasst Gerhard Kauffeldt zusammen.

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