Probefahrt für das Publikum: Foto: factum/Bach

Am Stadtrand haben Jugendliche eine Mountainbike-Piste in den Waldboden gegraben. Das ist zwar nicht ungewöhnlich, aber diese Strecke ist legal – das ist eine Seltenheit.

Herrenberg - Geld hat bei diesem Projekt keine Rolle gespielt – und wenn doch, dann eine untergeordnete. Die Gesamtkosten für die am Freitag eröffnete Downhill-Strecke am Rande Herrenbergs hat die Stadt nicht einmal aufgelistet. 6400 Euro stammen aus dem sogenannten Bürgertopf. Das restliche Geld für das Material ist zusammengeklaubt. Um die 15 000 Euro werden es gewesen sein. Zum Vergleich: Bis zur Eröffnung ihrer bundesweit beachteten Downhill-Strecke gab die Stadt Stuttgart 175 000 Euro aus, wenn sie auch mit etwa einem Kilometer viermal so lang ist.

In Herrenberg hat den Hauptteil dessen, wofür die Landeshauptstadt investierte, die Jugend erledigt – und erlitten. Das Projekt sortierte der Oberbürgermeister Thomas Sprißler von Anfang an in die Rubrik Bürgerbeteiligung ein. Was auch Schwielen an den Händen bedeuten kann, denn die Mountainbiker gruben, schichteten und modellierten ihre Strecke selbst. Das tun sie zwar vielerorts, aber illegal. Diese Piste ist offiziell genehmigt. Mithin darf die Stadt Herrenberg nun mit einer Rarität werben. Legale Strecken sind derart rar in Deutschland, dass die Fans der Sportart stundenlange Zugfahrten auf sich nehmen.

Biker bis zu 50 Stundenkilometer schnell

Drei Jahre vergingen von einem Brief dreier Jugendlicher an den Oberbürgermeister bis zu der ersten Abfahrt. Was für sich lang schien, im Vergleich mit der Landeshauptstadt allerdings wieder kurz ist. Dort verstrichen zehn Jahre zäher Debatten mit Stadträten, Amtsleitern, Forstleuten, zuletzt noch Versicherungen wegen der Haftungsfrage. Stuttgart betreibt die Strecke in Eigenregie. In Herrenberg, so sagt es Daniel Hohpe, „wird man mit einer guten Idee nicht alleingelassen, von Anfang an haben alle das Projekt unterstützt“. Deshalb ist der 25-Jährige jetzt Leiter einer Radsportabteilung. Die hat der VfL Herrenberg eigens für die Mountainbiker gegründet. Anders wäre keine Versicherung bereit gewesen, für Unfälle auf der Strecke die Haftung zu übernehmen.

Hohpe steht auf einem Hügel und reicht gelegentlich eine helfende Hand. Stadträte, Amtsleute, Verbandsvertreter, Journalisten stapfen und schlittern den Berg im Wald hinan, auf dem die Radfahrer in Gegenrichtung bis zu 50 Stundenkilometer schnell werden. Dies ist der erste und einzige Besichtigungstermin. Von Samstag an ist der Zutritt für Fußgänger verboten, wie Schilder informieren. Es regnet, als hätte die Feuerwehr ihre Schläuche ausgerollt, um den Wald zu wässern. Entsprechend rutschig ist der Untergrund.

Drei Schanzen auf der 250 langen Piste

Der Hügel ist die letzte von drei Schanzen auf der 250 Meter langen Piste und nur Könnern empfohlen. „Sprünge können hier über acht Meter weit sein“, sagt Hohpe. Wie üblich, sind für Anfänger Abzweigungen in den Waldboden gegraben, auf denen sich die schwierigen Teile umfahren lassen. In der Skifahrersprache wären sie die blaue Umfahrung der schwarzen Piste. Die Downhiller verspotten sie gern als „Chicken-Trail“, was übersetzt in etwa Angsthasen-Route heißt. Hier wird freundlicher formuliert. Auf Schildern weisen an diesen Abschnitten jeweils Pfeile nach rechts „Flow-Tracks“ und nach links „Enduro-Tracks“ aus.

Ungeachtet dessen „ist die Strecke insgesamt anspruchsvoll“, sagt Hohpe, „nach zwei bis drei Abfahren ist man fertig“ – körperlich. Was nicht an den zehn Minuten liegt, die eine Bergauffahrt über asphaltierte Wege bis zum Start dauert, sondern an der Kürze und Steilheit der Piste, die sich in ungewöhnlich vielen Kurven bis zum Ziel windet. Deshalb wurde die erste legale Downhill-Piste im Landkreis „Winding Trails“ getauft. Der bislang schnellste Fahrer hat den Viertelkilometer bergab in einer Minute und fünf Sekunden geschafft. Aber das waren nur die Testfahrten.

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