Bei der Kinderbetreuung in Herrenberg klafft eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage – wie in der Baubranche. Foto: factum/Granville

Die Stadt Herrenberg versucht vergeblich, Interessenten für einen 4,5 Millionen Euro teuren Auftrag für einen Kindergarten zu finden. Das Problem hat sie keineswegs allein. Die Preise am Bau steigen stetig, und immer weniger Firmen wollen öffentliche Aufträge annehmen.

Herrenberg - Eine Millionensumme auszugeben war früher einfacher. 4,5 Millionen Euro sind es exakt, auf diesen Preis haben die Herrenberger Planer den Bau einer Kindertagesstätte hochgerechnet. Ob dies die endgültige Summe sein wird, ist unklar, denn vor die Vergabe eines solchen Auftrags hat die Europäische Union die internationale Ausschreibung gesetzt. Strenge Vorschriften sollen Vetternwirtschaft unterbinden, und in möglichst großer Konkurrenz soll sich das beste Angebot durchsetzen – theoretisch. In diesem Fall hatte allerdings kein einziges Unternehmen Interesse an dem Auftrag.

Und die Stadt Herrenberg hat ein Problem. Auf sie kommt die Aufgabe zu, dass sie „100 Eltern erklären muss, wo sie ihre Kinder unterbringen sollen“. So sagt es Thomas Deines, der Fraktionschef der Freien Wähler im Gemeinderat. Die Kindertagesstätte auf dem Gelände des aufgegebenen Freibads soll 100 Plätze haben und ist ein zentraler Baustein eines Konzepts, mit dem die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in der Kinderbetreuung geschlossen werden soll. Die Eröffnung war zum nächsten Jahreswechsel geplant. Der Termin ist kaum mehr zu halten. Bis zu neun Monate Verzögerung sind denkbar.

Rasant steigende Kosten für öffentliche Bauaufträge

Überdies ist ungewiss, ob jene 4,5 Millionen Euro die tatsächlichen Kosten sein werden, denn auch in der Baubranche klafft eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Angesichts des Booms am Bau können die Unternehmen nahezu jeden Preis verlangen. Dies beklagt nicht nur der Herrenberger Baubürgermeister Tobias Meigel regelmäßig. Bundesweit nörgeln seine Kollegen über rasant steigende Kosten für öffentliche Bauaufträge. Beispielsweise hatte Meigel den Bau einer Schule auf 3,5 Millionen Euro veranschlagt – anfangs. Mit Blick auf die endgültige Kalkulation „mussten wir schlucken“, bekannte der Baubürgermeister. Der Preis hat sich fast verdoppelt. Auch die Kita auf dem Freibadgelände war ursprünglich eine Million Euro billiger taxiert.

Dass diese Entwicklung in naher Zukunft gestoppt wird oder sich gar umkehrt, gilt als unwahrscheinlich. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes sieht den Markt für das neue Jahr „weiter auf stabilem Wachstumskurs“ und erwartet ein Umsatzplus von sechs Prozent. Die Preise am Bau sind gemäß einer Verbandsrechnung im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent gestiegen. Dass sich kein einziger Interessent meldet, ist den Herrenbergern nicht neu. „Das ist nicht alltäglich, aber auch nicht ungewöhnlich“, sagt die städtische Pressesprecherin Anne Reichel.

Auch in Böblingen gibt es Kritik an den Bauunternehmen

Das Gleiche gilt in Böblingen. „Leider wird es immer schwieriger, Unternehmen zu finden“, sagt der Pressesprecher Fabian Strauch. In der jüngeren Vergangenheit blieben die Rohbauarbeiten für eine Schule ohne Bieter, das einzige Angebot für eine Kindertagesstätte war so teuer, dass die Stadt es ablehnte. Die Vorhaben mussten auf Umwegen verwirklicht werden. „Das kostet natürlich Zeit, und die Preise sinken auch nicht“, sagt Strauch.

Kritik der öffentlichen Auftraggeber an überteuerten Angeboten und fehlenden Kapazitäten weist der Bauverbands-Präsident Reinhard Quast zurück. In den Jahren der Branchenkrise habe sich auch niemand über Billigangebote beklagt. „Erstmals seit langem sind wir wieder in der Lage, die Risiken des Baugeschäfts angemessen zu bepreisen“, sagte er jetzt bei der Jahrespressekonferenz. Wenn öffentliche Aufträge keine Abnehmer fänden, liege dies nicht zuletzt an überbordender Bürokratie. Private Aufträge seien schneller und unkomplizierter zu erledigen. Überdies habe sich die Mitarbeiterzahl in der Branche allein im Jahr 2018 um 2,5 Prozent erhöht.

Diese Worte werden jene 100 Herrenberger Eltern kaum trösten. Um eine teure Zwischenlösung zu vermeiden, nehmen die Rathausoberen auf dem Weg zum Baubeginn eine bemerkenswerte Abkürzung: Sie wählen die Nummern bekannter Baufirmen und bitten darum, mindestens Interesse an dem Auftrag anzumelden. Sofern sich drei Interessenten melden, muss nur einer von ihnen ein Angebot abgeben. „Beschränkte Ausschreibung“ heißt dieses Verfahren im Bürokratendeutsch. Zwar widerspricht es dem Geist der Vorschriften gegen Vetternwirtschaft, legal ist es trotzdem – in nicht anders lösbaren Fällen.

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