Ausnahmsweise fährt Claudius Banani (vorne) seinen Kollegen Ahmad Al-Salameh Foto: factum/Jürgen Bach

Ehrenamtliche transportieren Waren und Fahrgäste mit Muskelkraft durch Herrenberg. Das Velo-Taxi sollte eigentlich nur für wenige Wochen während der Umbauphase unterwegs sein. Viele Bürger wünschen es sich nun als Dauereinrichtung.

Herrenberg - Sie ist die neue Attraktion in Herrenberg: die weiße Rikscha mit der orangefarbenen Aufschrift Stadtmarketing. Seit Anfang Mai gehört sie zum Bild in den engen Altstadtgassen.

Von Montag bis Freitag ist sie unterwegs: morgens von 10 bis 13 Uhr, nachmittags von 15 bis 18 Uhr. Und auch samstagsvormittags zur Marktzeit. Jeder, der möchte, darf einsteigen und sich von der Innenstadt zum Parkplatz bringen lassen oder mit den schweren Einkaufstaschen nach Hause. Und so mancher Senior, der wegen Corona lieber zuhause bleiben möchte, lässt sich per Rikscha die zuvor bestellten Waren von den Läden in der Innenstadt nach Hause liefern. Und das alles gibt es zum Nulltarif.

Gedacht war die Aktion des Stadtmarketings eigentlich nur für ein paar Wochen – zum Auftakt der Bauarbeiten, die die Hauptverkehrsachse in der Stadt lahm legen. Es sollte ein Signal an die Bürger sein, trotz der Umwege die Läden in der Altstadt zu besuchen.

Doch die Resonanz auf die Rikscha-Aktion übertraf alle Erwartungen. „Die Leute sind begeistert. Deshalb haben wir den Service mehrfach verlängert“, sagt Sarah Holczer, die Vorsitzende des Stadtmarketings.. Auch nach den Sommerferien soll noch nicht Schluss sein. Nun wird das Velo-Taxi noch bis Ende November durch die Altstadt gondeln.

Gute Beinmuskeln sind gefragt

Möglich machen diesen kostenlosen Service Ehrenamtliche wie Claudius Banani. Der begeisterte Sportler fühlte sich in der Corona-Krise ausgebremst. Seinen gewohnten Sport konnte er nicht mehr machen und auch beruflich blieb dem Außendienstler wegen corona-bedingter Kurzarbeit viel Zeit. Er suchte nach einer sinnvollen Beschäftigung, die auch anderen zu Gute kommt. Als er vom Rikscha-Projekt hörte, war er gleich Feuer und Flamme „Dabei kann ich Ehrenamt und sportliche Betätigung verbinden“, sagt er. Denn obwohl es sich bei der Rikscha um ein Pedelec handelt, sind Fahrten mit bis zu drei Fahrgästen (maximal zwei Erwachsene und ein Kind) die Gassen bergauf mitunter eine durchaus schweißtreibende Angelegenheit. Gute Beinmuskeln brauchen die zehn Fahrer – darunter auch eine Frau. „Für Unsportliche ist das nichts“, stellt Banani klar.

Gefahren wird in Drei-Stunden-Schichten. Jeder der zehn Chauffeure hat mindestens ein bis zwei Einsätze pro Woche. „Jetzt in der Urlaubszeit ist es schwierig, alle Schichten immer zu besetzen“, sagt Banani. Deshalb hat das Team jetzt einen Ferienjobber engagiert. Der Student Ahmad Al-Salameh aus Stuttgart hilft für einige Wochen aus.

Die Ehrenamtlichen wie Claudius Banani treibt nicht nur der Wunsch an, anderen zu helfen. Der Herrenberger hat auch eine Mission : „Ich will den Leuten zeigen, dass es auch ander Verkehrsmittel als das Auto gibt“. Und das Velo-Taxi passe gut in die Mitmachstadt Herrenberg.

Das finden offenbar auch die meisten Bürger. „Die Stadt hat sich durch die Rikscha verändert“, findet jedenfalls Banani. „Die Leute winken uns zu, strahlen, wenn wir vorbeifahren“, berichtet er.

Rikscha als Rettungswagen

Beliebt ist das Gefährt nicht nur bei Senioren, die schwer zu Fuß sind. Auch Familien mit Kindern drehen gerne eine Runde durch die Altstadt. „Wir machen alles“, sagt Banani. „Ich hab auch schon mal Kinder von der Schule abgeholt.“ Und einmal wurde die Rikscha gar zum Rettungswagen, als jemand auf der Straße umkippte. In wenigen Minuten brachte Banani den Mann ins Herrenberger Krankenhaus.

Vorerst bis November soll die Aktion noch laufen, doch: „Wir haben großes Interesse daran, sie auch weiterzuführen“, sagt Sarah Holczer. „Doch das können wir nicht rein ehrenamtlich stemmen.“ Sie hofft, dass die Stadt mit einsteigt. Erste Gespräche seien schon gelaufen.

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