Bei der 36. Ausgabe von Mund.art im Hasen verzauberte die Liedermacherin Elena Seeger aus ihrem Programm „Auf an Tee mit dr Nachtkrapp“ mit schwäbischer Poesie ihr Publikum. Das ließ sich - gestärkt durch lukullische Schwabenkost aus der Hasenküche – tief in die vielfältige und wunderbare Welt ihrer Lieder und Texte eintauchen.
Das erste Lied ist mit „Meditation“ überschrieben, eine Liebeserklärung der auch auf Hochdeutsch singenden Künstlerin an ihre Muttersprache, in der sie den Titel mit „Gruaba“, das Baby mit „Butzele“ und Appetit auf Schokolade mit „Gluuschte auf a Schoklädle“ übersetzt. Und alles wohltuend ohne den landesüblichen Patriotismus - „s gibt au schöne andre Sproche auf dr Welt, aber Schwäbisch halt dia, wo mir am meischte gfällt.“
Diese differenzierte Betrachtung hat Elena Seeger 2020 den Sebastian-Blau-Preis für Liedermacher des Vereins schwäbische mund.art eingebracht, zusammen mit „Finanzminimalist“, wo sie augenzwinkernd sich und alle Schwaben mit ihrer teils extremen Sparsamkeit aufs Ärmle nahm. Beim Liedle „Springerle“ begibt sich die Stuttgarter Sängerin mit Wurzeln im älblerischen Killertal auf das Feld schwäbischer Backkunst. Ein mit Anis gewürzter, weißer Teig wird in kunstvoll geschnitzte Holzmodel gepresst. Dabei entpuppt sich das Loblied aufs manchmal weiche, manchmal bockelharte Gebäck am Ende als Chiffre für den Auf- und Niedergang einer hoffnungsvollen Springerlesbeziehung (Honi soit qui mal y pense, sagt dr Franzos, ond dr Schwob: „Was ihr au wieder denket!“).
Zauber-, ja meisterhaft gelingen die Verse über „D‘ Nachtkrapp“, ein Kinderschreck in Form einer schwarzen Rabenkrähe, die man in anderen Gegenden als schwarzen Schreckensmann kennt: „Wenn du jetzt net folgsch, hollet di d Krapp!“, drohte einst die Oma. Seegers lyrisches Ich verwandelt das Vogelweible in eine geheimnisvolle Verbündete, die das Kind sehnlichst erwartet, um aus der schlaflosen Einsamkeit erlöst zu werden: „I fluig am liabschte en der Nacht ab, mit dr Nachtkrapp…“ Und wer das Lied nicht nur hören wollte, sondern auch Bilder sehen wiill, kann sich auf YouTube den von der Künstlerin dazu produzierten Animationsfilm anschauen.
Auch mit dem Publikum wird humorvoll kommuniziert, das beim Refrain von „Jammerschwob ond Bruddelschwob“ ungeniert und lautstark „jomere ond bruddle derf“.
Außer einem leisen „Bruddle“ über die etwas schmale Zuschauerzahl war der Impresario vom Verein schwäbische mund.art, Dr. Wolfgang Wulz, hochzufrieden, auch über die gehaltvollen Beiträge auf der Offenen Bühne. Stefan Ewen las einen oberschwäbischen Text von Manfred Hepperle über „Honda, donda ond Doba“ und Reiner Dinger seinen Dialog zwischen Gottvater und Noah, der beim Auftrag zum Bau einer neuen Arche an der modernen, ausufernden Bürokratie scheitert. Auch Blaupreisträger Bernhard Böhringer griff als „Spezialgast“ noch zur Klampfe und bereicherte die Runde mit einer nobelpreisverdächtigen schwäbischen Fassung von Bob Dylans „Lonesome“ und einem eigenen schwäbischen Gute-Nacht-Lied: „Gugg au, gugg au, s wird Obend ond wird Nacht… glaub mr, du bisch nachts net alloi!“
Zu guter Letzt schloss Elena Seeger den abwechslungsreichen Abend mit „Dezembersonn“, einem Song voller Hoffnung und Zuversicht für alle, die während der Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr in Winterdepressionen verfallen.
Zur Künstlerin
Jahrgang 1988, aufgewachsen im Killertal (Zollern-Alb-Kreis). Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Englischstudium mit Staatsexamen GY).
2020 Sebastian Blau Preis für Liedermacher (2. Platz)
2024 Landespreis für Dialekt Baden-Württemberg (2. Platz hinter der Rock- und Pop-Band WENDRSONN)
2025 Kleinkunstpreis Baden-Württemberg (Förderpreis)
2025 Dieter Wasilke Folk-Förderpreis
www.elenaseeger.de
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