An der Nase, am Kinn, an den Händen oder an den Füßen: Herpes simplex kann im Prinzip überall am Körper vorkommen. Foto: kalcutta / Adobe Stock

An den Lippen kennt man es. Doch der Herpesvirus kann fast überall am Körper auftauchen: an den Augen, in der Nase, am Kinn, an den Händen und an den Füßen. Der Dermatologe Peter von den Driesch erklärt, ab wann es für Betroffene gefährlich wird.

Stuttgart – - Herr von den Driesch, ein Herpes kommt ja nicht nur an den Lippen vor, sondern auch an anderen Stellen im Gesicht. Wo können die Bläschen überall auftauchen?
Das Herpes-simplex-Virus Typ 1 kann im Prinzip überall vorkommen. Es sitzt aber gerne im Gesichtsbereich. Die einfachste und häufigste Variante ist dieser typische Lippenherpes. Es gibt aber auch Leute, die haben den Virus am Kinn, an der Nase, auf den Backen, an den Händen – sogar am Fuß habe ich ihn schon gesehen. Und immer mal wieder auch um die Augen herum. Das ist natürlich nicht so gut, weil die Hornhaut des Auges betroffen sein kann. Vielleicht sollten wir uns aber erst einmal festlegen, über welche Herpesart wir sprechen. Es gibt einen Herpes zoster und einen Herpes simplex. Der Herpes zoster wird durch das Varicella-zoster-Virus verursacht, umgangssprachlich wird er auch Gürtelrose genannt. Der Herpes simplex wird durch das Herpes-simplex-Virus verursacht und ist extrem gebräuchlich. Das sind unterschiedliche Viren.
In diesem Kontext ist wohl eher der Herpes simplex von Interesse. Der Herpes, den man bekommt, wenn man eine Grippe hat oder wenn das Immunsystem angeschlagen ist.
So schlimm muss es gar nicht sein. Einen Herpes simplex, den können Sie auch schon nach Sonnenlichtexposition bekommen.
Welche Risikofaktoren gibt es noch, die dem Virus zum Durchbruch verhelfen?
Ein Hauptrisikofaktor ist die individuelle Empfänglichkeit für dieses Virus. Es gibt Leute, die bekommen in ihrem ganzen Leben keinen Herpes – obwohl die sich genauso mit dem Virus auseinandersetzen müssen. Und es gibt andere Leute, die sind besonders empfindlich; die kriegen, wie man so schön sagt, wegen jedem Blödsinn ihren Herpes. Bei denjenigen, die diese Konstitution haben – die also eine kleine Immunschwäche gegen das Herpes-simplex-Virus haben – kann dann alles Mögliche ein Trigger-Faktor sein: die Reise, das UV-Licht, der Stress, eine empfindliche Haut, die zu Neurodermitis neigt. Sogar eklige Momente können einen Herpes auslösen.

„Eine Infektion des Auges würde ich als nicht mehr banal empfinden“

Ist ein Herpes an anderen Stellen im Gesicht gefährlicher als an den Lippen?
Ein Herpes im Bereich des Auges schon. Eine unkomplizierte Infektion heilt in der Regel narbenlos ab. Aber wenn im Bereich der Hornhaut des Auges Bläschen entstehen, hat man immer ein bisschen Sorge, dass kleine Vernarbungen entstehen, die die Sehkraft des Auges verschlechtern. Eine Infektion des Auges durch den Herpes simplex würde ich als nicht mehr banal empfinden. Sie kommt aber deutlich seltener vor als die normale Herpesinfektion an den Lippen. Und man kann durchaus einen Herpes um die Augen herum haben, ohne dass er im Auge sitzt.
Welche Symptome gehen damit einher?
Die Patienten bekommen wirklich ein rotes Auge. Die Bläschen sind meist schmerzhaft, das Auge selbst oft sehr empfindlich.
Kann sich eine Herpesinfektion im Gesicht auch weiter am Körper ausbreiten?
Ja, das kommt vor allem bei drei Patientengruppen vor. Erstens, bei abwehrgeschwächten Patienten – etwa nach einer Chemotherapie oder einer Transplantation, wenn man zwecks Abstoßungsprophylaxe dauerhaft immundämpfende Medikamente einnehmen muss. Zweitens, wenn die Haut nicht in Ordnung ist. Das gilt im besonderen Maße für Patienten mit Neurodermitis. Man spricht auch von einem Ekzema herpeticatum. Dadurch, dass die Haut dieser Patienten nicht so „dicht“ ist, dringt das Virus wieder und wieder ein, löst Infektionen an anderen Hautstellen aus. Drittens, bei gestressten Menschen. Auch sie haben ein erhöhtes Risiko dafür, dass sich der Herpes ausbreitet – das Immunsystem ist stressanfällig.

„Erfahrene Herpespatienten fühlen oft, dass es bald losgehen könnte“

Wirkt es sich besonders negativ aus, wenn zwei solcher Faktoren aufeinandertreffen?
Ja, es besteht ein erhöhtes Risiko dafür, dass die Herpesinfektion sich ausbreitet. Und dann kann es auch gefährlich werden. In extremen Fällen kann es sogar zu einem Übergreifen auf innere Organe kommen. Zu einer Herpessepsis oder zu einer Herpespneumonie (Lungenentzündung, Anm. d. Red.). In einem solchen Fall reden wir über eine potenziell tödliche Erkrankung. Das sind aber extrem seltene Fälle.
Wie behandeln Sie diese?
Medikamentös – entweder in Tablettenform oder intravenös. Der Wirkstoff Aciclovir wirkt am besten, wenn man ihn als Infusion bekommt. Über die Magen-Darm-Passage wird die Wirkung immer schon schwächer. Vor allem Neurodermitispatienten mit ausgedehnter Herpes-simplex-Infektion sollten möglichst stationär behandelt werden.
Zur Behandlung einer einfachen Infektion am Mund schwören manche Leute auf Honig, Zahnpasta oder Teebaumöl. Was raten Sie?
Ich respektiere die individuelle Erfahrung des Patienten. Er weiß in der Regel, wie er am besten mit seinem Herpes zurechtkommt. Vom schulmedizinischen Standpunkt her gibt es allerdings die klare Empfehlung, die betroffene Stelle so früh wie möglich mit der Aciclovir-Creme zu behandeln. Diese ist umso erfolgreicher, je früher man anfängt. Erfahrene Herpespatienten fühlen oft schon, dass es bald losgehen könnte, weil sich als Erstes der Nerv entzündet. Von da an sollte man die Stelle mehrfach am Tag eincremen. Verfärbt sich der Herpes gelb, macht es Sinn, zusätzlich ein Antiseptikum zu verwenden. Das ist nämlich ein Zeichen dafür, dass sich auf den Herpesbläschen Bakterien angesiedelt haben. Teebaumöl soll übrigens auch eine leicht antiseptische und antientzündliche Wirkung haben.
b>Wie gefährlich ist Herpes bei Kindern?

Erstinfektion: Das Immunsystem von Kindern ist nicht fertig ausgebildet. Daher sind sie generell stärker von Herpesinfektionen betroffen als Erwachsene. Die sogenannte primäre Herpes-simplex-Infektion, also die erstmalige Infektion mit dem Virus, betrifft typischerweise den Hals-Rachen-Raum. Sie ist ein schweres Krankheitsbild, das unter Umständen im Krankenhaus behandelt werden muss. Lippenbläschen bei Erwachsenen oder bei Kindern nach der Erstinfektion werden als sekundärer Herpes simplex bezeichnet: Der Virus wird reaktiviert.

Symptome: Erkrankt ein Kind zum ersten Mal, ist typischerweise der ganze Mundraum und der Hals innen mit den kleinen Herpesbläschen besiedelt. Dann fällt dem Patienten das Essen und unter Umständen auch das Trinken schwer.

Behandlung: Ein kleiner Lippenherpes muss bei Kindern nicht anders behandelt werden als bei Erwachsenen, sagt der Dermatologe Peter von den Driesch: „Gegen einen ausgebreiteten Herpes würde ich hingegen medikamentös vorgehen – je nach Ausprägung auch stationär in der Klinik.“

Zur Person

Peter von den Driesch Foto: Klinikum Stuttgart
Geboren wurde Peter von den Driesch 1958 in Mönchengladbach.

Er studierte von 1977 bis 1983 ­Medizin in Aachen. Von 1985 bis 1988 war von den Driesch Stipendiat der ­Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Von 1999 bis 2003 war er als Professor für Dermatologie an der Universität Hamburg.

Seit 2003 arbeitet er als Ärztlicher Direktor des Zentrums für Dermatologie, Phlebologie und Allergologie im Klinikum Stuttgart am Krankenhaus Bad Cannstatt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: