Vor 125 Jahren ließ sich die Firma Bayer Heroin patentieren. Es sollte vor allem als Heilmittel gegen Lungenkrankheiten zum Einsatz kommen. Die negative Auswirkungen wurden lange ignoriert, Kritiker mundtot gemacht. Die Geschichte einer Droge.
Stuttgart - Der Name Heroin – vom griechischen Wort „Heros“ für Held oder „Heroine“ für Heldin – soll der Überlieferung nach auf den Selbstversuch eines Bayer-Arbeiters zurückgehen. Nach der Einnahme habe er sich „heroisch“ gefühlt. An gefährliche Nebenwirkungen dachte keiner, als die Farbenfabriken Friedrich Bayer (heute Bayer AG) am 26. Juni 1896 die Synthese aus Morphium und Acetanhydrid unter den Namen Heroin patentieren ließ. Eher galt das Medikament als Wundermittel, so wurde es zumindest beworben.
Mit einer Werbekampagne in zwölf Sprachen wurde der Stoff als oral einzunehmendes Schmerz- und Hustenmittel vermarktet. Daneben gab es rund 40 weitere Indikationen, dazu zählten Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Multiple Sklerose und Depressionen – und auch Nymphomanie und Masturbation. „Ein Einsatzspektrum, das nur wenige der damals bekannten Erkrankungen ausschloss“, schreibt Michael de Ridder in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Heroin: Vom Arzneimittel zur Droge“.
Deutschland wurde zum weltgrößten Heroinproduzenten
Noch im Jahr der Markteinführung – es wurde ab 1898 produziert – gab es in deutschen Apotheken Heroin als Saft, Zäpfchen, Mixtur, Sirup oder Pulver. 1899 produzierte Bayer 215 Kilogramm und exportierte in 23 verschiedene Länder. Die Flakons und Gläser, in denen das Mittel vertrieben wurde, beinhalteten bis zu 25 Gramm. Vorteil des Heroins sollte sein, dass es im Gegensatz zu Morphium nicht abhängig machte und sogar als Alternative und Entzugsdroge zu Opiaten angepriesen wurde.
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Fundierte klinische Tests mit dem neuen Mittel hatte Bayer jedoch nicht durchgeführt. Nach Fischen, Meerschweinchen und Katzen wurden lediglich rund 60 Werksangehörige und ihre Kinder zu neuen Versuchskaninchen. Dabei gab es weder Tote noch Süchtige, was rückblickend wohl daran lag, dass die Testmenge nur wenige Milligramm betragen hatte. Werksarzt Theobald Floret hielt 1898 in den „Therapeutischen Monatsheften“ fest: „Das von mir verordnete Heroin […] zeigte sich als ein außerordentlich brauchbares, prompt und zuverlässig wirkendes Mittel zur Bekämpfung des Hustens und Hustenreizes sowie des Brustschmerzes. ‚Herr Doktor, die Pulver, die Sie mir gaben, thun sehr gut.‘“ Nebenwirkungen oder eine Angewöhnung schloss Floret aus.
Bald mischten auch andere Firmen im Geschäft mit – denn Bayer patentierte: Sandoz, Boehringer, Hoffmann-La Roche und Merck. Dennoch machte die Bayer AG mit dem Präparat gewaltige Gewinne, Deutschland stieg zum weltweit größten Heroinproduzenten auf. 1907 wuchs die Produktion auf jährlich 920 Kilogramm an.
Kritiker wurden mundtot gemacht
Hunderte von Ärzten priesen Heroin beinahe euphorisch als „wertvolles und sicheres Arzneimittel mit zauberhafter Wirkung“. Nur eine kleine Schar von Medizinern unterstellte dem Mittel Suchtpotenzial. Gegen diese Kritiker ging Bayer mit voller Wucht vor. Carl Duisberg, damals Prokurist des Unternehmens, wollte die Gegner des Heroins „mundtot“ machen.
Erst als sich rund zehn Jahre nach der Markteinführung die Kliniken mit immer mehr „Heroinisten“ füllten, zeigte sich die Gefährlichkeit der Substanz. Nach der ersten Opiumkonferenz des Völkerbundes 1912 wurde die Herstellung von Heroin streng kontrolliert und auf der zweiten Konferenz 1925 folgte ein weltweites Verbot. Allein die Herstellung für streng überwachte medizinische Anliegen blieb gestattet.
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Der Großteil des Heroinhandels verlagerte sich nun auf den Schwarzmarkt, die Preise zogen stark an. Für die Hersteller war dies ein Segen – da sie im Untergrundgeschäft mit Schmugglerbanden in den Vereinigten Staaten, China und Russland Kasse machen konnten. 1931 aber gab Bayer schließlich dem politischen Druck nach und stellte die Heroinproduktion komplett ein.
Noch immer sterben viele Menschen an der Droge
Daraufhin begannen hauptsächlich illegale Labore aus Marseille, über die „French Connection“ den amerikanischen Markt mit Heroin zu beliefern. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg auch die italienische Mafia – Stichwort „Pizza Connection“ – in den verbotenen Drogenhandel ein. In der Bundesrepublik wurde Heroin noch bis 1958 legal verkauft, ein komplettes Handelsverbot erfolgte am 6. April 1971. Unter strengen Auflagen ist die Heroinproduktion für medizinische Zwecke in Deutschland allerdings seit 2009 wieder erlaubt.
In Deutschland starben im vergangenen Jahr 572 Menschen an Überdosierungen von Opioiden wie Heroin und Morphin. „Die Lage ist für suchtkranke Menschen durch die Pandemie mehr denn je dramatisch“, sagt die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU). Heroin lässt seine Opfer auch 125 Jahre nach seiner Patentierung nicht los.