Esslingen ohne seine Hänge voller Rebstöcke? Das wäre ein Bruch in der Stadtsilhouette. Doch Winzer klagen über den hohen Aufwand bei der Bewirtschaftung. Beim Herbstsatz mussten sie verbal noch mehr Wasser in den Wein gießen: Denn viele Probleme belasten ihre Arbeit.
Vollmundig, süffig, perlend, aber ein wenig bitter im Abgang: Bei den Esslinger Weingärtnern ist eine besondere Stimmungslage herangereift. Ein eigenartiges Gemisch aus pessimistisch verwässerter Zuversicht ist gewachsen. Optimistisch stimmt der gute Jahrgang 2022. Tröpfchen für Tröpfchen sorgt die aktuelle Lese für einen guten Tropfen. Es gibt aber auch Wermutstropfen, die den Winzern den Arbeitsalltag versauern – Nachwuchsmangel, Vandalismus, Steillagen, fehlendes Personal, Bürokratie und der Trollinger im Abwärtstrend. Doch trotz altbekannter Sorgen stießen die Wengerter beim Herbstsatz verhalten wohlgemut mit ihrem neuen Wein an: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt.“
Das Timing war perfekt. Der Regen kam genau zur rechten Zeit. Die Schlechtwetterperiode der letzten Wochen beendete Trockenheit und Dürregefahr. „Die Trauben haben sich gigantisch entwickelt“, freute sich Weingärtner Adolf Bayer. Mitte bis Ende nächster Woche werde die Lese beendet sein, der neue Wein habe einen guten Geschmack. Nicht nach dem Geschmack der Weingärtner ist dagegen die Arbeit an den Steillagen. Aufwendig, schwierig, zeitraubend und personalintensiv könnten die Weinberge an den Hängen nur mit Schwierigkeiten bewirtschaftet werden. Es sei fraglich, ob die nächste Generation den Kraftakt noch auf sich nehmen werde. Möglich sind laut Winzer Jochen Clauß aber auch neue Methoden wie die Übernahme von Patenschaften für steile Weinberge durch Kunden. Sein Kollege Wilfried Rapp verwies auf arbeitserleichternde Techniken. Im nächsten Jahr solle der Einsatz von Drohnen beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln erprobt werden. Oberbürgermeister Matthias Klopfer zeigte bei seinem ersten Herbstsatz Fördermöglichkeiten, finanzielle Unterstützung sowie Geldmittel von Stadt und Kreis für den Erhalt von Trockenmauern in den Hängen auf.
Work-Life-Balance wird beklagt
Gegen viele Mauern prallen die Weingärtner auch bei der Suche nach Nachwuchs, Personal und Betriebsnachfolgern. Im ersten Lehrjahr hätten in ganz Württemberg gerade einmal 13 junge Leute eine Ausbildung zum Winzer gestartet, rechnete Maximilian Kusterer vor. Früher hätten in der Berufsschule in Heilbronn drei Klassen mit je 25 bis 30 Schülern gebildet werden können. Er und seine Kollegen zählen einige Gründe dafür auf: zunehmende Unbeliebtheit aller Handwerksberufe, bessere Verdienstmöglichkeiten in der Industrie, eine schlechte Work-Life-Balance. Hinzu kämen unattraktive Arbeitszeiten, Abhängigkeit von der Witterung, wirtschaftliche Unsicherheit und wenig Interesse bei Quereinsteigern. Burkhard Nolte vom städtischen Grünflächenamt verwies auf den demografischen Wandel und das Ausscheiden geburtenstarker Jahrgänge aus dem Berufsleben. Dabei, da waren sich die Weingärtner einig, sei ihr Job ein Traumberuf – kreativ, vielseitig, mit Kundenkontakt. Zudem sei man sein eigener Chef.
Selbstständigkeit bedeutet aber auch Risiken. Nachwuchs- und Personalmangel könnten zu brachliegenden Flächen zwischen bewirtschafteten Weinbergen führen, beklagten die Winzer. Verwilderte, ungepflegte Areale bergen nach ihren Angaben die Gefahr einer Übertragung von Krankheiten und Schädlingen. Gegen sie dürften sie wegen der strengen Gesetzgebung bei Pflanzenschutzmitteln in Baden-Württemberg nur sehr eingeschränkt vorgehen. Dabei, so die Weingärtner, würden sie sowieso nur im absoluten Notfall mit Augenmaß so wenig wie möglich spritzen. Petra Rauch vom Kreislandwirtschaftsamt sicherte zu, dass nach einer pragmatischen Lösung gesucht werde. Es müsse ein Kompromiss zwischen Theorie und Praxis, zwischen komplettem Verbot und einem vernünftigen Einsatz von Schutzmitteln gefunden werden. Es gehe dabei ja auch um den Erhalt von Existenzen. Die Diskussion sei in vollem Gange.
In vollem Gange ist nach Angaben der Weingärtner auch der Vandalismus. Schilder des Weinlehrpfades seien beschädigt, Trockenmauern mit Graffiti besprüht, Müll auf Wegen und am Rande der Weinberge abgelagert worden, berichtet Jochen Clauß. Ein Kollege erzählt von einer noch nicht identifizierten Substanz, die Unbekannte auf Reben gesprüht und diese damit vernichtet hätten. Burkhard Nolte sagte zumindest die Aufstellung von größeren Mülleimern und weiter regelmäßige Leerungen zu.
Kein geschmacklicher Müll ist dagegen der Trollinger. Das sei eine tolle Rebsorte, die immer ihre Daseinsberechtigung haben werde, betonte Achim Jahn. Er und seine Kollegen ergänzen aber auch, dass junge Leute kräftigere Weine bevorzugen würden und frankophile Erzeugnisse auf dem Vormarsch seien. Neue Kreationen, neue Geschmacksrichtungen, neue Namen kämen bei den Kunden sehr gut an. Darum brennen die Winzer darauf, ihre Erzeugnisse ausschenken zu dürfen. Besonders gerne würden sie das auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt tun, wenn er denn komme. OB Klopfer antwortete rasch: „Er kommt.“
Der Herbstsatz
Herbstsatz
Die Tradition reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. In früheren Jahren begann mit dem Herbstsatz offiziell die Weinlese. In Zeiten von Klimawandel, Wetterkapriolen und Witterungsänderungen aber muss der Zeitpunkt flexibler festgelegt werden. Der aktuelle Herbstsatz wurde daher vor allem für Gespräche über die Weinjahrgänge 2021 und 2022 sowie einen Austausch zwischen Weingärtnern, der Stadt und dem Landkreis genutzt.
Weinerlebnispfad
Der Esslinger Weinlehrpfad startet an der Frauenkirche, schlängelt sich über einen Rundwanderweg in Richtung Mettingen und klärt an über 20 Schildern über Rebsorten, Pflege, Lese oder historische Hintergründe auf. Doch nur einige der Hinweistafeln haben laut Jochen Clauß einen QR-Code. In Zukunft soll hier nachgebessert werden. Der Lehrpfad soll moderner, digitaler, familienfreundlicher werden.
Teamwerk
Die Umbenennung der Esslinger Wengerter in Teamwerk seit April begründete Vorstandsvorsitzender Achim Jahn mit einer angestrebten Modernisierung, einer Betonung des Teamgedankens und einer Bindung auch junger Kundenschichten. Die Besonderheit der Arbeit der Esslinger Winzer solle herausgestellt werden: Ein Drittel der Rebflächen befände sich auf arbeitsintensiven Steillagen: „Hier muss man deutlich mehr schuften als anderswo.“