Natalia Wörner (Mitte) und Heike Drechsler (links). Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eine Musicalveranstaltung ist betreutes Träumen. Um Sehnsüchte und Realitätsbremsen ging es beim ersten Herbstempfang im Foyer des Apollo-Theater mit Promis wie Natalia Wörner und Heike Drechsler.

Stuttgart - Ist er ein verträumter Realist oder ein realistischer Träumer? Schließen sich das Wolkenverschieben und die Gewinnmaximierung nicht gegenseitig aus?

Vor über 20 Jahren hat Michael Hildebrandt bei Musical-Ahnherr Rolf Deyhle für Stella den Ticketservice organisiert. Heute spürt er für die Stage Entertainment als Strategie-Direktor neue Stoffe auf und weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn ein ganz großer Traum platzt.

Seine Idee war es, aus dem von 1976 stammenden Film „Rocky“ von Sylvester Stallone ein weltweit erfolgreiches Musical zu machen. In Hamburg fing’s vielversprechend an. Als Sensation galt es, dass Hildebrandt 2014 das in Deutschland produzierte Musical nach New York bringen konnte, in die Wiege des Entertainments. Doch schon nach fünf Monaten war alles vorbei. Die Amerikaner wollten keine amerikanischen Träume sehen, für die Deutsche die Strippenzieher sind.

Amelie Fried hat es als Moderatorin einer Talkrunde zum Thema Träume beim ersten Musical-Herbstempfang für Entscheidungsträger und Multiplikatoren im Foyer des Apollo-Theaters geschafft, in ihrer Freude über eine in die Gegenrichtung exportierte Show die kurze Laufzeit, also „Rockys“ Flop am Broadway, nicht einmal zu erwähnen. Dabei hatte Hildebrandt selbst ein schönes Bild geliefert. Träume, sagte er, seien wie Luftballons. Man müsse sie aufblasen, mit ihnen spielen, die Formen und Farben genießen, auch wenn sie mal platzen.

Klar, Frau Fried war von der Stage nicht engagiert worden, um ihren Geldgebern in die Parade zu fahren. Und deshalb überraschte es nicht, dass sie noch einen journalistischen Einsatz souverän verpasste. Begeistert stimmte Hildebrandt ein Loblied auf die deutsche Kultur an, auf das neue Selbstbewusstsein der hiesigen Künstler, auf Radiosender, die immer öfter deutsche Titel spielten. Dieser Trend müsse sich in der Musicalbranche widerspiegeln. An dieser Stelle hätte ein kritischer Fragesteller dazwischengrätschen müssen. Warum ist es dann ein Boxer-Stoff aus den USA geworden, der in Stuttgart vom 11. November an neben Disneys „Tarzan“ gespielt wird? Wie amerikanisch muss ein deutscher Trend sein?

Einer, für den sich ein Traum erfüllt hat, ist der Mann mit Hut, der beim Herbstempfang (dabei: die Schauspielerin Natalia Wörner, Olympiasiegerin Heike Drechsler, MdB Stefan Kaufmann, Wasenwirtin Sonja Merz, Breuninger-Sprecher Christian Witt, City-Managerin Bettina Fuchs, Messe-Chef Ulrich Kromer) mit viel Power Stücke aus dem neuen Musical gesungen hat: Der Berliner Nikolas Heiber hat im Palladium die Titelrolle für „Rocky“ bekommen. Nach seinem Auftritt im Foyer fragte ich den Hutträger („Du kannst Niko zu mir sagen“) nach seinem ersten Mal. „Auf die schwäbische Kehrwoche“ freue er sich besonders, hatte er bei seinem ersten Interview gesagt. Im Stuttgarter Süden, verriet er, wohne er nun – doch bisher habe keiner verlangt, dass er fegt und wischt. „Das mit der Kehrwoche war nur ein Witz“, versicherte er. Aber die Weinberge mitten in der Stadt seien wirklich großartig.

Träume können so wichtig sein! Talkgast Christopher Fuhrop, der Erfinder der Rettungsboje Restube, die groß ist wie ein Handy und sich im Wasser blitzschnell zu einer kleinen Rettungsinsel aufblasen lässt, träumt davon, Drohnen übers Mittelmeer zu schicken. Wenn ein Flüchtlingsboot entdeckt wird, das untergeht, könnte man die Rettungsbojen abwerfen.

Auf alle Fälle stimmt es: Es reicht nicht, nur zu träumen – man muss es auch tun.

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