Immer mehr Krankenkassen machen "Miese". Foto: AP

DAK-Chef Herbert Rebscher findet, dass gute Versorgung ein wenig teurer sein darf.

Stuttgart - Alle reden von der Kopfpauschale. Herbert Rebscher auch. Aber der Kassenmanager erwartet von ihr keine Wunderdinge. Ganz im Gegenteil. Er konzentriert sich lieber auf bessere Angebote für die Kunden.

Der Mann ist ein Opfer der Vulkanasche, obwohl sich auf seinem Anzug in Pfeffer und Salz kein Staubkörnchen aus Island blicken lässt. Okay, womöglich ist der Anzug einfach nur clever gewählt. Wie dem auch sei, weil auch in Hamburg am Montag kein Flieger geht, muss Herbert Rebscher zu nachtschlafender Zeit auf den Zug steigen, um die Redaktionskonferenz unserer Zeitung pünktlich um elf Uhr zu erreichen. Das hat aber irgendwie auch sein Gutes. Denn so bekommt der Chef von Deutschlands drittgrößtem gesetzlichem Krankenversicherer, der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK), an diesem Morgen viel Extrazeit zum Lesen und Nachdenken. Entsprechend entspannt kommt er in die Versammlung der Redakteure.

Tatsächlich hat man Rebscher, der seit bald zwei Jahrzehnten zur Schwergewichtsklasse der Gesundheitspolitik zählt und schon aus diesem Grunde keinem Schlagabtausch aus dem Wege geht, bereits unduldsamer erlebt. Bei seinen Mitarbeitern ist der Manager auch deshalb gefürchtet, weil er gelegentlich sorgfältig geplante Veranstaltungen mit Publikum über den Haufen wirft, wenn ihm das Konzept nicht passt.

So kommt es also, dass er an diesem Morgen den Blick zunächst einmal sanft über den Tellerrand schweifen lässt - und das deutsche Gesundheitswesen im internationalen Vergleich ausgiebig lobt. "Hochleistungsmedizin ist bei uns jederzeit und für jedermann verfügbar, und das auch noch wohnortnah", stellt er stolz heraus. Das sei nicht überall so, wie man am Beispiel der USA sehen könne, die nun unter größten Schmerzen darangingen, einen annähernd vergleichbaren Schutz für alle im Krankheitsfall einzuführen. Er ergänzt: "Und im internationalen Maßstab haben wir noch nicht einmal das teuerste System."

Rebscher: Das System braucht keine radikalen Reformen

In einem Land, in dem es zu einer Art Volkssport geworden ist, die medizinische Versorgung schlechtzureden, sind das aufreizend ungewohnte Töne. Rebschers Botschaft lautet: Ein System, das schon so gut ist wie das unsrige, braucht eigentlich keine radikalen Reformen.

Damit ist der gebürtige Odenwälder bei einem der wichtigsten Politthemen dieser Wahlperiode überhaupt angelangt - der Einführung einer Kopfpauschale, also eines vom Einkommen unabhängigen fixen Beitrags zur Krankenversicherung. Während andere Großkassen wie die Techniker, ebenfalls mit Hamburger Hauptsitz, die Pauschale längst nicht mehr als Teufelszeug verdammen, bleibt der DAK-Chef hart. Die Pauschale von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) sei ein unausgegorenes Mittelding irgendwo zwischen dem einkommensbezogenen Kassenbeitrag und der ans persönliche Krankheitsrisiko gekoppelten Prämie der privaten Kassen von heute. Nichts werde durch sie besser. Stattdessen würden die Menschen verunsichert, die seit Jahrzehnten die für Gerechtigkeit sorgenden Finanzströme im alten Kassensystem akzeptieren würden. Den Einwand, dass die Umverteilung im aktuellen Kassensystem in etwa so undurchschaubar ist wie derzeit die Luft am Fuß des Vulkans Eyjafjallajökull, lässt der DAK-Chef nicht gelten.

Und er präsentiert noch einen weiteren Einwand, den allerdings auch zaghafte Befürworter der Pauschale immer wieder thematisieren. Es geht um den im Steuersystem zu organisierenden Sozialausgleich: Wenn die Pauschale, je nach Ausgestaltung, dereinst um die 200 Euro kostet, wird das viele Menschen überfordern. Sie hätten dann Anspruch auf einen Zuschuss aus dem Steuersystem. Bei einer vollständigen Umstellung auf das neue System wären aber jährlich bis zu 30 Milliarden Euro für den Sozialtransfer aufzubringen. "Wir müssten die Finanzminister darauf verpflichten, dass sie diesen Betrag immer wieder zur Verfügung stellen und für die Ausgabendynamik jeweils noch etwas drauflegen, ungeachtet aller haushaltspolitischen Probleme", mahnt Rebscher. Das Fazit des studierten Ökonomen: "Dieser Plan findet in der Ökonomie unseres Landes keine Basis."

Vielleicht fällt sein Verdikt über Röslers Reformplan auch deshalb so harsch aus, weil die DAK, als erste Großkasse, seit Februar einen Zusatzbeitrag von acht Euro von ihren gut 4,6 Millionen Versicherten erheben muss. Im Expertenjargon wird der Zusatzbeitrag, den jede Kasse einziehen muss, die mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommt (siehe Hintergrund), auch als "die kleine Pauschale" bezeichnet. Wenn es die schwarz-gelbe Regierung will, könnten aus den acht Euro ganz schnell 25 Euro werden. Mal gucken, was nach der wichtigen Wahl in Nordrhein-Westfalen noch alles so kommt, stichelt Rebscher. Immerhin steuere das System auf ein Milliardendefizit zu. Frisches Geld müsse her.

Prämien bei den Privaten steigen mit dem Alter empfindlich

Die Frage, wie viele Mitglieder wegen der acht Euro gekündigt haben, beantwortet der DAK-Chef nicht. Man wolle der Konkurrenz, die spätestens bis Jahresende auch einen Zusatzbeitrag brauche, keine Zahlen für Werbung auf eigene Kosten liefern.

Nur so viel verrät er: Im Osten geben vor allem Hartz-IV-Empfänger der DAK den Laufpass, die dazu teils auch von der Arbeitsverwaltung gedrängt würden; im Westen kündigten dagegen die jungen und gesunden Gutverdiener. Die wüssten ja noch nicht, dass es bei vielen privaten Kassen jedes Jahr empfindliche zweistellige Prämienerhöhungen gebe.

Gerade in Zeiten steigender Preisfühlbarkeit will sich der Manager darauf konzentrieren, den Kunden bessere Versorgungsangebote zu machen, als die Konkurrenz sie hat. So stellt er am Nachmittag in Stuttgart ein neues Versorgungsnetz für psychisch Kranke vor, das es so im Südwesten noch nicht gibt. Niedergelassene Fachärzte und Fachkliniken hat die DAK ins Boot geholt. Die Möglichkeit, gemeinsam mit qualifizierten Experten etwa auf dem Gebiet der Depression patientennahe Behandlungswege zu definieren, haben die Kassen seit einigen Jahren. Auch die große Hamburger Ersatzkasse macht regen Gebrauch davon.

Doch trotz aller Anstrengungen auf dem Feld selektiver Verträge mit Leistungsanbietern - tendenziell wird die Gesundheit für uns alle teurer, ist sich Rebscher sicher. Er sagt: "Steigende Lebenserwartung und medizinischer Fortschritt haben eben ihren Preis." Fast scheint es, als spreche er von einer Naturgewalt. Aber selbst die Aussicht auf eine vielstündige Bahnheimfahrt in die Nacht verleitet den Kassenchef nicht zu einem bösen Wort über besagten isländischen Gletschervulkan.

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