Die Sindelfinger Theatergruppe ist geschlossen nach Berlin gefahren. Foto: privat

Ein Jahr lang haben Sindelfinger aus vier Generationen ein Theaterstück über Migration entwickelt. Damit gewannen sie jetzt den ersten Preis im Ideenwettbewerb „Brücken bauen zwischen Generationen“. Am Mittwoch war Siegerehrung in Berlin.

Sindelfingen - Schwaben haben ja zurzeit keinen guten Ruf in Berlin. Sie gelten als integrationsunwillig, fest verhaftet in ihren Traditionen mit Kehrwoche und Weckle. Doch nun hat der Bundestagspräsidenten Norbert Lammert ausgerechnet eine Theatergruppe aus Sindelfingen in Berlin mit einem Preis für ihr integratives Theaterprojekt „Alte Koffer – Neue Träume“ ausgezeichnet. Womit es in so manchem Berliner Stadtbezirk hapert – dem Miteinander der Kulturen und Generationen (Neukölln und die Rütlischule lassen grüßen) – das scheint in der schwäbischen Provinz wunderbar zu funktionieren.

Ein Jahr lang haben sich in Sindelfingen Bürger aus vier Generationen getroffen, manche mit deutschen, andere mit türkischen Wurzeln. Sie haben Erinnerungen ausgetauscht an die Zeit, als in den 60er und 70er Jahren die Arbeitsmigranten aus der Türkei nach Sindelfingen gekommen waren. Die Älteren unter den Zugewanderten erzählten vom Kulturschock, der Einsamkeit und dem Heimweh. Die alteingesessenen Sindelfinger berichteten von ihren anfänglichen Vorbehalten gegenüber den Fremden und einer langsamen Annäherung. Aus den Plänen der Zuwanderer, zwei, drei Jahre Geld zu verdienen und dann in die Heimat zurückzukehren, wurde oft nichts. Die hier aufgewachsenen Kinder sind längst erwachsen, haben meist selbst Kinder – und fühlen sich als Sindelfinger.

Lieblingsmusik und -essen aus jeder Kultur

Bis zu 70 Bürger kamen zu den monatlichen Projekttreffen der Bürgerstiftung. Sie kochten sich gegenseitig ihre Lieblingsessen, spielten und sangen sich ihre Lieblingslieder vor. Aus diesen Erinnerungen und Geschichten entwickelten die Theaterpädagoginnen Anke Marx und Annette von der Mülbe ein Theaterstück. Im Mittelpunkt steht die Hochzeit einer jungen Türkin mit einem Deutschen. Am Vorabend – die Braut feiert das traditionelle Hennafest, der Bräutigam den Junggesellenabschied – treffen sich Jung und Alt und tauschen Geschichten aus.

Mit dieser Idee hatte sich die Sindelfinger Bürgerstiftung vor mehr als einem Jahr beim Ideenwettbewerb der Herbert-Quandt-Stiftung zum Thema „Brücken bauen zwischen Generationen“ beworben, 25 Bürgerstiftungen aus ganz Deutschland reichten Ideen ein. Acht von ihnen, darunter das Sindelfinger Projekt, befanden die Juroren der Quandt-Stiftung als förderungswürdig. Sie erhielten jeweils 5000 Euro Startgeld. Im Laufe des Jahres schauten Mitarbeiter der Quandt-Stiftung immer wieder in Sindelfingen vorbei. Sie waren auch dabei, als das Theaterstück im November erstmals aufgeführt wurde. Die 25 Schauspieler zwischen 8 und 80 Jahren gewannen mit ihrem berührendem, manchmal auch witzigen Stück nicht nur die Herzen des Sindelfinger Publikums, sondern auch die der Juroren.

15 000 Euro Preisgeld

„Ermutigend ist es zu sehen, mit welchen neuen Ideen die Stiftungen auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen reagieren“, sagte der Bundestagspräsident Lammert bei der gestrigen Preisverleihung. Erst dort erfuhren die Sindelfinger, dass sie den ersten Preis gewonnen haben. 15 000 Euro nahm Jutta Pflieger-Nolting, die stellvertretende Vorsitzende der Bürgerstiftung, entgegen. Damit soll das Projekt weiterentwickelt werden. An Ideen dazu mangelt es nicht. „Wir haben noch so viele Geschichten übrig, aus denen wir was machen können“, sagt Meral Yilmaz, die die Brautmutter spielte. Sie war wie alle anderen Schauspieler mit zur Preisverleihung nach Berlin gefahren. Sie seien zu einer festen Gruppe zusammengewachsen, sagen die Teilnehmer quer durch alle Generationen. Doris Hirsch, im Stück die Schwiegermutter Hilde, hat durch das Projekt mehr über Zuwanderer erfahren als in einigen Jahrzehnten als Erzieherin. „Ich habe engen Kontakt zu Deutschen bekommen“, sagt der 17 Jahre alte Oguzhan Güclü.

Das Projekt hat – ganz im Sinne des Wettbewerbs – das Gespräch zwischen den Generationen in Gang gebracht, auch außerhalb der Gruppe. Fatih Acar, Einwanderer der zweiten Generation, berichtete seinem Vater vom Theater. „Da kann ich Geschichten beisteuern“, meinte dieser – und gab seinem Sohn Dinge preis, über die er noch nie zuvor gesprochen hatte.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: