Er ist der größte deutsche Popstar. Herbert Grönemeyer stellt in Berlin seine neue Platte „Das ist los“ und – Überraschung – sein Kochbuch vor. Eine Begegnung im Restaurant Lovis.
Was ist los, Herbert? „Das ist los“, sagt er nonchalant. Herbert Grönemeyer kommt federnden Schrittes hinein in den großen Restaurantraum und nimmt ihn ein. Wie das große Künstler eben so machen. Er sagt einen Satz, der sitzt. Zur Präsentation seines, sage und schreibe, 16. Albums hat der große deutsche Popstar Journalistinnen und TV-Teams, Wegbegleiter und junge Talente ins Restaurant Lovis in Berlin-Charlottenburg geladen – an diesen tollen Ort, der in einem ehemaligen Frauengefängnis entstand. Das passt schon deshalb perfekt, weil neben einer Platte auch noch ein Kochbuch veröffentlicht wird. Vor geschmorter Rinderschulter mit Spitzkohl gibt es die neuen Lieder, es sind 13 Stück, mit denen er konstatiert, was denn eben so los ist bei ihm und den anderen.
Es ist bei Herbert Grönemeyer ein Entweder-oder. So wie manche Menschen Frühaufsteher sind und andere Nachteulen, gibt es bei Grönemeyer sehr viele, die ihn preisen, und auch welche, die mit ihm so absolut gar nichts anfangen können. Es gibt die einen, die ihn verehren, für seine Texte, seine Ehrlichkeit. Die anderen, die meinen, er könne weder singen noch tanzen.
Was ist los? Die Zeiten sind beunruhigend
Grönemeyer ist ein Schaffer und ein Malocher. Einer, der seiner Heimatstadt Bochum und den Männern Hymnen geschrieben hat. Einer, der erst als Schauspieler („Das Boot“) bekannt wurde. Der Durchbruch kam 1984, nachdem ihm die Stuttgarter Plattenfirma Intercord den Vertrag gekündigt hatte. „Bochum“ ist immer noch die größte, durchaus pathetisch-kitschige Liebeserklärung, die die Stadt im Pott und die gesamtdeutsche Arbeiterklasse jemals bekam. „Du bist keine Schönheit. Vor Arbeit ganz grau.“
Es geht wieder mal auf Spurensuche
Jetzt veröffentlicht er ein neues Album „Das ist los“. Es ist das 16. Werk des Künstlers, der sich darauf auf Spurensuche begibt, mal wieder der Bundesrepublik ins Herz und tief in die Seele blicken will: Was ist los?
Ganz schön viel und vor allem ganz schön viel Unheimliches, die Zeiten sind beunruhigend, das weiß auch der Popstar, der stets ganz nah dran ist am Empfinden der Menschen. Wenn jemand was zu singen hat zur Lage der Nation, dann ist es Grönemeyer. „Ich hoffe, das Album spricht für sich in diesen komplexen Zeiten“, sagt Grönemeyer. Er ist ein Sucher, schaut nach den passenden Beats und Melodien, dann kommen die Texte. „Dann suche ich wie ein wild gewordenes Känguru nach den Worten“, erzählt er. Hilfe bekam er von der Künstlerin Balbina und Max Richard Leßmann. Das neue Album ist in kleinen Orten entstanden: auf Gotland, der schwedischen Insel, wo er Kriegsschiffe im Hafen sah, als der Krieg in der Ukraine ausbrach. Er war mit seinem Produzenten Alex Silva im Studio in Umbrien, wo Lorena Autuori den beiden Herren beste italienische Kost vorsetzte. Echte Mamaküche, die nun von Grönemeyer in einem Kochbuch verewigt wurde.
„‚Mensch‘ ist das beste Lied, das ich je geschrieben habe“
Es trägt den Titel „Fatta a Mano“, zu Deutsch: handgemacht. Und genau das ist es ja auch, was Grönemeyers Musik schon immer auszeichnet, dieses Handgemachte, das Traditionelle, das Zeitlose.
Grönemeyer erzählt von einem Gericht, in dem Kartoffeln mit Nudeln kombiniert werden, aber eben auch viel von seiner Kunst: „‚Mensch‘ ist, meiner Meinung nach, das beste Lied, das ich je geschrieben habe.“ Entstanden ist es am 11. September 2001. Und vielleicht ist es genau das, was Grönemeyers Kunst ausmacht: Sie entsteht aus dem Augenblick, in der Gegenwart, um dann über die Jahre eine Allgemeingültigkeit zu bekommen.
Alles dabei, was Grönemeyer ausmacht
Und so weiß man natürlich auch nach ein, zwei Durchgängen des Albums kaum, was das jetzt alles soll. Erste Eindrücke? Es ist alles dabei, was Grönemeyer ausmacht. Diese klassische Pianoballade „Tau“, zu der nun die Smartphones bei den Konzerten der Tour im Mai leuchten dürften. „Herzhaft“ ist eine wortspielerische Liebeserklärung mit Beats von Hainbach. „Eleganz“ ist elektronischer Minimalismus. „Das ist los“, das titelgebende Stück, bringt die verwirrende Schleudergang-Gegenwart auf den Punkt: „Schuldenbremse, Windradpark, Lifehacks, Burnout, Horoskop, Cis, binär, transqueerphob.“ Die Herausforderungen sind groß, vielleicht hilft ja die Musik, zu der man tanzen, mitsingen und schunkeln kann – inklusive Oh-Oh-Oh-Chören.
Aber da sind natürlich auch die leiseren Töne: wie etwa der Song „Schlüssel“, der ein Bild von der Flucht zeichnet, wenn man den Haustürschlüssel in der Tasche hat, von dem man weiß, dass man ihn nicht mehr verwenden wird.
„Je krisenhafter eine Zeit ist, desto mehr versuchst du dich an die Dinge zu erinnern, die einem Mut machen“, sagt Grönemeyer im Lovis. Er schaut in die Ukraine und in den Iran. „Mich hat immer positiv gestimmt, wie 2015 die Menschen am Bahnhof den Geflüchteten entgegentraten. Das trägt mich heute noch. Wir tragen als Gesellschaft viel mehr humanistische Züge in uns, als wir gemeinhin denken.“
Er gibt den Menschen Hoffnung
Natürlich weiß er, dass die Gegenwart jedoch nicht rosarot ist. Und dennoch: Er ist einer, der den Menschen Hoffnung gibt. So singt er in dem NDWesken Lied „Angstfrei“ die Wörter heraus: „Freiheit, Neuzeit, vor allem angstfrei, in der Unruhe liegt die Kraft.“ Und weiter: „Wer nicht strampelt, klebt an der Ampel und wartet auf Grün.“ Politischer wird’s nicht.
Treibend und stampfend ist „Deine Hand“. „Hoffnung ist gerade so schwer zu finden“, singt Grönemeyer. Und: „Fühl’ mich blind für Perspektiven, die uns weiterbringen.“ Es wäre aber nicht Grönemeyer, wenn er nur schwarzmalen würde: „Deine Hand gibt mir den Halt, den ich so dringend brauch. Wir können uns noch retten.“ Wie gerne würde man ihm glauben.
Herbert Grönemeyer
Der Mann
Herbert Grönemeyer, geboren am 12. April 1956 in Göttingen unter dem Namen Herbert Arthur Wigley Clamor Grönemeyer, ist Musiker, Sänger und Schauspieler. Seit mehr als vierzig Jahren ist er im Geschäft.
Das Album
„Das ist los“ ist am 24. März bei Grönland / Universal erschienen.
Das Kochbuch
In „Fatto a Mano“ (At Verlag) sind Rezepte von Lorena Autuori gesammelt. Sie hat Herbert Grönemeyer und seinen Produzenten in Italien bekocht.
Die Tour
Herbert Grönemeyer geht im Mai auf Tour, die am 16. Mai in Kiel startet. Am 30. Mai gastiert er in der Stuttgarter Schleyerhalle.