Mit Poesie und Politik ist „Tumult“ das Album der Stunde – eine Begegnung mit Herbert Grönemeyer, der sein gesellschaftliches Engagement in beschwingte, mutmachende Lieder gepackt hat.
Berlin - Albumvorstellungen mit Deutschlands erfolgreichstem Musiker haben etwas Rituelles. Die Plattenfirma lädt verlässlich alle vier Jahre in ein Berliner Luxushotel ein, serviert köstliche Nahrung in flüssiger und fester Form sowie die neuen Songs von Herbert Grönemeyer, der anschließend aus der Kulisse federt und sich befragen lässt. „Die Zeiten sind nicht mehr danach, dass man auf dem Sofa sitzen bleibt“, sagt er, „jeder von uns muss sich engagieren. Dass auch Journalisten Haltung beziehen, halte ich für wichtig. Wir trommeln jetzt alle so lange, bis wir den Rechten den Atem rauben.“ Grönemeyer sitzt auf einem Barhocker, zischt ein Bierchen aus dem Schwarzwald und hat vorzügliche Laune. Die von der Moderatorin zugespielten Bälle zu seinem Tanzverhalten auf der Bühne versenkt er sicher im Netz.
Dennoch: Etwas ist anders. Der Ton der Veranstaltung, auch der Grundton des sechzehn Stücke umfassenden „Tumults“ ist ernster als üblich, entsprechend der gesellschaftlichen Lage. Und Grönemeyer, nah dran an der Befindlichkeit der Menschen, prescht inmitten des nervösen deutschen und europäischen Geraunes vehementer als sonst in politische Gefilde vor. „Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante? Wie schaffen wir es, uns zusammenzurotten, egal ob wir von der linksliberalen oder der wertkonservativen Seite kommen? Wir müssen alle näher zusammenrücken.“ Und deshalb will der 62-jährige Künstler, ganz in Schwarz und mit Designerbrille einer zeitlosen Erscheinung sehr nahekommend, mit seiner Musik ein Hoffnungsträger sein. Die #unteilbar-Demo in Berlin mit 240 000 Teilnehmern, das Festival für Demokratie und Toleranz im mecklenburgischen Jamel sowie die nach wie vor zahlreichen ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuer, all das bewege ihn tief. „Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. In Deutschland herrscht kein rechter Geist. Die große Mehrheit der Menschen ist offen, aufgeklärt und humanistisch.“ Zugleich aber halte er den Rechtsruck für ein Problem, „das man nicht mit einem Mausklick“ wegbekomme. „Das Thema wird uns die nächsten zehn Jahre begleiten.“
Songs, die grooven und steppen
Nun kann man nicht behaupten, dass Grönemeyer die Politik jetzt jäh und plötzlich für sich entdeckt hätte. „Mit Gott auf unserer Seite“ von 1988 griff er den Selbstmord von Uwe Barschel auf, „Die Härte“ von 1993 brillierte mit der Zeile „Hart im Hirn, weich in der Birne“ und zielte auf den wieder erstarkten Rechtsextremismus. Dennoch rücken auf dem neuen Album die politischen Lieder stärker ins Zentrum und treffen auf Ohren, die gespitzter sind als in den Jahren zuvor. Ein Lied wie „Doppelherz/ Iki Gönlüm“, in dem Grönemeyer auch auf Türkisch erklärt, wie gut sich Reisen als Mittel gegen Engstirnigkeit eignet, erregt die Internet-Trolle mit ihren Shitstorms sehr, sehr heftig. „Ich finde es in Ordnung, wenn die Leute meine Musik nicht mögen“, sagt der in zweiter Ehe verheiratete Vater von zwei Kindern, der in Bochum aufwuchs und nach seinem Intermezzo in London seit neun Jahren wieder in Berlin lebt: „Hass bin ich gewohnt.“ Für ihn sei nur wichtig: „Ist es ein gutes oder ein schlechtes Lied? Groovt und steppt es?“
Und ja, die meisten Tumult-Songs tun genau das. Grönemeyers Auseinandersetzung mit dem Politischen ist auf seinem neuen Album „beschwingt und leichtfüßig“, wie er sagt. Die aufrüttelnden Stücke wie „Bist du da“ oder „Fall der Fälle“ drängen musikalisch nach vorn und zählen zu den schmissigsten der wie immer von Alex Silva koproduzierten Platte. Das aufmunternde „Taufrisch“, musikalisch ein klassischer Grönemeyer, taugt auch als Motivationssong vor der Alpenquerung: „Warten bis der Tag bricht/ und die Sonne sich regt/ uns wiederbelebt/ jetzt erst recht“. Und das von Keyboards geprägte „Leichtsinn & Liebe“ – „Ja, sein wir ehrlich / alles ist gefährlich“ – hebt die Laune mit großem, melodisch höchst eingängigem Pop. Dass „Tumult“ trotz dieser heiteren Momente, zu denen auch die Liebeslieder „Sekundenglück“ und „Mein Lebensstrahlen“ zählen, insgesamt eher einen melancholisch dunklen Eindruck hinterlässt, liegt dabei gar nicht so sehr an den politischen, sondern an den persönlichen Songs, die voller Selbstzweifel stecken und von denen es auf dem Album einige gibt. Auf „Warum“ zum Beispiel thematisiert der Künstler, der in Deutschland mit allen zehn Alben seit „4630 Bochum“ auf dem ersten Hitparadenplatz landete, seine Angst. Und auch „Verwandt“, ein Lied über eine Liebe, die nicht sein soll, greift ans Herz.
Mit der Musik ist es wie mit dem Küssen
Grönemeyer, der das Album an diesem Abend selbst zum ersten Mal „halbwegs entspannt“ gehört haben will, hat zu den Liedern noch ein „verkrampftes Verhältnis“. Muss er aber nicht: „Tumult“ ist ein Werk mit Melodien und Texten, die solide, stark und tiefgründig sind. Der Mann ist noch längst nicht am Ende seiner Kunst. Mit dem Liederschreiben, sagt er und setzt einen verschmitzten Gesichtsausdruck auf, sei es wie mit dem Austausch von Zärtlichkeiten. „Auch wenn du schon sechzig Jahre lang geküsst hast, hörst du nicht einfach auf mit dem Küssen. Ich jedenfalls bleibe dran“ – und das gelte auch für die Musik. Er möchte so lange weitermachen, bis er das Gefühl habe, nur noch peinlich zu sein. Bis dahin aber stehe er gerne auf der Bühne, das sei das „ultimative Glücksgefühl“ für ihn. Und sowieso: Wo gebe es das schon, „dass die Leute klatschen, wenn man zur Arbeit kommt?“ Unter langanhaltendem Beifall trinkt Herbert Grönemeyer sein Schwarzwaldbier aus und lächelt.
Herbert Grönemeyers neues Album „ Tumult“ (Grönland/Universal) erscheint am Freitag, 9. November. Am 16. März 1019 stellt er das neue Album in Stuttgart in der Schleyerhalle vor. Das Konzert ist bereits ausverkauft.