Der da tanzt und schwitzt und schreit, ist Herbert Grönemeyer in der Stuttgarter Schleyerhalle. Foto: Ferdinando Iannone©

12500 Fans kamen in die Schleyerhalle – und erlebten einen vor Energie berstenden Herbert Grönemeyer. Der 62-Jährige tritt als Superstar auf, der den Mut hat, sich selbst zu parodieren.

Stuttgart - „Ich sehe mir heute verdammt ähnlich / und irgendwie find‘ ich das auch schön.“ Herbert Grönemeyer singt das; die Zeilen stehen in der ersten Strophe des Liedes, mit dem er sein Konzert in der Schleyerhalle beginnt, am Samstagabend. Natürlich stimmt es: Grönemeyer sieht niemand anderem ähnlich als sich selbst, hört sich an wie kein anderer. Im Guten, im Schlechten: Er ist Deutschlands unverwechselbarster Popstar. Er ist auch, nach wie vor, der in Deutschland kommerziell erfolgreichste Interpret – noch vor Madonna, Phil Collins, Michael Jackson, vor Westernhagen, Maffay und Helene Fischer.

Allerdings: Herbert Grönemeyers letzter und größter Hit „Mensch“ erschien vor 17 Jahren. Hernach kletterten seine Alben weiter wie gewohnt an die Spitze der Charts, aber die Ohrwürmer blieben aus. Fans und Kritiker beklagten zunehmend die Belanglosigkeit seiner Veröffentlichungen. Noch 2011, als Grönemeyer mit seiner „Schiffsverkehr“-Tour auf dem Cannstatter Wasen gastierte, lockte er 32 500 Zuhörer an. Am Samstag ist die Halle mit 12 500 Menschen nicht vollständig gefüllt – aber doch ist alles anders: Herbert Grönemeyer überrascht mit Selbstironie und einem wilden, vitalen Auftritt, wirkt so energiegeladen und überdreht wie eh und je, er singt sich die Seele aus dem Leib. Im April feiert er seinen 63. Geburtstag; er ist seit 40 Jahren im Musikgeschäft, seit 35 Jahren ein deutscher Superstar. Und er will es noch einmal wissen, das ist bald schon klar.

Plötzlich wird klar, dass der Mann Humor hat

Überraschend auch, wie bruchlos sich Grönemeyers neue Songs an seine bekannten Hits anschließen. „Tumult“, sein jüngstes, 15. Studio-Album, erschien im November und spaltete wie gewohnt: für die einen war es etwas Neues vom alten „Herbie“, für die anderen ein weiteres Beispiel für seine Belanglosigkeit. „Sekundenglück“, jenes erste Stück, in dem er sich über seine Selbstähnlichkeit freut, „Bist du da“, „Immer“ und „Taufrisch“, die folgen, stammen alle von diesem Album, dazwischen kommt „Kopf hoch, tanzen“, 12 Jahre alt, ein Stück, bei dem der Sänger vorführt, was er fordert.

Grönemeyers Publikum nimmt diese Stücke begeistert auf, kennt ihre Texte, und kennt es sie nicht, darf es sie ablesen von Leuchttafeln auf der Bühne. „Und immer“ heißt der Song, ein paar Zeilen sind neu: „Und jeder braucht ein trautes Umfeld / keiner wohnt für sich. Jeder braucht sein Heim als Schutzfeld / baut es auf für dich und mich.“ Grönemeyer sagt: „Ich denke, wir sind jetzt warm gesungen“, Musikunterricht mit Onkel Herbert, etwas gutbürgerliche Einfühlung in gesellschaftliche Problemzonen zudem.

Immer schon konnte man auch Grönemeyers Sprache, seine Metaphern, sein Engagement einigermaßen bemüht finden; fast möchte man in ihm das Vorbild all jener jungen deutschen Songwriter sehen, die heute so gerne Texte aus ihrem Poesiealbum vortragen. Auf der Bühne aber schüttelt Grönemeyer all das ab. Plötzlich wird klar, dass der Mann im schwarzen Anzug, in weißen Turnschuhen, der da tanzt und schwitzt und schreit, Humor hat.

Schon bei „Was soll das“, dem Tobsuchtslied des abservierten Liebhabers, stellte sich der Verdacht ein, dass all dies vielleicht doch auch einen komödiantischen Ton besitzen könnte. Der Star mit der kehligen Stimme, dem charakteristischen Japsen, dem Heulen, das pathosgesättigt Silbenberge erklimmt und in wortlose Schluchten fällt, nimmt sich gerne selber auf den Arm. Spätestens dann, wenn er sich an den Flügel setzt und den Grönemeyer-Song aller Herzschmerzsüchtigen anstimmt – „ein sperriges Stück, das an uns klebt“ – verfliegt jeder Zweifel.

Die Gänsehaut ist weg, Gelächter bleibt

„Flugzeuge im Bauch“ heißt das Lied, das seit jeher für Gänsehaut sorgt. Grönemeyer legt 2019 eine angejazzte Version vor, stellt einen Kontrabassisten neben sich auf, der zu seinem Piano spielt – und er zerlegt das Stück. Er singt, schnauft und bellt, verlässt den Text, überlässt sich den kehligen Geräuschen, lädt die so sensiblen Zeilen auf mit allen Grönemeyer-Klischees, er parodiert sich selbst. Die Gänsehaut ist weg, Gelächter bleibt. Diese Chuzpe muss einer erst einmal haben.

Grönemeyer kann sich das leisten. Er weiß, er ist der Größte, die Zahlen belegen es. Mit seiner Eitelkeit kokettiert er unentwegt am Samstag. Die Menschen, behauptet er dreist, kämen zu seinen Konzerten nicht wegen seiner Musik oder seinen Texten, sondern weil er so gut aussieht. Für den besten aller Tambourin-Spieler hält er sich außerdem. All das erzählt er in unbekümmert albernem Tonfall. Seine Musik indes hat er gründlich entschlackt. Wenige Stücke des Konzertes fallen in jene Sparte, die den Mann am Klavier und seine tiefen Gefühle unabdingbar machen: „Halt mich“, und natürlich „Der Weg“, das Lied, das er für seine früh verstorbene Frau Anna schrieb. Hier leuchten die Feuerzeuge, Streicherklänge hüllen seinen Gesang ein, der Ton ist ernst.

Grönemeyers Laune könnte nicht besser sein

„Bochum“, „Alkohol“ und die berühmte Sammlung aller Männerkrankheiten stehen dagegen schon sehr früh auf dem Programm und kommen an als knochentrockene Rocknummern, vollgepackt mit harten Riffs und Soli für Saxofon und Gitarre. Grönemeyer, der mit seinem Label Grönland Records Postpunk Bands wie Gang of Four produziert und Krautrock-Größen wie Neu! und Holger Czukay wiederentdeckt hat, weiß ja eigentlich, wie gute Musik geht. Nur: Er hat manchmal halt seine Launen.

Am Samstag könnte Grönemeyer Laune nicht besser sein. Es bereitet ihm unverkennbares Vergnügen, auf der Bühne zu stehen und sich dort abzureagieren. Er geht in die Knie, er brüllt, er strapaziert seine Stimmbänder. Fort die Innerlichkeit, die wolkigen Gefühle, Grönemeyer scheint vor Energie zu bersten. Er holt sich den Kreuzberger Rapper BRKN auf die Bühne, 35 Jahre jünger als er, und singt mit ihm. Er lässt keinen seiner großen Hits aus.

Er denkt an Neuseeland, er warnt vor Populisten. „Dieser rechte Geist ist ein Virus“, ruft er, „keinen Millimeter nach rechts!“ und singt zum Thema seinen Song „Fall der Fälle“, singt dann auch „Mensch“. Mehr als 100 Minuten steht Herbert Grönemeyer in Stuttgart auf der Bühne, gibt drei Zugaben g und schickt sein Publikum mit einem eigenen Gute-Nacht-Lied und dem neuen Song „Immerfort“ nach Hause.

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