Wohin mit der Wut – beziehungsweise: Wieso ist das Kind so wütend? Foto: imago

Die Gewalt an in Kitas steigt an – und oft geht sie von Kindern aus. Erzieher und Erzieherinnen werden heute auf den Umgang mit schwierigen Kindern geschult. Auch Eltern können viel davon lernen.

Knapp ein Drittel der Meldungen von Gewalt in Kitas geht auf Aggressionen zurück, die von Kindern ausgingen. Wer seinem Umfeld von solchen Zahlen berichtet, hört auch heute noch häufig: „Den frechen Kindern gehört einfach mal so richtig eine an die Backe hin.“ Noch vor wenigen Generationen war es schließlich normal, Jungen und Mädchen, die sich komplett danebenbenommen haben, zu schlagen, zu isolieren oder anders hart zu bestrafen.

 

Heidelinde Finkbeiner-Knapp erklärt, weshalb übergriffige Handlungen keine Lösung sind im Umgang mit Sprösslingen, die hauen, beißen oder Sachen durch die Gegend werfen. Für den Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) leitet sie Seminare für Erzieherinnen zum Thema „Umgang mit besonders herausfordernden Kindern“. Ihr Motto: „Probleme sind Lösungen“. Denn jedes Fehlverhalten sei der Wegweiser zu dem Bedürfnis eines Kindes, das nicht befriedigt ist. Es geht dabei häufig um fehlende Bindung, Sicherheit oder zu viel Stress.

Kind hetzt Erzieherinnen auf, damit sich Eltern vertragen

Die einfache Lösung gibt es dabei allerdings nicht. Um zu zeigen, wie komplex das Thema „Gewalt bei Kindern“ sein kann, packt die Erziehungsexpertin schon mal eine Anekdote aus ihrem 16 Jahre lang gesammelten Erfahrungsschatz aus. Zum Beispiel wurde sie vor einiger Zeit als Fachberaterin in eine Kita gerufen, um einen Jungen zu beobachten, der jeden Tag völlig austickte, wenn es um das Aufräumen in der Kita ging.

Was die anderen in die Kisten zurücklegten, schüttete er wieder aus und warf es durch die Gegend. Er war dabei nicht mehr in den Griff zu bekommen und steigerte sein Verhalten mit der Zeit. Zum Schluss kam heraus, dass seine Eltern kurz vor der Trennung standen und sich daheim sehr viel stritten.

Immer wenn das Kind eine Menge Rabatz in der Kita machte und die Erzieherinnen darüber mit den Eltern redeten, drehte sich der Wind zu Hause. Dann richtete sich die Wut der Eltern nicht mehr gegeneinander, sondern gegen die vermeintlich unfähigen Erzieherinnen. Für das Kind schienen Mama und Papa dann wieder vereint zu sein. Nachdem die Ursache für das Austicken gefunden war, konnten alle Parteien daran arbeiten.

Zur Lösung des Problems geht es dann in kleinen Schritten. Es gilt dabei, dem Kind nun alternative Handlungsweisen zu zeigen und diese zu üben. Denn: „Wenn Kinder problematisch sind, sehen sie in ihrem Verhalten die Lösung für ihr Problem“, erklärt die Fachberaterin. Statt den Sprössling aus der Situation zu nehmen, in der er immer eskaliert, wird er behutsam mit ihr konfrontiert. „Klappt etwas noch nicht, würde ich sagen: Schade, es hat noch nicht ganz geklappt, dies oder das war aber schon sehr gut“, erklärt die Erziehungsexpertin. „Es ist wichtig, Kindern zu vermitteln: Du schaffst das!“

Kleinkinder überhören das Wort „nicht“

Um Gewalt erst gar nicht entstehen zu lassen, geht es um die kleinen Dinge im Alltag, die eine Menge Dampf aus dem Kessel nehmen können. Das Ventil ist die richtige Kommunikation. Der Trick dabei ist, Regeln positiv zu formulieren. Das helfe Erzieherinnen genauso wie Eltern.

Ein Beispiel: Kinder unter vier Jahren überhören das Wörtchen „nicht“. Wenn nun also jemand brüllt: „Wirf den Stein nicht!“, dann wird er trotzdem fliegen. Richtig wäre: „Leg den Stein vor deine Füße!“ Dinge positiv zu formulieren, gelinge aber den Gehirnen von Erwachsenen nicht so einfach, erklärt Finkbeiner-Knapp. „Das ist Trainingssache“, sagt sie. Wichtig sei, sich immer wieder daran zu erinnern, wie eine positive Formulierung funktioniert. So geht es dann irgendwann im Reflex, dass man ruft: „Bleib auf dem Gehweg!“ statt: „Lauf nicht auf die Straße!“

Schäufelchen auf den Kopf schlagen ist normal

Bei den ganz kleinen Knirpsen sollten sich die Eltern auch noch nicht allzu große Sorgen machen: Haut ein Zweijähriger einem anderen im Sandkasten das Schäufelchen auf den Kopf, ist das ein ganz normales Verhalten. „Die Impulskontrolle entwickelt sich bei Kindern erst im vierten Lebensjahr“, erklärt die Fachberaterin.

Dabei komme man mit Sprache allerdings nicht sehr weit: „Sich selbst zu kontrollieren, lernen Kinder in erster Linie im Spiel mit anderen Kindern.“ In der Kita werden deshalb zum Beispiel Stop-and-go-Spiele eingesetzt, die sich auch für jeden Kindergeburtstag eignen.

Das funktioniert so: Die Musik stoppt und die Kinder müssen wie eingefroren stehen bleiben. Wer sich bewegt, fliegt raus. „Sie haben großen Spaß dabei und wollen das immer wieder versuchen. Durch die Wiederholungen üben sie sich selbst zu kontrollieren“, erklärt Finkbeiner-Knapp.

Die Tipps aus ihrer Erziehungsschatzkiste scheinen unendlich zu sein. Eines bleibt aber immer gleich: „Es ist wichtig, die Ursache zu finden und nicht nur die Symptome zu bekämpfen“, sagt sie. Durch eine Backpfeife lässt sich also ein besonders herausforderndes Kind nicht auf einen besseren Weg bringen.

Info

Große Gruppen sind das Problem in Kitas
Der Bedarf für Schulungen für den Umgang mit besonders herausfordernden Kindern besteht besonders seit dem Jahr 2010 in Kitas. Seit diesem Jahr gibt es den Anspruch auf einen Kita-Platz. Das Problem: Größere Gruppen treffen auf weniger gut ausgebildete Fachkräfte, weil es an diesen mangelt. „Manche Kinder sind sehr gestresst durch große Gruppen“, sagt Heidelinde Finkbeiner-Knapp. „Viele Erzieherinnen haben mir berichtet, dass auffällige Kinder in den kleinen Gruppen während der Notbetreuung in der Corona-Krise viel ruhiger gewesen sind.“ Dazu kommt: Wachsen die Gruppen, sind auch mehr Kinder in einer Gruppe, die einen erhöhten Betreuungsbedarf haben. „Ich habe die Not der Fachkräfte vor Ort erlebt“, sagt die Fachberaterin.

Gewaltschutzkonzepte
Kitas in Baden-Württemberg sind inzwischen gesetzlich dazu verpflichtet Gewaltschutzkonzepte zu entwickeln. Der KVJS hat sie dazu aufgefordert, diese bis Ende dieses Jahres vorzulegen. Seminare, die das Thema Gewalt in Kitas behandeln sind deshalb gerade sehr stark nachgefragt.