Horst Etzel verlässt das Hemminger Rathaus nach mehr als vier Jahrzehnten. Foto: factum/

Der Kämmerer hat eine bedeutungsvolle Aufgabe in jeder Gemeindeverwaltung. Horst Etzel war für die Finanzen der Gemeinde rund 40 Jahre lang verantwortlich. Jetzt geht der Hüter der Hemminger Schatulle in den Ruhestand.

Hemmingen - Überschlägig rechnen kann er seit der Schulzeit. Für die genauen Ergebnisse braucht er heute die Lesebrille, die am Bändel um den Hals hängt, seine Rechenmaschine oder den Computer. „Ich sehe meistens gleich, ob in einer Aufstellung etwas nicht stimmt“, sagt Horst Etzel. Mehr als 40 Jahre hat der Kämmerer von Hemmingen beruflich mit Zahlen verbracht. Jetzt geht er zum Monatsende in den Ruhestand, die offizielle Verabschiedung hat schon stattgefunden. Über eines ist der 64-Jährige froh: Die Gemeinde hat im Kernhaushalt keine Schulden. Vor Jahrzehnten war das anders.

1971 mit der Ausbildung begonnen

1971 hatte Etzel, damals 16 Jahre alt, im Schwieberdinger Rathaus mit der Ausbildung angefangen. Er erzählt das mit Trauer in der Stimme: Nur wenige Stunden vor dem Gespräch mit unserer Zeitung erfuhr er, dass sein jahrzehntelanger Weggefährte Gerd Spiegel, mit dem er im selben Spätsommer begann und der später 32 Jahre lang Bürgermeister in Schwieberdingen war, überraschend gestorben ist. Nach dem Studium, dem Diplom und einer Zwischenstation bei der Stadt Stuttgart heuerte Etzel 1979 als Leiter des Steueramts im Hemminger Rathaus an. „Ich habe mir damals fünf bis sechs Jahre gegeben“, sagt er schmunzelnd. Das war wohl das einzige Mal, dass er sich verkalkuliert hat. Denn er wurde Kämmerer – und blieb vier Jahrzehnte.

Eingestellt hatte ihn Werner Nafz, der Bürgermeister von 1978 bis 2010. „Hemmingen hatte kein Geld, aber viele Schulden“, erinnert sich Etzel. Einige Jahre habe man gebraucht, bis diese Phase und die Altlasten aus der Zeit von Nafz’ Vorgänger überwunden waren. Hemmingen sei damals „wachstumsstark“ gewesen: 1970 hatte die Gemeinde gut 3000 Einwohner, 1987 waren es 6900, heute sind es mehr als 8100. Den Sprung über die 8000er-Grenze brachte das Neubaugebiet Hälde.

Hälde brachte den Auftrieb

Das half auch in anderer Beziehung. Dort wohnen nicht die Ärmsten, und Leute mit guten Jobs bringen Geld ins Rathaus. Neben der Gewerbesteuer der örtlichen Firmen ist jede Kommune auf den Anteil an der Einkommensteuer ihrer Bewohner angewiesen. Der ist heute mit knapp fünf Millionen Euro fast so groß wie das Gewerbesteuer-Aufkommen. Letzteres war schon im zweistelligen Millionenbereich– und sank von 2013 an rapide ab, als eine Autofirma, die in Hemmingen ein Entwicklungszentrum betreibt, dem VW-Konzern angeschlossen wurde. Etzel wahrt das Steuergeheimnis und nennt keine Namen – aber jeder weiß, dass es sich um Porsche handelt. „Der Rückgang hat uns zwar nicht das Genick gebrochen, es wurde aber drei Jahre lang sehr schwierig.“

Mit Geld umzugehen ist der Job des Kämmerers. Er ist für den Haushalt zuständig – das heißt, er sagt dem Rathauschef und dem Gemeinderat, wie viel Geld rein kommt und wofür man es ausgeben könnte. Mit Bürgermeister Thomas Schäfer sei das einfach, meint Etzel schmunzelnd, „Herr Nafz kannte jede Zahl und hat hinterfragt“. Den Kämmerer freut es, dass die Gemeinde seit einigen Jahren viel in die Infrastruktur investieren konnte: in das Kinderhaus Hälde, in das Feuerwehrhaus. Die Gemeinschaftsschule wird zusammen mit den Nachbarn erweitert und saniert, die Hemminger arbeiten nicht nur der Schule wegen mit Schwieberdingen seit Jahrzehnten zusammen.

Nachfolgerin ist eingearbeitet

Horst Etzel ist es vor seinem letzten Arbeitstag am 28. Juni nicht bange. Die Gemeinde hat zur Zeit pro Jahr etwa zehn Millionen Euro für Investitionen, als nächstes Projekt ist der Bauhof ins Auge gefasst. Seine Nachfolgerin Bianca Pfisterer ist eingearbeitet, die Umstellung auf das neue Rechensystem seit 2014 abgeschlossen. Und Etzel hat sein privates Abschiedsgeschenk für die Gemeinde geschnürt: Die Haushaltspläne für 2018 und 2019 schließen mit einem Plus, die Entwürfe für 2020 und 2021 mit einer schwarzen Null.

Bleibt die Frage, was der 64-Jährige nach dem 28. Juni vorhat. „Ich habe schon etliche Angebote. Im ersten halben Jahr will ich aber meine Ruhe haben“, sagt er. Dann stehe wieder das Fotografieren auf dem Plan, ebenso wie Urlaubsfahrten mit der Lebensgefährtin, und für die Freien Wähler wolle er politisch aktiv sein. „Hemmingen lebt auch ohne mich weiter.“ Sagt er und nimmt seine Jacke vom Haken. Mittagspause. Bald wird er die Jacke zum letzten Mal vom Haken nehmen.

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