Helmverweigerer oder Helmträger Wie viel bringt ein Fahrradhelm wirklich?

Von Alexandra Belopolsky 

Viele Menschen weigern sich, einen Fahrradhelm zu tragen. Aber warum eigentlich genau? Und wie gut schützt der Helm bei einem schweren Unfall wirklich? Fragen und Antworten:

Stuttgart - Groß, bunt und verachtet: Der Fahrradhelm ist – trotz Kampagnen und modischer Stilisierungsversuche – ein unbeliebter Teil der Radausrüstung. Nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) beim Bundesverkehrsministerium, trugen im Jahr 2017 insgesamt nur 19 Prozent aller Fahrradfahrer in deutschen Städten einen Schutzhelm.

Der größte Gegner des Helms ist wohl die Eitelkeit. Helmverweigerer klagen über die Zerstörung, die die Kopfbedeckung an der Frisur anrichtet. Für viele ist ein Fahrradhelm schlichtweg „uncool“. Dies ist an dem Unterschied zwischen den Altersgruppen gut zu erkennen. Während bei Kindern von sechs bis zehn Jahren die Helmtragequote (dank Eltern) bei 72 Prozent liegt, sinkt sie bei Jugendlichen zwischen elf und 16 Jahren auf 34 Prozent. Im Prinzip also genau in dem Alter, in dem das Aussehen eine größer werdende Rolle spielt. Experten dagegen betonen die Schutzfunktion des Helmes.

Woraus besteht ein Fahrradhelm?

Der Fahrradhelm besteht aus einer Schaumstoff-Füllung und einer Schale. Je nachdem, wofür man das Fahrrad nutzt und unter welchen Bedingungen man damit fährt, kann zwischen Mikroschale oder Hartschale gewählt werden. Diese haben unterschiedliche Beschichtungen und sind auf unterschiedliche Risiken angepasst. Vom Weichschalen-Helmen raten Experten ab.

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Wovor schützt er?

Der Fahrradhelm schützt vor oberflächlichen Verletzungen von Haut und Gewebe, vor Schädelverletzungen und vor Hirnverletzungen. „Bei einem Unfall hat der Helm zwei wichtige Funktionen“, sagt Daniel Huster vom Referat für passive Fahrzeugsicherheit und Biomechanik bei der BASt. „Er verteilt die Kraft und verringert die Verzögerung“.

Wie funktioniert der Schutz?

Da der Kopf rund ist, hat er bei einem Aufprall einen kleinen Kontaktbereich. Bei einem Fall mit hoher Geschwindigkeit wird der Schädel an der Kontaktstelle überlastet – was zu Schädelbrüchen führen kann. Der Helm verteilt die Kraft auf eine breitere Kontaktfläche – einfach weil er stabiler ist als der menschliche Schädel. „Der Helm opfert sich anstatt des Schädels – es ist ja nicht schlimm, wenn der Helm kaputt geht“, formuliert es Huster.

Mit verringerter Verzögerung ist die Zeit gemeint, die der Kopf bei einem Fall oder Zusammenstoß braucht, um in Kontakt mit einer harten Oberfläche zu kommen. Ohne den Helm ist diese Zeit kürzer und die Geschwindigkeit, mit der der Kopf gegen die Fläche trifft, höher – was zu tödlichen Verletzungen führen kann. Der Helm dient dazu, die Kontaktzeit zu verlängern und die Geschwindigkeit abzubauen.

Ist die Geschwindigkeit nicht egal, wenn der Kopf sowieso betroffen ist?

Die Geschwindigkeit ist ein kritischer Faktor. Christopher Spering ist Leiter der Sektion Prävention der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). In seiner Arbeit als Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der Universitätsmedizin Göttingen behandelt er pro Jahr rund 50 schwerstverletzte Patienten nach einem Fahrradunfall.

„Aufgrund der Trägheit der Masse wird das Gehirn beim Unfall mit dem Fahrrad nach einer abrupten Abbremsung durch den Aufschlag des Kopfes gegen die Innenwand der harten Schädelwand gedrückt“, erklärt Spering. Im Rahmen dieser Quetschung, der sogenannten Kontusion, können Blutgefäßen zerreißen und zu einer Hirnblutung führen – die von außen nicht sofort erkennbar ist.

Was können die Folgen sein?

Die langfristigen Folgen des Verletzungsausmaßes können vielfältig sein und hängen von der einwirkenden Energie und den verletzten Arealen im Gehirn ab. „Die milde Form einer Hirnverletzung kann zu temporären Einschränkungen führen, zum Beispiel Erinnerungslücken“, sagt Spering. „Bei der schweren Form liegen die Menschen zum Beispiel langfristig im Koma oder können, abhängig von dem Ort der Verletzung im Gehirn, nicht mehr sprechen oder Sprache verstehen.“

Bringt ein Helm bei einer Kollision mit einem Auto überhaupt etwas?

„Eine Kollision ist zwei Unfälle in einem“, sagt Huster. Der erste ist der Zusammenstoß an sich, der zweite – der daraufhin folgende Fall auf die Straße, bei dem man wieder dem Risiko einer Kopfverletzung ausgesetzt ist. Dieser sogenannte „sekundärer Anprall“ ist gefährlich. „Der Helm kann in vielen Zusammenstoßen mit einem Auto helfen“, sagt Huster. „Eine Motorhaube kann vergleichsweise weich sein – die Straße nicht“.

Wann schützt der Helm nicht?

„Wenn der Unfall schwer genug ist, kann ein Schädelbruch auch mit einem Helm passieren“, sagt Huster. Der Helm funktioniere nur in einem begrenzten Bereich. „Wenn ich gegen eine starre Wand fahre, hilft auch der Helm nicht.“ Auch könne ein Auto einen Radfahrer an unterschiedlichen Körperstellen erfassen.

„Das Tragen des Helms verhindert den Unfall an sich nicht“, sagt Spering. „Der Helm schützt jedoch den Kopf und das Gehirn vor schwereren Verletzungsfolgen und kann die einwirkende Energie deutlich mildern.“

Ist ein schlechter Helm besser als gar kein Helm?

„Ja“, sagt Huster. „Auch ein schlechter Helm kann in der Regel noch schützen“, ist er sicher. Und wenn der Helm gar nicht passe, könne er bei einem Unfall einfach wegfliegen. „Er macht aber die Sache nicht schlimmer.“

Wie sieht die Unfallstatistik für Fahrräder aus?

Die jüngste bundesweite Unfallstatistik des statistischen Bundesamts stammt aus dem Jahr 2016. Damals wurden 81.272 Fahrradunfälle registriert, 459 davon – inklusive Pedelecs von bis zu 25 km/h – in Stuttgart. Eine bundesweite Statistik über Fahrradunfälle mit und ohne Helm gibt es nicht.

Nach dem Bericht der Polizei Stuttgart, gab es im Jahr 2017 in Stuttgart 447 Unfälle mit Radfahrern, die zu 64 Schwerverletzten führten. In 36 Prozent aller Unfälle war kein Helm vorhanden, in 31 Prozent aller Unfälle war er vorhanden jedoch falsch oder gar nicht benutzt. „Die Polizei empfiehlt ausdrücklich einen Helm zu tragen“, so Martin Schautz, Pressesprecher im Polizeipräsidium Stuttgart.

Und was mit den Pedelecs?

Es gibt mehr Unfälle, an denen Pedelecs beteiligt sind. Das liegt jedoch daran, dass es mehr Pedelecs im Verkehr gibt, sagen die Experten. Menschen, die vorher gar kein Fahrrad gefahren sind, nutzen nun Pedelecs, die den Körper weniger belasten. Dazu kommt das Alter: Pedelec-Fahrer sind im Schnitt eher älter, was einen Einfluss auf die Reaktionsfähigkeit und auch auf die Schwere eines Unfalls haben kann.

Ein wichtiger Unterschied bei Pedelecs ist ihre maximale Geschwindigkeit. Pedelecs, die schneller als 25 km/h fahren können – sogenannten S-Pedelecs – sind keine Fahrräder mehr sondern Kleinkrafträder, mit einem Moped vergleichbar. Diese unterliegen anderen Regeln – inklusive Führerschein und Helmpflicht.

Sind Radfahrer mit Helm risikofreudiger?

Eine Studie im Auftrag der Norwegian Research Council im Programm Risk and Safety in Transport (Risiko und Sicherheit im Verkehr), die 35 Radfahrer beobachtete, kam zur der Schlussfolgerung, dass Radfahrer, die konsequent einen Helm tragen, schneller fahren als diejenigen, die konsequent keinen Helm tragen.

Dies läge an der Risikokompensation – eine Theorie, die besagt, dass Menschen, die sich sicherer fühlen, sich riskanter benehmen. Die Studie fand auch heraus, dass sich dieses angeeignete Verhalten nicht ändert, wenn dieselben Fahrer den Helm mal absetzen würden.

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