Helmuth Rilling ist ein großer Dirigent, Musikerklärer, Versöhner – und viel mehr als nur Bachs bester Botschafter gewesen. Nun ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. Ein Nachruf.
Im Jahr 2017 trat Helmuth Rilling noch einmal in der Stuttgarter Stiftskirche auf, wobei auftreten in seinem Fall das falsche Wort gewesen ist. Rilling musste nie auftreten, auch damals nicht. Dass er prägend im Raum war, vermittelte sich, bevor er, altersbedingt im Sitzen, zu dirigieren anfing.
Es schien einfach alles ein wenig wärmer zu werden in seinem Umfeld, gespannter, aufmerksamer. Physikalisch zweifelhaft, psychologisch dennoch nicht abwegig: Rilling hatte etwas in sich, was zu Menschen sprach und sie bewegte, noch bevor Töne im Spiel waren.
Beim Konzert in der Stiftskirche war Helmuth Rilling 84 Jahre alt, der Körper tat sich ein wenig schwer, aber er machte kein Aufhebens davon. Ganz anders der Kopf – und die Augen. Unternehmungslustig und zugewandt wie immer, sandten sie diesen hochlebendigen Initialblitz aus, den Besucher Rillingscher Konzerte von jeher und von vor jedem ersten Einsatz kennen – dieses „Jetzt gilt es“ nach einem Wimpernschlag. Eigentümlich wie immer hielt die rechte Hand den Taktstock wie einen Stift – oder eine Zigarre – als gebe es gleich wieder etwas anzustreichen in der Partitur, die Rilling im Vorfeld und in der Nachbereitung stets intensiv studierte, im Konzert aber nie brauchte.
Er hatte die Dinge verinnerlicht bis in die letzte Phrase, selbst die monumentalen Uraufführungsstücke von Sofia Gubaidulina oder Wolfgang Rihm waren verlässlich gespeichert und zur Ausgestaltung abrufbar – ein Phänomen.
Helmuth Rilling: Sein Köder war die Musik
Aura ist ein überbeanspruchtes Wort geworden: Alle haben eine – oder hätten zumindest gerne eine. Helmuth Rilling jedoch, vielleicht weil er auf Auratisches überhaupt keinen Wert legte, hatte gewiss eine – und sie war groß, zumal wenn er redete und Musik erklärte, was bei der Rezeption in jeder Minute ein Privileg war. Zuletzt auf Youtube festgehalten worden ist eine Einführung in die Bachkantate „Es erhub sich ein Streit“, BWV 19, ein Mitschnitt aus Weimar aus dem Jahr 2016. Der Beginn der Kantate lässt selbst Helmuth Rilling nach all den Jahren mit Johann Sebastian Bach noch staunen.
Und dann dreht er sich ganz einfach um, legt die Unterarme auf eine Stuhllehne, als sei er daheim, und beginnt, vollkommen unaufgeregt – ja, cool – eine Geschichte zu erzählen, die es in sich hat: „Das ist doch“, sagt Helmuth Rilling, mit dieser Stimme, die noch im Mezzopiano, das er im Volumen ungern verließ, eine ungeheure natürliche Autorität und Empathie ausstrahlte, „ein unglaublicher Anfang einer Kantate“.
Und dann folgen die Gründe und Erklärungen: Warum kein Vorspiel, warum die Oktavierung, warum, warum, warum, und spätestens, als Rilling darauf zu sprechen kommt, dass Bachs Notenschriftbild im Urtext einer sich windenden Schlange ähnlich sei, hat er selbst Zuhörer vereinnahmt, die sich noch nie für Michaels Kampf mit dem Drachen interessiert haben und eigentlich auch nicht vorgehabt hätten, sich der nun folgenden rhetorisch-inhaltlichen Intensität auszusetzen. Helmuth Rilling war ein Menschenfischer – und sein Köder: die Musik. Aber so geplant war das alles nicht.
Und schon waren sie eine Kantorei
Wie es wahr ist, dass alles Große einmal klein begonnen hat, stimmt es auch, dass nicht alles, was klein beginnt, unbedingt groß werden will. Jedenfalls hatte sich Helmuth Rilling und einige Freunde und Bekannte 1954 in Gächingen auf der Schwäbischen Alb bei einem befreundeten Architekten nicht getroffen, um Werke von Bach zu erarbeiten, sondern eher, um Heinrich Schütz oder Frühromantisches zu singen. Und schon waren sie eine Kantorei und stießen in eine Lücke, die es damals tatsächlich gab in der Barockmusikpflege.
Wie Herbert von Karajan es aus machttechnischen Gründen noch bis weit in die 60er Jahre chic fand, Bach (und nicht nur Bach) strukturell zu pauschalisieren und konsequent überzubesetzen, hielten es auf ihre Art auch die Kollegen in dieser Zeit: Von Berlin (Karl Ristenpart) bis zum Münchner Dirigenten Karl Richter wurde eher der Masse-ist-Macht-Faktor angewandt – und erst im Nachhinein kann man wirklich ermessen, wie weit und entschieden Rilling mit seinem Bach-Verständnis, das er bald zu seinem Haupt- aber beileibe nicht alleinigen Anliegen machte, aus dieser Phalanx ausscherte: Nachdem das Bach-Collegium 1965 in Stuttgart gegründet worden war, etablierte Rilling einen Mischklang, der weniger auf die Überzeugung durch Pracht setzte, sondern stattdessen auf die Gewichtung von Details.
Helmuth Rilling war zum Finden geboren
Schon damals befragte Rilling – der sein theologisches Fundament in Maulbronn und Blaubeuren aufgebaut, in Rom Orgel studiert hatte und Schüler von Karl Ludwig Gerock und Hermann Keller gewesen war – die Stücke vom Wort her und aus der Musik heraus. Die historische Aufführungspraxis, wie sie später und dabei anfangs oft dürr und wenig klangsinnlich von Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt eingefordert wurde, war international noch ein Fremdwort. Aber wenn man die frühen Aufnahmen der geistlichen Kantaten sich vergegenwärtigt, die Rilling 1985 als Ganzes (und als Erster) komplettierte, fällt schon auf, wie viel Licht da durch Türen drang, die man für verschlossen halten musste.
Und siehe da: Johann Sebastian Bach, mit seinen fernen, strengen, unerhörten Klängen, war auf einmal nicht nur wieder Zeitgenosse, sondern vielmehr ein Überzeitlicher, im historisch entlegenen, frühen 18. Jahrhundert bereits wissend, was uns fehlt und wonach wir womöglich suchen.
Helmuth Rilling nun war zum Finden geboren, und selbst als das Gächinger Unternehmen weltweit massiv expandierte, ohne dass seinerzeit jemand vom Globalisierungsgedanken auch nur ansatzweise geredet hätte, war er, obwohl fast alles von seiner Person abhing, eigentlich nicht mehr als der Arbeiter im Weingarten der Frau Musica: Wenn alles getan war, gerne glücklich mit einer Zigarre, deren Sorten- und Formenvielfalt er viel abgewinnen konnte. Im Jahr 1970 gründete er das Oregon Bach Festival in Eugene, was im Westen eine Art Gegenstück bildete zum Tanglewood Festival in der Nähe von Boston, wo Leonard Bernstein gerne Orchesterakademien abhielt. Bei Bernstein im Übrigen hatte Helmuth Rilling einmal hospitiert, beide mochten einander und ihre Eigenarten: Bernstein Rillings Gründlichkeit, Rilling Bernsteins Enthusiasmus und Überzeugungskraft; nimmermüde waren beide.
Erster deutscher Dirigent, der das Israel Philharmonic Orchestra leitete
Sowohl beim Oregon Bach Festival wie bei den nun immer zahlreicher werdenden Internationalen Bachakademien in aller Welt (Russland, Japan, Argentinien) – zu Zeiten des Eisernen Vorhangs und der, wenn überhaupt vorhanden, sehr langsamen Telefaxmaschinen – gab es einen Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden, den es, vor allem mit dem Osten natürlich, gar nicht hätte geben dürfen. Rillings Arbeit, beileibe nicht nur mit Bach, denn als Dirigent war er nun wirklich sehr vielseitig aufgestellt, hatte deswegen auch immer etwas Subversives. Er wahrte die Form nach außen – und suchte nach Möglichkeiten, die Dinge im Innern zu verändern, wo er konnte.
Im Jahr 1976 war er der erste deutsche Dirigent, der das Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv leitete – und Deutsch ein „No Go“ auf den Proben. Rilling redete englisch, gesungen wurde Johannes Brahms’ „Deutsches Requiem“, und es entstand eine Zusammenarbeit, die auf bleibende Freundschaft hinauslief.
Stuttgart war Rillings Heimatstadt
Überhaupt hat Helmuth Rilling für die Völkerverständigung mehr getan, als sich viele Leitartikler und Politiker jemals vorstellen können. Und er wusste, wer er war: Wenn, wie Ende der 90er Jahre im Wiener Musikvereinssaal geschehen, der damalige Konzertmeister der Wiener Philharmoniker nach Untiefen der „Matthäus-Passion“ fragte, sprach Rilling nicht mit ihm wie ein überlegener Lehrer, sondern von gleich auf gleich: Ich erklär dir Bach, Du mir bitte, was eine „schöne Leich“ ist. Jahrzehntelang hatte es keine so hochrangig besetzte „Matthäuspassion“ im katholischen Wien gegeben. Rillings Aufführung war ein stiller Triumph, ganz und gar unvergesslich.
Zuletzt und immer wieder: Stuttgart. Stuttgart war Rillings Heimatstadt, hier war er Kantor in der Gedächtniskirche, Kirchenmusikdirektor, Leiter des Landesjugendchores (nebenher noch Professor in Frankfurt an der Hochschule, wo er seine Frau, Martina, ohne die er nicht zu denken war, kennenlernte), hier gründete er die Internationale Bachakademie mit Sitz an der Hasenbergsteige, wo im Jahr 2013 sein Nachfolger, Hans-Christoph Rademann, übernahm. Zusammensetzung und Orientierung der Bachakademie nach Helmuth Rilling sollten anders werden: Die neue Welt ist ein einziger Markt – und es gilt zu überleben, auch wenn es die bisherige Seele des Unternehmens – die Zusammenarbeit zwischen Amateuren und Profis – kostet.
Musikerinnen sind auch die Töchter geworden
Heute, nach dem weitgehenden Zusammenbruch des klassischen CD-Markts einerseits, angesichts des inflationär gewordenen Festivalbetriebs aller Orten andererseits, kann man sich zwei Dinge fast nicht mehr recht vorstellen: Für Friedrich Hänssler und dessen Verlag spielte Rilling sukzessive nicht nur alle Werke Bachs ein, sondern auch mustergültige Produktionen von Benjamin Britten und Anton Bruckner bis hin zu Krzysztof Penderecki oder Tan Dun, wie er überhaupt ein Faible und eine gute Hand für Musik von heute hatte und bedauerte, dass namentlich die Kirchen nicht annähernd so fleißig Kompositionen bestellten, wie es die Bachakademie in den absoluten Glanzzeiten tat, als Stuttgart 1988 ganz selbstverständlich die Welt beim Internationalen Musikfest zu Gast hatte.
Sieben Jahre später entstand aus diesem Geist das „Requiem der Versöhnung“, 14 zeitgenössische Komponisten lieferten ihre Beiträge, der damalige Bundespräsident Roman Herzog war Schirmherr.
Dass Musik, jenseits lediglich kommerzieller Erwägungen, Brücken bauen kann und Wunden schließen, davon waren Helmuth Rilling, seine Frau (von Haus aus Schulmusikerin, Chorsängerin unter ihm und umsichtige Regisseurin im zu bestehenden Alltag) und auch seine Kinder (Sara und Rachel Maria) überzeugt. Musikerinnen sind auch die Töchter geworden. Mit ihnen allen – und mit vielen anderen – hat Helmuth Rilling, einer der größten Söhne der Stadt, nach Harmonie(n) gesucht bis in die letzten Lebensstunden hinein. Am Mittwoch nun ist Helmuth Rilling im Kreise seiner Familie und im Alter von 92 Jahren gestorben.