Helmuth Rilling Foto: dpa

Entweder Helmuth Rilling oder der Vorstand: Gründer der Bachakademie droht mit seinem Rücktritt.

Stuttgart - Helmuth Rilling, Gründer und langjähriger Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, fordert den sofortigen Rücktritt des Vorstands unter der Leitung des Unternehmers und Mäzens Berthold Leibinger. Falls dieser nicht gehe, werde er selbst vorzeitig zurücktreten als künstlerischer Leiter.

Die Weihnachtstage waren für Helmuth Rilling offenbar keine Zeit der Besinnlichkeit. Zu viel hatte sich zusammengebraut: Da wurde zunächst der Vertrag seines Wunschintendanten Christian Lorenz über das Jahr 2013 nicht verlängert, dann wurde mit Hans-Christoph Rademann vorzeitig der Name seines Nachfolgers bekannt, und zuletzt soll ihm der Vorstand schriftlich gar Anweisungen zur Leitung der Akademie in der Übergangszeit gemacht haben. Zudem ist Rilling darüber verärgert, dass er in die Suche nach seinem Nachfolger nicht eingebunden war. Da war das Maß für Rilling voll, der eigentlich Mitte 2013 in seinem 80. Lebensjahr die Leitung übergeben wollte.

Der Vorstand reagierte nun seinerseits in einem offenen Brief mit „Bedauern und Unverständnis“ dessen, was Rilling gefordert hat. „Der Brief entspricht nicht dem Stand der Kommunikation zwischen dem Vorstand der Bachakademie und dem Akademieleiter. Es war und ist das Bemühen des gesamten Vorstands, den einvernehmlich auf Mitte des Jahres 2013 terminierten Wechsel in der Akademieleitung im Konsens mit Helmuth Rilling zu gestalten.“. Der Vorstand hält aber auch fest: „Der ultimative Charakter der abschließenden Formulierung des Rundbriefs (Anm.: von Rilling) ist für den gesamten Vorstand, bei aller Hochachtung für Helmuth Rilling, nicht akzeptabel.“ Der Vorstand setzt nun auf weitere klärende Gespräche.

Was hält Rilling von seinem Nachfolger Rademann?

Fragen bleiben offen, etwa: Was hält Rilling von seinem Nachfolger Rademann? – Glaubt man dem engeren Kreis um Rilling, hat er selbst potenzielle Nachfolger benannt, und Rademann war dabei immer unter den Favoriten. Bleibt sein Schmerz, dass Rilling – so äußert er sich ja auch in seinem Brief – in die Suche nach seinem Nachfolger nicht eingebunden war. Da gibt es aber nun mal den Beschluss, dass die Findungskommission ausschließlich extern besetzt worden ist, kein Mitglied der Bachakademie und damit auch des Vorstands haben daran stimmberechtigt teilgenommen. Ein Vorgehen, das durchaus üblich ist. Und Zufriedenheit herrschte auch, als die Externen sich mit Rademann für jemanden entschieden haben, der ganz oben auf Rillings Wunschliste stand.

Folgt die Frage der Kommunikation: Hört man sich in Vorstandskreisen um, entsteht der Eindruck, dass der Vorstand zwar weniger als Gesamtes, dafür vielmehr einzelne Mitglieder quasi ständig den Kontakt mit Rilling pflegen, Rilling insofern also durchaus eingebunden war in seine Nachfolgefrage. So soll es auch Gespräche zwischen Rilling und Rademann selbst gegeben haben, als dieser noch Kandidat war, mal als Vier-Augen-Gespräch, mal mit dem Vorstandsvorsitzenden Berthold Leibinger, mal mit anderen Mitgliedern des Vorstands.

Folgt das Thema Männerfreundschaft

Folgt das Thema Lorenz: Er hat ohne Zweifel viel Positives bewegt in den drei Jahren seiner Intendanz, doch wer die Nachfolge einer Persönlichkeit antritt, welche die Akademie gegründet und dann 32 Jahre lang geprägt und geleitet hat, wagt diesen gewaltigen Schritt wohl besser mit einem Leitungsteam, das er selbst auf Vertrauensbasis zusammengestellt hat. Das dürfte auch der Grund sein, wenn Rilling sich beklagt, dass ihm Vorschriften während der Übergangszeit gemacht wurden: Wenn Rademann Mitte Januar der Öffentlichkeit als Rilling-Nachfolger vorgestellt wird, ist das ein guter Zeitpunkt, aber Rademann will und muss dann Mitverantwortung tragen, etwa bei der Intendantensuche oder beim Abschließen von Künstlerverträgen, die den Spielbetrieb von der Zeit nach Rilling an gewährleisten.

Folgt das Thema Männerfreundschaft: So wie Rilling ein unbedingter Förderer seiner Bachakademie auf künstlerischer Ebene war und ist, ist dies Leibinger auf der Mäzenaten­ebene. Jeden Ministerpräsidenten seit Lothar Späth hat er von der Notwendigkeit der Bachakademie überzeugt. Dieses Tandem ist offensichtlich Vergangenheit, mehr noch: Rilling nimmt es mit dem kompletten Vorstand auf. Dieser ist ratlos angesichts der jüngsten Entwicklungen und hofft auf klärende Gespräche in den nächsten Tagen, um im guten Sinne der Bachakademie eine gute Zukunft zu gewährleisten.

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