Er kennt den VfB, er kennt den Fußball auf der Ostalb. Helmut Dietterle spricht vor dem württembergischen Bundesliga-Derby VfB Stuttgart gegen 1. FC Heidenheim über die Entwicklung der Clubs.
Der VfB Stuttgart steht als Vize-Meister aktuell auf Platz elf, der Vorjahres-Achte 1. FC Heidenheim ist Drittletzter. Der ehemalige VfB-Profi und frühere Heidenheimer Trainer Helmut Dietterle spricht vor dem Duell an diesem Freitag (20.30 Uhr/MHP-Arena) über die Entwicklung der Clubs und gibt eine Prognose ab.
Herr Dietterle, welche aktuelle Platzierung der beiden württembergischen Bundesligisten überrascht sie mehr?
Eindeutig die des VfB. Dass es drei, vier Plätze nach unten geht, damit habe ich schon gerechnet, aber nicht mit einem Abrutschen auf Rang elf.
Das bisherige Heidenheimer Abschneiden. . .
. . . überrascht mich dagegen nicht. Den FCH nimmt im zweiten Jahr jeder ernst. Hinzu kamen die schwerwiegenden Abgänge von Eren Dinkci, Niklas Beste und vor allem Tim Kleindienst sowie die Doppelbelastung durch die Conference League.
„In dem Ausmaß habe ich es nicht erwartet“
Der VfB spielte sogar in der Königsklasse.
Klar, und Union Berlin wäre nach der Qualifikation für die Champions League fast einmal abgestiegen. Dass es auch für den VfB wesentlich schwieriger wird in der Liga war schon klar, aber in diesem Ausmaß habe ich es nicht erwartet.
Woran liegt’s?
Mit Waldemar Anton und Serhou Guirassy gingen in Abwehr und Angriff zwei ganz entscheidende Stammkräfte. Auffallend fand ich neben den immer wieder auftretenden Schwächen in der Defensive dann auch die Formschwankungen bei Stiller, Karazor und Millot. Und noch etwas sehr Wichtiges sollte man nicht vergessen.
Bitte.
Die VfB-Spieler hatten eben nicht nur die Dreifachbelastung im Verein, für viele kam auch noch die Nationalmannschaft neu hinzu. Das musst du einerseits erst einmal wegstecken, andererseits spricht dies für die sensationelle Entwicklung unter Trainer Sebastian Hoeneß. Ihm hat auch Nick Woltemade zu verdanken, dass er diesen Riesensprung nach vorne machte.
„Berlin ist nicht die Alm“
Und die Saison am 24. Mai als DFB-Pokal-Sieger abschließt?
Das Berliner Olympiastadion ist nicht die Bielefelder Alm. Auch daher ist der VfB haushoher Favorit. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, Sebastian Hoeneß wird den Ball schön flach halten, aber auch selbstbewusst an die Sache rangehen und seinen Spielern klar machen: Wir dürfen viele Spiele verlieren, dieses eine aber nicht.
Also keine Bedenken?
So weit würde ich nicht gehen. Die Arminia steht in der dritten Liga auf einem Aufstiegsplatz – das beflügelt. Sie haben mit Mitch Kniat einen Top-Trainer, der es perfekt versteht, die Spieler extrem heiß zu machen. Von daher kann es schon auch eine gefährliche Geschichte für den VfB werden.
Sie haben als Trainer mal eine Pokal-Sensation in einem Finale geschafft.
Da war mal was im Gazi-Stadion auf der Waldau (lacht). Wir sind damals 2017 mit den Sportfreunden Dorfmerkingen als Landesligist ins WFV-Pokal-Endspiel gekommen und haben es gegen die Kickers perfekt gemacht. Wir sind ohne Schiss, ohne Angst ins Spiel gegangen. Wir haben uns gesagt, jetzt sind wir so weit gekommen, jetzt wollen wir auch dieses Finale gegen einen drei Klassen höheren Club gewinnen. Genauso werden es die Bielefelder auch angehen. Es ist eine einmalige Chance in ihrem Leben. Sie werden dem VfB alles abverlangen, was nichts daran ändern darf, dass es der VfB packen muss und auch packen wird.
Der 1. FC Heidenheim hofft dagegen auf eine Saisonverlängerung in der Relegation am 22. und 26. Mai.
Absolut. Und das ist auch gut möglich. Der FCH hat noch zwei Heimspiele gegen Bochum und Bremen, spielt noch bei Union, für die es um nicht mehr viel geht. Ich bin optimistisch.
„Heidenheimer Weg nicht gefährdet“
Wie würden die Chancen in der Relegation gegen den Zweitliga-Dritten stehen?
Frank Schmidt und seine Truppe wissen, um was es geht. Ob es dann gegen den HSV, den 1. FC Köln oder – so wie es derzeit aussieht – gegen weniger klangvolle Namen wie die SV Elversberg, den SC Paderborn oder den 1. FC Magdeburg geht, das spielt in diesen beiden Spielen überhaupt keine Rolle.
Was würde ein Abstieg für den FCH bedeuten?
Die zweite Liga würde für Heidenheim schwierig werden. Man sieht es in dieser Saison. Lange Zeit befanden sich zehn, zwölf Teams im immer noch sehr engen Aufstiegsrennen. Man müsste sich auf ein Stabilisationsjahr einrichten, Mannschaft und Publikum bei der Stange halten und dann wieder angreifen. Aber: Erstens ist das Zukunftsmusik. Und zweitens sehe ich den Heidenheimer Weg, unabhängig von der Ligazugehörigkeit, langfristig nicht gefährdet. Die Kontinuität im Verein, mit den Führungspersönlichkeiten Holger Sanwald und Frank Schmidt, ist ein Garant dafür. Und es deutet ja nichts darauf hin, dass mal einer eine Pause braucht.
Wie gefällt Ihnen der Weg des VfB?
Die Entwicklung ist gut. Sebastian Hoeneß macht überragende Arbeit. Der 18-jährige Finn Jeltsch wird der nächste Nationalspieler. Schade finde ich nur, dass schon so lange mehr kein Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, den Sprung in die Bundesliga geschafft hat. Das darf der VfB nicht aus den Augen lassen. Solche Identifikationsfiguren sind einfach wichtig.
Wie geht’s aus am Freitag?
Es wird eine knappe Geschichte. Der FCH wird stabil stehen, ein 1:1 wäre Gold wert für die Moral. Der VfB könnte alles verkraften – wenn er den DFB-Pokal gewinnt. Denn dann hat er eine top Saison gespielt.
Helmut Dietterle
Karriere
Helmut Dietterle wurde am 2. Juni 1951 in Neuler geboren. Er spielte zunächst für den VfR Aalen. Von 1974 bis 1980 war er beim VfB Stuttgart aktiv. Insgesamt kam der Mittelfeldakteur auf 42 Spiele in der Bundesliga und 26 Einsätze in der zweiten Bundesliga. Er hatte 14 Einsätze in der deutschen Amateurnationalmannschaft. Direkt nach seinem Karriereende 1980 fungierte er beim VfB Stuttgart als Trainerassistent und unterstützte das Trainerteam von Jürgen Sundermann. Als Cheftrainer arbeitete er für Viktoria Wasseralfingen, die TSG Hofherrnweiler, den VfR Aalen, Normannia Gmünd, den Heidenheimer SB, den TSV Crailsheim, den TSV Essingen und die SF Dorfmerkingen (bis Juni 2023).
Persönliches
Dietterle ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Aalen-Wasseralfingen. Seine Hobbys sind Sport allgemein, Radfahren und Tennis. (jüf)