Hellmuth Karasek Foto: epd

Er war mit Billy Wilder überzeugt: „Du sollst nicht langweilen“ – Zum Tod des Theater- und Literaturkritikers Hellmuth Karasek.

Stuttgart - Schon früh ist sein Gang schleppend, aufreizend fast – und schon ­darin wieder ein Ausrufezeichen. Hellmuth Karaseks Gang ist ja kein Schlürfen, es hat etwas von einem Schürfen. Nicht zu schnell , signalisiert dieser Gang, es könnte einem ­etwas entgehen. Etwas – das ist für Karasek die Welt des Theaters und die Welt der ­Literatur.

Am 4. Januar 1934 im mährischen Brünn geboren, ­erlebt Karasek die Flucht der Familie 1944 aus dem schlesischen Bielitz. Bernburg an der Saale wird die neue Heimat, die junge DDR verlässt er nach dem Abitur 1952. ­Tübingen wird die nächste Station – in ­Jahren des geistigen Neuaufbruchs studiert er Germanistik, Geschichtswissenschaft und Anglistik. Und er entdeckt seine Liebe zur Tageszeitung, zur Theater- und Literatur-Kritik.

Feuilletonchef der „Stuttgarter Zeitung“

In Stuttgart macht Karasek in den 1960er Jahren Station. Als Redakteur der „Stuttgarter Zeitung“ zunächst, bald als junger Feuilleton-Chef des Blattes. Es hält ihn ­jedoch nicht wirklich in der Rolle des Theaterkritikers. Karasek will mehr, will selbst für die Stoffe sorgen, die ihn fesseln könnten. 1968 agiert er als Chefdramaturg des Staatsschaupiels Stuttgart – um noch im gleichen Jahr nach Hamburg zu wecheln. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ ruft ihn als Theaterkritiker. Die westdeutsche Kulturkarriere krönt 1974 die Verantwortung für die Kulturseiten des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Bis 1996 lenkt ­Karasek das Ressort – eine Zeit, in der er selbst zur öffentlichen Figur wird.

Hier der knorrige, für die Schärfe des Wortes wie die Schärfe seiner Handbewegung gefürchtete Marcel Reich-Ranicki, dort die stets distanzierte und ob des Männergebalzes keineswegs amüsierte Sigrid Löffler – und dazwischen Hellmuth Karasek, der Mann der Mitte, im Wort ebenso wie in der Gestik. Drei, die gemeinsam mit einem Gast „Das Literarische Quartett“ ­bilden. Drei, die Unterhaltung garantieren, und dem ZDF-Literatur-Talk ungeahnte Einschaltquoten bescheren.

77 Mal „Das literarische Quartett“

77 Folgen agiert das „Quartett“ zwischen 1988 und 2001 – dann ist Schluss. Marcel Reich-Ranicki kann das kaum verwinden, Karasek aber forciert seine Allgegenwart noch. Seit seinem Aus beim „Spiegel“ ist er Mitherausgeber der Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“, unter dem Namen Daniel Doppler ist er als Theaterautor tätig, und – und dem auf das „Spiegel“-Innenleben zielenden Roman-Erstling „Das Magazin“ folgen bald weitere eigene Bücher.

Und der Kritiker? „Ich habe mir fest vorgenommen, mich nicht unter meinem Niveau zu ärgern. Das ist alles.“, sagt ­Karasek 2013. Viel lieber empfiehlt er denn auch, schwelgt, wirbt. Unangefochten durch den Fernseherfolg wird Karasek als ­Botschafter der Leselust schlechthin auserkoren – und er nimmt die Rolle spürbar gerne an. „Du sollst nicht langweilen“ ist sein Credo (das er von dem von ihm bewunderten US-amerikanischen Filmregisseur Billy Wilder übernimmt) – und er lebt es auch. 2001 lässt er die Leserinnen und Leser der Zeitschrift „Gala“ zu seinem „Absturz“ auf der Liste der „100 peinlichsten Berliner“ wissen: „Ich bin eher enttäuscht, dass ich vom 2. Platz im vergangenen Jahr auf den 19. in diesem zurückgefallen bin. Mal im Ernst: Diese Liste ist die Neidkolumne schlechthin“.

Wie und wo auch immer Karasek agiert – stets bleibt er einem Thema treu: der US-amerikanischen Literatur und dem US-amerikanischen Kino. So kommentiert er 2009 die Vergabe des Literaturnobelpreises an die deutsche Autorin Herta Müller mit den Worten: „Mein Mantra ist ja immer, dass Philip Roth den Preis bekommen sollte. Aber der ist es ja nun wieder nicht geworden.“

Unterhaltung als hohe Kunst

Unterhaltung und hohe Kunst sind für Karasek keine Gegensätze. Früh sieht er ­gute Unterhaltung als hohe Kunst – eine Überzeugung, aus der heraus er 2006 selbst einen viel beachteten Erfolg als Autor landet: „Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten“ thematisiert das ­Altern auf ganz eigene Weise. Karaseks (Eigen-)Spott ist leise und amüsiert. Und wem, wenn nicht Hellmuth Karasek würde man den Buchtitel „Frauen sind auch nur Männer“ zutrauen. 2013 erscheint der Band mit Lebensbeobachtungen, und fast versteckt er darin etwas seinen Ärger über den Auszug der Meinung und den Einzug der bloßen Beschreibung auf den Kulturseiten deutscher Tages- und Wochenzeitungen.

An diesem Freitag erlebt „Das Literarische Quartett“ seine Neuauflage. Hellmuth Karaseks charmant-präziser Kommentar hierzu wird fehlen – er ist am Dienstagabend im Alter von 81 Jahren gestorben.

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