Eine Attraktion: Helge Schneider in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Helge Schneider hat in Stuttgart wieder einmal zuverlässig das Unerwartete geliefert und mit seiner „Katzeklo auf Räder“ betitelten Show samt Band das Publikum überzeugt.

Genau so darf man laut dem Lehrbuch für fortgeschrittene Popstars natürlich kein Konzert beginnen: erst mal still den Bassisten anstarren, der lautlos zurückglotzt. Dann zunächst in verwehten Klavierklängen versinken und alsbald in sich selber, weil plötzlich der Schemel nachgibt. Kurz nachdem endlich das gepflegt groovende Altherrentrio einsetzt, verlässt Helge Schneider (68) den Steinway-Flügel der Liederhalle und stellt schon während seiner ersten Nummer die Band vor: „Am Schlagzeug sitzt einer meiner ältesten Freunde und einer meiner langjährigsten Mitarbeiter. Wie war doch gleich dein Name? Willy Ketzer!“

 

Der später vom Chef monströs gemobbte Drummer treibt in Stuttgart eine entspannte Virtuosentruppe an: Was Reinhard Glöder am Kontrabass und Sandro Giampietro an der Gitarre an Understatement und Überschwang in Helge Schneiders Lieder und erlesene Jazz-Standards gießen, wird nur übertroffen von der vielschichtigen Reise vom Hundertsten ins Tausende, die der ergraute Ausnahmekünstler unter Zuhilfenahme des Sortiments einer ganzen Musikalienhandlung unternimmt. Einmal klopft er mit der rechten Hand auf eine Conga, während sich die linke unbeschwert am Flügel verlustiert.

Absurde Kunst mit 20 Schlägeln

Dabei bedarf es für Helge Schneiders große Kunst des kleinen Zwischenrufs eigentlich keiner Musikinstrumente. Es genügt, wenn er absurde Geschichten erzählt, etwa wie er Hildegard Knef im Aufzug eines Berliner Hotels begegnet sei. Ihr herausgefallenes Gebiss habe er mit dem Fuß in ihren Mund zurückgekickt, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, damit er nicht in Verdacht gerate, falls die Schauspielerin ermordet und ihr Ringfinger abgehackt werde.

Aber eigentlich braucht Helge Schneider auch die vielen Worte nicht. Im Grunde genügt es, wenn er 20 Schlägel für sein Vibrafon aus einer Tasche klaubt, am Ende zwei aus der Sammlung fischt und den Rest auf den Boden wirft, auf dass Bodo, der Teekoch, sie aufsammle: „Ich kann mich nicht bücken, das heißt, ich hab’s nicht nötig.“

Bushido kommt jetzt im „Katzeklo“ vor

Dass Helge Schneider all diese Wort- und Klangexplosionen mit virtuoser Verschrobenheit kreiert und dirigiert, obwohl er sie nicht nötig hätte, ließe sich womöglich liebesbedingt erklären: Im Jazz-Standard „Easy Living“ beispielsweise spielt er sein Baritonsaxofon so hingebungsvoll einfühlsam, so radikal rauchig, dass man geneigt ist zu vermuten, er würde mit seiner sehnsuchtsverliebten Phrasierung die Grenze zur Parodie im nächsten Takt einreißen. Aber das tut er nicht, sondern er verneigt sich respektvoll vor großer Musik, wohingegen er sein eigenes Werk lustvoll zerlegt: In seinen alten Hit „Katzeklo“ pfercht er einen neuen Text, in dem jede Menge Tatzen vorkommen und Bushido auftritt.

Helge Schneider, der seit Jahrzehnten am Faschingsdienstag im Stuttgarter Beethovensaal auftritt, liefert zuverlässig das Unerwartete. Der Multifunktionsmagier aus Mülheim an der Ruhr ist ein Ausbund an Zuverlässigkeit, der mit atemberaubender Präzision Quatsch und ganz große Musikalität verkuppelt, indem er beiden die gleiche Wertigkeit beimisst. „Das Solo ging ab, wa? Es erinnerte mich an AC/DC und Kiss“, so kommentiert er grotesk einen dieser Höhepunkte eines phänomenalen Konzerts, kurz nachdem er mit entschiedenem Fußeinsatz am Flügel die kapriolenverliebte Spiellust seiner Kombo artistisch befeuert hat.

Sehnsucht nach Mexiko

Denn Schneider, der in „100 000 Rosen“ auch als wandlungsfähiger Sänger mit einem beeindruckenden Spektrum an Tonhöhen und Tatendrang-Abstufungen brilliert, vergnügt sich selbst und sein Publikum im fast ausverkauften Saal nicht zuletzt als einfallsreicher Anlass-Erschaffer und Gelegenheit-Finder: Sein Dada-Song „Die Trompeten von Mexiko“ versetzt ihn nicht nur in die Lage, mit der gestopften Trompete exotische Sehnsüchte zu zitieren, sondern am Bühnenrand tanzt zudem der langbärtige Sergej Gleithmann schummrig beleuchtet im bunten Umhang unter seinem Sombrero.

Wer will, kann Helge Schneiders absurde Inszenierung als sein Statement zur Debatte um kulturelle Aneignung interpretieren, zumal er später auch freudvoll einen Wortschwall auf Fantasiechinesisch abfeuert. Doch Schneider – der in Sandra Maischbergers Talkshow bekundet hat, dass er die Vermischung der Kulturen als Bereicherung empfindet – lässt sich nicht vereinnahmen: Seine Kunst dient dezidiert der Inspiration seiner selbst und seines Publikums.

Diese Zweieinhalb-Stunden-Gemeinschaft analysiert er raffiniert, als seine Fans „Fiderallalalalaaaa“ singen müssen und er auf den „billigen Plätzen“ das größte Engagement ausmacht. Zu einer Armbewegung, die zunächst nach hinten zeigt und auf der Bühne endet, sagt er: „Arm, reich, superreich – mit Jacht.“ Auf seine Entdeckungstour durch Absurdistan besucht Helge Schneider auch die Attraktion Helge Schneider.