Zweieinviertel Stunden lang fesselte Helge Schneider mit seiner Band das Publikum beim Esslinger Burgfest. Hits wie „Katzeklo“ und „Telefonmann“ sangen die Zuschauer mit.
Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. In seinem viel zu engen Anzug im verblassten Rotton fesselte Helge Schneider seine Fans auf der Esslinger Burg. Wer den Meister gnadenloser Ironie nur von seinen inzwischen etwas angestaubten Trash-Hits wie „Katzeklo“ oder „Telefonmann“ kennt, erlebte Aha-Augenblicke. Denn der 67-jährige Star aus Mülheim an der Ruhr zeigt sich in seinem Programm „Der letzte Torero – Big L.A. Show“ als großartiger Jazzmusiker.
In Dizzie Gillespies Standard „A Night in Tunisia“ aus dem Jahr 1942 entlockt Helge Schneider seinem Saxofon sanft plätschernde Melodien. Er schattiert diese so schön, dass die Klänge zu blühen beginnen. Auch die verzerrte Südstaaten-Melodie „Horses“ aus der eigenen Feder interpretiert das Nonsense-Genie so gefühlvoll, dass sich das Publikum mehr von dieser Instrumentalkunst wünscht. Selbst mit dem Orff’schen Instrumentarium verblüfft der Vollblutmusiker sein Publikum. Ganz zu schweigen von seinen Mundharmonika-Soli, die dem Instrument ganz neue Qualitäten verleihen.
Verstört und verzaubert
Doch nicht nur musikalisch, auch mit Worten verzaubert und verstört Schneider seine Fans. Meint er das nun ernst oder nicht? Vor dem Dicken Turm verwies der Entertainer die Esslinger erst mal an ihren Platz. Schon immer habe er davon geträumt, hier aufzutreten, schwadroniert der Künstler mit dem charmanten Pott-Akzent auf der Bühne. Wenig später verwechselt er die alte Reichsstadt mit Karlsruhe. Solche verbalen Watschen erwartet das Publikum geradezu von Schneider. Der eine oder die andere in den Zuschauerreihen strahlt verzückt.
Aus seinen Songs spricht Selbstironie. Wenn er seine legendären Liebeslieder singt, entpuppt sich die vermeintliche Geliebte in der letzten Strophe als die eigene Mama. Eines der neuen Lieder ist „American Bypass“. Das etwas andere Liebeslied, jazzig-leicht interpretiert, handelt von einer Begegnung am Strand, die einen ganz anderen Lauf nimmt, als man sich das gewünscht hätte. Lustvoll dichtet und reimt der Künstler, kostet seinen kantigen Humor aus. Er springt ins Meer, sie schaut weg – nicht verschämt, sondern einfach desinteressiert. Dennoch zergeht er in seinen Liebesgefühlen. Menschen, die ihre Träume nicht leben, bevölkern Schneiders Alltagspoesie. In diesen Momenten wirkt der schlaksige 67-Jährige, der in seiner klassischen gebeugten Haltung über die Bühne schlurft, ziemlich illusionslos. „Sind die Hörgeräte eingeschaltet?“ fragt er die Band, die mit ihm das stolze Rentenalter erreicht hat.
Doch ein Kindskopf bleibt der Künstler. Grinsend macht er seinem kahlköpfigen Gitarristen Sandro Giampetro Eselsohren, als der mit einem dynamischen Solo punktet. In Szene setzt Helge Schneider auch seinen langjährigen Bassisten Reinhard Glöder. Kichernd tanzt er um ihn, feuert ihn an. Der Mann im gelben, gemusterten Anzug hat auch in zwei seiner Filme mitgespielt. Bewusst grimmig macht der 78-Jährige gute Miene zum garstigen Spiel, denn er kommt selbst vom Kabarett. Auch Schlagzeuger Willy Kretzer bekommt sein Fett weg.
Comedy auf der Yogamatte
Comedy ist in den Shows von Helge Schneider nicht nur schmückendes Beiwerk. Deshalb gehört der Schauspieler Sergej Gleithmann alias Volker Bertzky fest zu den Shows des Entertainers. Ob der Mann mit dem weißen Rauschebart und dem Neoprenanzug mit der Geige über die Bühne tänzelt und die Zuhörer mit einem scheußlichen Geschrumme quält, oder ob er mit einer Yoga-Einlage punktet – die Lacher hat der Künstler auf seiner Seite, der in Sachen Trash mit Helge Schneider klar auf einer Wellenlänge liegt.
Zweieinhalb Stunden lauschte das Publikum auf der Burg zwar etwas verhalten, aber doch gebannt, lachte und dachte über den Hintersinn der Comedy nach.