Dorit Töpler mit der 82-jährigen im Gespräch Foto: Hoffnungszeichen

Sieben Tage ist Dorit Töpler an der slowakisch-ukrainischen Grenze im Einsatz gewesen. Die Gerlingerin lobt die Organisation vor Ort und berichtet von berührenden Schicksalen.

Eine intensive Woche liegt hinter Dorit Töpler. Am Sonntagabend ist sie mit dem Flieger zurückgekehrt von einem Einsatz an der slowakisch-ukrainischen Grenze. Ein surreales Gefühl sei das gewesen, als sie wieder im Flugzeug saß, sagt die Mitarbeiterin der Organisation Hoffnungszeichen, die in Gerlingen lebt. Von morgens bis abends kommen an dem Grenzübergang Vyšné Nemecké die Menschen in einem Übergangslager an: alte wie junge Menschen, viele Mütter mit Kindern. Töpler war hingefahren, um sich von der Arbeit der Partnerorganisationen, die sie unterstützen, ein Bild zu machen – und um selbst mitzuhelfen.

 

„Die große Katastrophe des Krieges zeigt sich in den kleinen Schicksalen“, sagt Dorit Töpler, die Öffentlichkeits- und Spenderarbeit für Hoffnungszeichen macht. „Was kann ich für dich tun?“ Mit diesen Worten ist sie wie die anderen Helferinnen und Helfer auf die Ankommenden zugegangen. Sie hat Kindern Kuscheltiere in die Hand gedrückt, durchgefrorenen Menschen Tassen mit warmem Tee gereicht. Viele wollten nicht reden, sagt sie. Anderen sei es ein großes Bedürfnis gewesen.

„Wann geht es nach Hause?“, fragen die kleinen Zwillinge

Und was sie dort Töpler erzählten, lässt einen nicht so schnell los. Da ist die Frau, die davon sprach, wie es war, ihren Mann zum Abschied zu küssen. Und in der Ungewissheit aufzubrechen, ob es der letzte Kuss gewesen sein könnte. Da ist eine Familie mit drei Kindern – drei Jahre alten Zwillingen und einem elf Jahre alten Sohn. Sie kommen aus einem Ort in der Nähe des Kernkraftwerks Saporoschja, das von den Russen eingenommen wurde. Die Bilder eines brennenden Laborgebäudes gingen um die Welt. Sie waren überstürzt aufgebrochen, als sie von den Angriffen aufs Kernkraftwerk hörten. Die Dreijährigen wüssten gar nicht, dass sie geflüchtet sind. „Wann geht es nach Hause?“, fragten sie immer wieder. „Mein bester Freund ist in Polen“, habe ihr der Elfjährige erzählt, sagt Töpler, die selbst zwei ähnlich alte Kinder hat. Wo er als Nächstes leben wird? Anastasia hat „keine Ahnung“. Die Familie hat bisher keine Anlaufstelle.

Mit vier Wochen altem Säugling geflüchtet

Nicht vergessen wird Dorit Töpler auch die Mutter von zwei Kindern, die sie am Bahnhof Košice traf. „Sie hatte vor vier Wochen entbunden, sie hat die ganze Zeit geweint.“ Das Baby auf dem Arm, den vier Jahre alten Sohn neben sich. Sie sei auf dem Weg nach München, erzählte ihr die Frau, auch sie hieß Anastasia. „Doch was mache ich dort?“ Sie kenne niemanden. „Da merkt man, wie stark die Menschen aus dem Leben gerissen sind.“ Dorit Töpler konnte ihr erzählen, dass am Bahnhof Helferinnen und Helfer sein werden, die sich kümmern.

Auch die Begegnung mit einer 82-jährigen Frau hat sich ihr eingebrannt. Nur mit einer kleinen Tasche kam die alte Dame an die Grenze. Was sie mitgenommen hat? Fotoalben. „Mehr brauche ich nicht“, erzählte ihr die Frau und wirkte erstaunlich „tough“ dabei.

Wie bekommt man Lebensmittel sicher in und durch die Ukraine?

Normalerweise ist Hoffnungszeichen nicht in Europa, sondern in den ärmsten Gegenden der Welt aktiv. Der Schwerpunkt liegt auf Projekten in Afrika. Töpler war für die Organisation unter anderem im Südsudan, in Zimbabwe und Kenia. Beeindruckt ist die Gerlingerin von der Organisation vor Ort am Grenzübergang Vyšné Nemecké. Bisher laufe das sehr gut. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht, wenn die Westukraine unter Beschuss gerät.“ Die materielle Hilfe komme an: In dem Übergangslager seien genügend Sachspenden und Nahrung. Der Einsatz der Helfer sei enorm, nicht wenige arbeiteten sicherlich über der Belastungsgrenze.

„Die eigentliche humanitäre Katastrophe findet innerhalb der Ukraine statt“, sagt sie. Deshalb gehe es jetzt darum, wie man auch dort helfen kann, damit die Menschen nicht hungern und sauberes Wasser haben. Sie wollten zum Beispiel Wasserreinigungstabletten über Partner liefern. „Auf dem Tisch liegt alles da“, sagt sie. Nun müssten sie irgendwie den Konvoi organisiert kriegen.

Organisation und Partner

Organisation
Hoffnungszeichen ist nach eigenen Angaben eine christlich motivierte Organisation für Menschenrechte, humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Sie wurde 1983 gegründet, der Sitz ist in Konstanz.

Partner
Hoffnungszeichen kooperiert im Grenzgebiet mit dem Global Aid Network, der Organisation People in Need und der Diözese Košice der orthodoxen Kirche. Finanziert werden zum Beispiel Nahrung, Kleidung, Hygieneartikel, Lebensmittel, Trinkwasser und Decken für die Erstaufnahme. Mehr unter www.hoffnungszeichen.de. vv