In Idlib brodelt es. Eskaliert der Konflikt dort, droht Flüchtlingen eine ausweglose Situation. Foto: AFP

Auch als Helfer ist man in Syrien nicht sicher, sagt Dirk Hegmanns von der Welthungerhilfe. Auch viele Flüchtlinge fürchten sich vor der Rückkehr.

Stuttgart - Dirk Hegmanns kümmert sich seit 2015 für die Welthungerhilfe um syrische Flüchtlinge in der Türkei, dem Libanon und Syrien.

Herr Hegmanns, der Krieg in Syrien dauert mittlerweile acht Jahre. Erwarten sich die Menschen vor Ort noch, dass der Konflikt bald gelöst wird?

Die meisten Flüchtlinge machen sich wenige Gedanken über politische Forderungen. Für sie steht erst mal im Vordergrund, ihr Überleben zu sichern.

Spürt man noch Hoffnung bei den Menschen?

Auch wenn die Hoffnung zuletzt stirbt. Ich sehe nach der langen Zeit des Krieges eine gewisse Müdigkeit einsetzen. Und jetzt wollen sich einige europäische Länder damit abfinden, dass es keine politische Änderungen gibt. Das fände ich fatal, denn für viele Flüchtlinge würde sich die Frage stellen: In welches Syrien soll ich zurückgehen? Viele fürchten, dass sie dann vom Regime eingekerkert werden. So schwindet auch der Wille, ins eigene Land zurückzugehen.

Wie ist die humanitäre Lage in Syrien?

Die Kämpfe haben nachgelassen, aber die Zukunft ist unklar. Der syrische Diktator Bashar al-Assad hat gesagt, er wolle ganz Syrien zurückhaben. Damit steht die ständige Drohung über den Köpfen, dass auch die letzte Rebellenhochburg Idlib erobert werden wird. In der Region wohnen mehr als eine Million Menschen, bei einem Angriff wüssten die Leute nicht wohin. Der größte Teil würde wahrscheinlich nach Norden in Richtung türkischer Grenze ziehen. Aber die Grenze ist zu und die Flüchtlingslager im Norden Syriens sind überlaufen. Uns stünde eine weitere humanitäre Katastrophe bevor.

Was machen Sie, um den Menschen vor Ort zu helfen?

Zu einem großen Teil einfache Dinge. Wir verteilen Lebensmittel, kümmern uns um sanitäre Anlagen, bauen zerstörte Bäckereien wieder auf. In Idlib haben wir auch Trinkwasseranlagen instandgesetzt – dort ist es ein großes Problem, an sauberes Trinkwasser zu kommen. Wir sind dort aber nicht selbst, sondern arbeiten mit syrischen Partnerorganisationen, die wir mit Hilfsgütern versorgen.

Wie gefährlich ist es für internationale Hilfsorganisationen, in Syrien zu arbeiten?

Es ist teilweise sehr gefährlich. Wir müssen dann auch unser eigenes Personal schützen. Wo die Einschätzung besteht, es könnte etwas passieren, schicken wir unsere Leute nicht hin.

Sie arbeiten seit 2015 in der Region. Welche Erlebnisse sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Einmal habe ich bei der Verteilung von Geldkarten, mit denen sich Flüchtlinge selbst im Supermarkt versorgen können, eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern getroffen. Das jüngste Kind, fünf oder sechs Jahre alt, fragte die Mutter, ob er wieder ein Ei essen könne. Als sie Ja sagte, lief der Kleine raus, tanzte vor dem Haus herum und rief: „Ich kann wieder ein Ei essen, ich kann wieder ein Ei essen!“ Das war eine berührende Szene. Ich habe aber auch einen Flüchtling getroffen, der bei einem Bombenangriff sieben Familienmitglieder verloren hat.

Was erwarten Sie sich von der Geberkonferenz, die derzeit stattfindet?

Gut ist, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass diese Krise noch lange nicht vorbei ist. Die Flüchtlinge in den Nachbarländern müssen besser integriert werden und etwa Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt haben. Und die internationale Gemeinschaft darf bei der Unterstützung nicht nachlassen. Es braucht einen langen Atem.

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