Serkan Eren, Steffen Schuldis und Tobias Radulescu Foto: Rüdiger J. Vogel

Weil sie es für ihre Pflicht halten, zu helfen, haben sich am Anfang des Monats der 31-jährige Serkan Eren aus Degerloch und Steffen Schuldis, 28, aus Heslach auf eine Reise zu den Flüchtlingen auf dem Balkan gemacht.

Degerloch/Heslach - Eigentlich wollten Serkan Eren aus Degerloch, Steffen Schuldis aus Heslach und Tobias Radulescu aus Zuffenhausen zu dritt an die mazedonisch-griechische Grenze fahren, um beispielsweise Kleider, Babyartikel und Spielsachen zu verteilen. Doch nachdem der gemietete Sprinter nur zwei Sitze hatte, machte sich Tobias Radulescu mit zwei anderen Freunden zwei Tage später auf gen Südosten. Serkan Eren berichtet von seinen Erlebnissen auf dem Balkan.

Herr Eren, wo lagen die Probleme Ihrer Reise dem Flüchtlingstreck entgegen?
Der Plan, direkt über die eigentliche Balkan-Route zu fahren, hat so leider nicht funktioniert. Wir haben erfahren, dass man in Serbien und Mazedonien verbietet, ohne verschiedene Genehmigungen die Grenze mit Hilfsgütern zu passieren. So mussten wir über Rumänien und Bulgarien nach Griechenland. Wir sind zu einem Knotenpunkt gefahren, nach Idomeni. Ein Dorf mit 500 Einwohnern und 10 000 Flüchtlingen. Der Rückweg ging dann über Mazedonien und Serbien. Und selbst mit dem leeren Sprinter hat man uns das Leben nicht leicht gemacht. Die Grenzbeamten haben sogar an der Verkleidung unseres Transporters rumgeschraubt. Da auf dem Rückweg immer wieder Geldspenden eingegangen sind, wollten wir damit dann in Slowenien helfen. Der Plan war, dass wir in ein Durchgangscamp fahren, vor Ort fragen, was gebraucht wird, und dann die Sachen einkaufen und den Menschen übergeben. Leider wurden wir wieder weggeschickt. Man müsse sich vorher im Internet anmelden, außerdem wäre man nicht auf Hilfe von außerhalb angewiesen, hat man uns gesagt. Das gleiche in Österreich. Hier hat eine Beamtin sogar gesagt, dass wir doch keine Ahnung hätten und die Menschen, denen wir helfen wollen, sich doch alle auf einen Krieg vorbereiteten.
Konnten Sie ihr Ziel, Kindern zu helfen, wirklich verwirklichen?
Eindeutig ja! Wir haben unzähligen Kindern, die mit Sandalen unterwegs waren, Schuhe angezogen, unzähligen Babys Socken angezogen. Kleinkindern, die nachts zitternd im Pullover vor uns standen, eine Jacke gegeben. Eltern haben wir Milchpulver und Babynahrung in die Hand gedrückt. Männern, die nahezu 24 Stunden ihre neugeborenen Babys auf dem Arm trugen, haben wir warme Decken über die Schultern geworfen. Jeder Spender sollte sich bewusst sein, dass jedes einzige Teil dabei geholfen hat, dass ein kleiner Mensch weniger friert. Nicht zu vergessen unsere so genannten Goodie Bags. Die waren Gold wert. Goodie Bags sind kleine Turnbeutel. In ihnen war beispielsweise eine Flasche Wasser, ein kleiner Riegel, etwas Süßes, ein Block mit Buntstiften und Seifenblasen. Die Seifenblasen haben ihren Zweck mehr als erfüllt. Viele Kinder kannten sie vorher gar nicht. Diese erstaunten und glücklichen Gesichter, als ich durch den Ring gepustet habe, werd’ ich nie vergessen. Ein Vater bedankte sich unzählige Male bei mir und sagte, dass er seine Tochter schon lange nicht mehr so herzhaft lachen gesehen habe.
Wie haben Sie die Begegnung mit den Flüchtlingen erlebt?
So, wie ich die lachenden Kindergesichter nicht vergessen werde, so werde ich die Geschichten der Menschen nicht vergessen. Natürlich, das darf ich an dieser Stelle nicht verheimlichen, waren Menschen unter den Flüchtlingen, bei denen eine Integration eher schwer wird. Und auch welche, die nicht direkt aus Syrien oder einem anderen Land kommen, in dem Krieg herrscht. Aber es sind die wenigsten. Und soll man deshalb der großen Zahl nicht helfen? Ich habe mit Vätern gesprochen, die erzählt haben, dass ihre Kinder vor ihren Augen erschossen wurden, Familien, die alles, was sie noch hatten, im Mittelmeer verloren haben, als das Boot umkippte. Kleine Kinder, die uns erzählen, dass sie wieder nach Hause wollen, allerdings ins alte Aleppo, nicht in das „neue“. Ein Mann erzählte mir mit Tränen in den Augen von seiner Hütte unterhalb der Berge an einem Fluss. Er sei mal der glücklichste Mensch gewesen. Dann kam der IS. Ich musste nicht selten hinter unseren Sprinter, um mich zu sammeln.
Welche Momente beziehungsweise Begegnungen waren besonders eindrücklich?
Mir fällt sofort ein älterer Mann ein. Er stand plötzlich in Hemd, Anzug und relativ hochwertigen Schuhen vor mir. Allerdings konnte man an den Flecken und am Geruch festmachen, dass er den Anzug schon eine Weile nicht mehr ausgezogen hat. Es war Nacht und damit circa fünf Grad kalt. Er zitterte. Mir ist eingefallen, dass ich einen warmen Wollpullover von einem Freund dabei hatte, der die gleiche Größe wie der Herr haben dürfte.Er hat dankend abgelehnt. Im weiteren Gespräch, der Mann konnte ziemlich gut Türkisch, habe ich erfahren, dass er in Aleppo Arzt war, dass eine Bombe sein Haus getroffen hat und er alles verloren hat. Der Anzug war das Einzige, was er noch hatte. Er verbindet ihn mit seiner Würde.
Was hat die Reise, was haben die Begegnungen mit Ihnen gemacht?
Obwohl sie mich so viel Energie und Kraft gekostet hat und ich eine Woche später immer noch nicht richtig schlafen kann, nachts aufwache und frierende Kinder vor mir sehe, hat mir das alles so unglaublich viel zurückgegeben. Diese Menschen waren so dankbar. Männer, die vom Alter her meine Väter sein könnten, wollten mir die Hände küssen, weil ich ihren Kindern eine angenehmere Nacht beschert habe. Oder die Helfer vor Ort. Griechen, die durch die Krise selbst nicht mehr viel haben und Familien dennoch zu sich nach Hause aufnehmen und ihnen Brote für die Reise schmieren. Private Helfer aus ganz Europa, die zusammen mit den großen Hilfsorganisationen anpacken. Viele sprechen davon, dass Europa an dieser Krise auseinander brechen könnte. Ich habe mich noch nie so europäisch gefühlt. Wir werden mit dieser Situation wachsen.
Sie sagen, die Reise habe viel Kraft gekostet. Haben Sie trotzdem vor, noch einmal zu fahren?
Eine nächste Aktion wird es ganz sicher über Weihnachten und Neujahr geben. Als Lehrer muss ich mich an die Ferien halten. Es wäre einfach nur dumm und verantwortungslos, diese Reichweite, die wir mit all den Spendern und Helfern über Facebook generieren konnten, nicht zu nutzen. Vor drei Wochen saß ich wie jeder andere vor der Tagesschau, heute haben wir die besten Kontakte zu Save the children und Ärzte ohne Grenzen und eine eigene Facebook-Seite mit fast 1300 Gefällt-mir-Angaben. Viele von diesen 1300 Menschen stehen in den Startlöchern, um uns bei der nächsten Aktion zu unterstützen. Das war also nur der Anfang.
Was können Menschen tun, die helfen wollen, aber nicht den Mut oder die Zeit haben, sich auf die Reise zu den Flüchtlingen auf der Balkanroute zu machen?
Ganz einfach: Unsere Facebook-Seite „Balkan Route Stuttgart“ anklicken und uns mit einem „Like“, einer Sach- oder einer Geldspende unterstützen.
Das Gespräch führte Eveline Blohmer.
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