Vor der Stadthalle Göppingen, wo der Kreistag zusammenkam, wurde gegen die Schließung protestiert. . Foto: Staufenpress

Die Geislinger Helfenstein-Klinik soll zu einer „Praxisklinik“ werden. Diese Pläne lösten im Göppinger Kreistag eine Kontroverse aus. Vier Stunden lang wurde debattiert.

Göppingen - Nun soll es ganz schnell gehen: Die Auflösung der Geislinger Helfenstein-Klinik in der bisherigen Form soll nach dem Wunsch der beiden Geschäftsführer möglichst noch vor dem von Gutachtern vorgeschlagenen Termin im Jahr 2024 über die Bühne gehen. Darüber informierten Wolfgang Schmid und Ingo Hüttner gestern den Kreistag. Demnach  würde an dem Standort eine Praxisklinik ohne stationäre Versorgung entstehen. Drei Gutachten hatten ergeben, dass der weitere Betrieb der Helfensteinklinik unwirtschaftlich ist. Vor der Sitzung hatten einige Gegner der Pläne vor der Göppinger Stadthalle demonstriert. Anschließend wurde in der Halle eine vierstündige kontroverse und emotionale Debatte geführt.

Landrat wirbt um Verständnis

Landrat Edgar Wolff warb um Verständnis für die anstehenden Veränderungen: „Alle hier in  diesem Raum wünschen sich, dass es mit der Helfenstein-Klinik so weitergeht wie bisher.“ Doch dies sei nicht möglich: „Um so bedauerlicher ist es, dass wir jetzt eine Diskussion führen, die Handlungsbedarf deutlich macht.“ Er verwies auf das Ergebnis der vom Kreistag beschlossenen dritten Expertise: „Die Hoffnungen waren bei allen da, dass das dritte Gutachten eine Lösung aufzeigt – dem ist aber nicht so. Wir haben jetzt drei Gutachten, die alle zum selben Schluss kommen.“

Eindringlich verwies der Medizinische Geschäftsführer Hüttner auf die Situation der Alb-Fils-Kliniken: „Wir müssen die Kräfte und das Personal an einem Standort bündeln.“ Neben der finanziellen Situation sei dafür auch der Fachkräftemangel verantwortlich. In elf weiteren Kreisen in Baden-Württemberg liefen derzeit ähnliche Diskussionen wie im Kreis Göppingen.

Einer Kompromisslösung bis zum Bezug des Neubaus der Klinik am Eichert erteilte Hüttner eine Abfuhr: „Wir glauben, dass der Erhalt der Helfenstein-Klinik bis zum endgültigen Umzug in den Neubau nicht möglich ist.“ Er präsentierte eine mögliche Interimslösung von 2022 an bis zur voraussichtlichen Fertigstellung des Neubaus. Diese umfasst beispielsweise eine stationäre Klinikversorgung mit 30 Betten sowie eine Notfallambulanz bis 22 Uhr. Ab 2024 soll es eine Notfallversorgung nur an Werktagen bis 17 Uhr geben.

„Das halte ich schon fast für unanständig“

Für den Geislinger Oberbürgermeister und Freie-Wähler-Kreisrat Frank Dehmer sind diese Vorschläge untragbar. Er verwies auf die Corona-Pandemie und die überlasteten Intensivstationen. „Jetzt eine Diskussion über die Schließung einer Klinik zu führen, das halte ich schon fast für unanständig.“ Die Stellungnahmen – sei es von Betriebsrat, Geschäftsführung oder leitenden Mitarbeitern – kämen mehrheitlich von Mitarbeitern der Klinik am Eichert. Der Personalmangel werde sich durch das Schließen der Klinik nicht beheben lassen: „Die allermeisten Mitarbeiter werden nie in Göppingen ankommen.“ Frank Dehmer appellierte: „Wir sollten eine solche Entscheidung nicht mitten in einer Pandemie treffen.“

Der Fraktionsvorsitzende der CDU, der Geislinger Wolfgang Rapp, stellte klar: „Wir sind für einen stationären Weiterbetrieb der Helfenstein-Klinik und werden diesen Antrag im Kreistag auch einbringen.“ Er stellte die Frage: „Warum wurden die Investitionen in die Klinik immer wieder verschoben?“ Ins selbe Horn stieß sein Geislinger Fraktionskollege Peter Maichle: Er zählte auf, was in den vergangenen zehn Jahren alles aus Geislingen abgezogen oder dort geschlossen wurde: Zentrallager, Geburtshilfe, Kita, Krankenpflegeschule, Haustechnik, Verwaltung, eine neue Küche. „Daraus wird ersichtlich, wie die Kreisverwaltung seit Jahren darauf hinarbeitet, die Helfenstein-Klinik ausbluten zu lassen. Mit bewussten Tricks wurde das Haus schlechtgeredet.“

„Wir haben keine Zeit“

Ganz anders sah der Freie-Wähler-Fraktionschef Werner Stöckle die Lage: „Ob es einem gefällt oder nicht: Die Stellungnahmen sprechen eine eindeutige Sprache – nicht nur aus wirtschaftlichen, nicht nur aus finanziellen Gründen.“ Selbst mit Millionen-Zuschüssen ließen sich Veränderungen in Geislingen nicht vermeiden. Dass die Notfallversorgung nun doch – entgegen ursprünglicher Aussagen – eingeschränkt werden soll, missfiel Stöckle allerdings: „Darüber muss sicherlich geredet werden.“

Die Vorsitzende der FDP-Fraktion, Susanne Weiß, stellte eine rhetorische Frage: „Wer sind wir eigentlich, dass wir uns erlauben zu behaupten, dass wir mehr Sachverstand haben als drei Gutachter?“ Grünen-Fraktionschefin Martina Zeller-Mühleis warb für die Pläne der Geschäftsleitung: „Ein weiteres Hinauszögern darf es nicht mehr geben, wir haben keine Zeit.“ Ihre Kollegin Susanne Widmaier von der SPD bekräftigte: „Eine Helfenstein-Klinik in der bisherigen Form ist nicht zukunftsweisend.“ Der Geislinger Sascha Binder, ebenfalls SPD, widersprach: „Das Gesundheitskonzept wurde nicht so umgesetzt, wie es das eigene Ziel war. Jetzt haben wir einen Vorschlag vorliegen, der sich fundamental von dem am 2. Oktober unterscheidet.“ Er könne den Plänen nicht zustimmen, ihm fehle das Vertrauen.

„Harter Tobak“

Für die AfD meldete sich Fraktionschef Joachim Hülscher zu Wort. „Die AfD wird eine ehrliche Entscheidung mittragen“, kündigte er an. Georg Gallus jr. (FDP) nahm die Klinik-Chefs und Wolff in Schutz: „Was hier passiert, dass man jetzt hier zwei Stunden lang die Geschäftsführer einschließlich des Landrats runterputzt, da wundert sich sogar der Gallus.“ Mit Blick auf OB Dehmer und die Bürgermeister aus dem oberen Filstal, die einen offenen Brief veröffentlicht hatten, sprach der Kreisrat aus Hattenhofen von „reiner Gefühlsduselei“. Auch sein Fraktionskollege Martin Kaess ergriff Partei für Wolff, Hüttner und Schmid: „Auf Ihnen wird hier nur rumgehackt, das haben sie nicht verdient.“ Auch habe es keinen Wortbruch gegeben, unterstrich Kaess: „Es verändert sich halt mal was.“

Schließlich ergriff der Kaufmännische Geschäftsführer Wolfgang Schmid noch einmal das Wort, um sich gegen die Kritik zur Wehr zu setzen. Dass das Sterben der Klinik zehn Jahre lang vorbereitet worden sein soll, sei „harter Tobak“. Er erläuterte nochmals, warum einzelne Entscheidungen – wie die Schließung der Geburtshilfe – unumgänglich waren. „Klinikexperten warnen davor, dass ein ,weiter so’ in die Sackgasse führt.“ Er zeigte sich enttäuscht, dass ein Konsens so schwierig sei und „uns eine gute Absicht nicht abgenommen wird.“ Auch Hüttner sprach anschließend von „hartem Tobak“ – aber er habe ein dickes Fell. Am 21. Mai soll endgültig über die Helfenstein-Klinik abgestimmt werden.