Stuttgarterin Helene Schoettle Gründerin der Nähstuben und Waldheimtante

Von Sybille Neth 

Nach ihrem Ehemann Erwin Schoettle ist ein Platz benannt – Helene Schoettle, die große Dame der Sozialdemokratie in Stuttgart, gerät dagegen in Vergessenheit.

Helene und Erwin Schoettle fühlten sich wohl im Waldheim Heslach.Foto: Hans Vetter Pressefoto

S-Süd - Schoettle-Platz, nicht Erwin-Schoettle-Platz sagt die Stadthistorikerin Claudia Weinschenk ganz bewusst bei ihren Führungen durch den Süden. Nicht aus Respektlosigkeit vor den Verdiensten des engagierten Sozialdemokraten, Stuttgarter Ehrenbürgers und Bundestagsvizepräsidenten von 1961 bis 1969. Es ist dies vielmehr eine Verbeugung vor dessen Ehefrau Helene Schoettle und deren Verdienste in der Sozialpolitik der Stadt. Dreimal wurde die SPD-Politikerin mit der höchsten Stimmenzahl aller Stadträte in den Gemeinderat gewählt und dies schon beim ersten Mal 1951. Mit 73 Jahren legte sie 1976 ihr Amt nieder. Stets sei sie für andere da gewesen: Für Benachteiligte, für sozial Schwache, Behinderte und nach dem Zweiten Weltkrieg für die Flüchtlinge, so charakterisierten sie ihre Weggefährten.

Seniorenclub nach schwedischem Vorbild

Von 1947 bis 1973 saß sie im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt und war dort unter anderem maßgeblich am Aufbau der Nähstuben beteiligt. Die letzte wurde erst kurz nach der Jahrtausendwende in Heslach geschlossen. 1960 gründete die populäre Sozialdemokratin den Verein „Lebenshilfe für geistig Behinderte“ und für die ältere Generation hob sie 1962 zusammen mit Maria Schön die Heslacher „Blaustrümpfler“ aus der Wiege. Die Anregung für einen solchen Altenclub hatte sie von einer Reise nach Schweden mitgebracht. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Gemeinderat blieb sie weiterhin politisch aktiv und engagierte sich bis 1979 im Bezirksbeirat-Süd.

Lernen nach Feierabend

Nach der Rückkehr aus der Emigration während des Nationalsozialismus lebten die Schoettles in Heslach, erst in der Gebelsbergstraße 35, dann in ihrem Haus in der Wannenstraße 52. Als 1988 das Heslacher Waldheim sein 80-jähriges Bestehen feierte, war selbstverständlich auch die damalige Altstädträtin mit dabei, denn sie war nicht nur treue Waldheimbesucherin, sondern auch als „Waldheim-Tante“ aktiv. Rückblickend auf die Nazi-Zeit würdigte sie es als Rückzugsort vor den Verfolgern: „Solange es irgendwie ging, war das Waldheim Heslach ein Hort, wo wir hingehen konnten, wo wir geschützt waren vor den Nazis.“ Mit „wir“ meinte sie in diesem Fall die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ). Die Tochter eines Schlossers gründete als 16-jährige eine eigene SAJ-Gruppe in ihrem Geburtsort Stuttgart-Münster. Ihre Mutter besserte damals die schmale Haushaltskasse der Familie mit dem Austragen von Zeitungen auf. Tochter Helene arbeitete nach dem Volksschulabschluss in einer Fabrik. Aber der Teenager war ehrgeizig und besuchte nach dem Neun-Stunden-Arbeitstag abends die Handelsschule. Später sagte sie einmal in einem Interview: „Vor dr Karriere muss mr hart schaffa.“ 1919 trat sie der SPD bei und engagierte sich dort ihr Leben lang in der Frauengruppe der Partei. 1926 schloss sie mit dem Schriftsetzer Erwin Schoettle, der damals Verlagssekretär bei der „Schwäbischen Tagwacht“ war, den Bund fürs Leben.

Trennung im Exil

1933 musste der Ehemann in die Schweiz fliehen. Dort gründete er die Zeitung „Roter Kurier“ und Helene versuchte, das Blatt nach Deutschland zu schmuggeln, um so die Nationalsozialisten von außen zu bekämpfen. 1934 floh sie mit der kleinen Tochter ebenfalls in die Schweiz und arbeitete dort als Haushaltshilfe, obwohl dies für Emigranten streng verboten war. Die Schweiz wurde zu unsicher und die junge Familie ging 1939 weiter nach England, wo die Schoettles acht Monate lang getrennt interniert waren. Schoettle machte danach Radiosendungen bei der BBC für deutsche Arbeiter und Kriegsgefangene und Helene Schoettle arbeitete in einer Taschenlampenfabrik.

1946 kehrten sie zurück und wurden sofort wieder politisch aktiv. Erwin wurde Mitherausgeber der Stuttgarter Nachrichten und Helene Schoettle blieb zeit Lebens – auch nach dem Tod ihres Ehemanns 1976 – Mitgesellschafterin der Zeitung.

Große Ehre für das Engagement

Die Tochter Doris, die als Malerin Mitglied der Künstlervereinigung Gedok war, verstarb mit 60 Jahren 1988, kurz vor dem 85. Geburtstag ihrer Mutter. Diese hatte sich deshalb alle Glückwunschfeiern verbeten. Die große Dame der Stuttgarter Sozialdemokratie starb mit 91 Jahren am 24. August 1994. „Sie hat sich viele Jahrzehnte lang in außergewöhnlichem Maße für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts eingesetzt“, würdigte sie der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel. 1983 hatte er ihr das Verdienstkreuz Erster Klasse verliehen und sie selbst war ein wenig stolz auf sich: „Es ist schön, etwas bewirkt zu haben“, hatte sie einmal gesagt.