Energiegeladener Wirbelwind: Helene Fischer hat ihre 45 000 Fans in der Mercedes-Benz-Arena begeistert. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Von allem ein bisschen zu viel, aber genau das wollen die 45 000 Fans haben: Helene Fischers letzte Show ihrer Stadiontournee ist ein bunt-bombastischer Kindergeburtstag für Erwachsene.

Stuttgart - Als nach einer halben Stunde der Regen einsetzt und das Publikum im Stadion klatschnass wird, macht Helene Fischer daraus den wohl pathetischsten Moment des Abends: sie stellt sich mit ihren Fans in den Regen, singt „Sonne auf der Haut“ und sagt: „Wir stehen das zusammen durch, gemeinsam im Regen. Das schweißt uns zusammen“. So schmalzig das klingt, so ernst meint sie es. Und als ihr dann auch noch vor lauter Liebe zu ihren Fans und großen Gefühlen der Dankbarkeit die Augen überlaufen, bleiben auch im Publikum nur wenige Augen trocken. Alle Schleusen offen – der Himmel, Helene, alles heult. Puh. Das muss man aushalten können wenn man zu einem Konzert von Deutschlands Schlager-Popstar Nummer Eins geht. Aber genau das ist es, was die Fans haben wollen: große Momente, große Gefühle, Pathos, Pomp und Gloria. Helene Fischer liefert genau das ab: astreines Entertainment, irgendwo zwischen Disco-Ära-Reminiszenz, Varieté-Revue und Las-Vegas-Show.

Hier spielt Königin Helene

Was die Perfektion ihrer Show angeht, kann sich Helene Fischer längst mit internationalen Showgrößen wie Madonna oder Beyoncé messen. Zufall oder nicht: den Anfangsbuchstaben ihres Namens hat auch schon Madonna als riesiges Element ins Bühnenbild integrieren lassen. Das „H“ steht da beinahe monumental, als Symbol für die Kernaussage der Show: hier spielt Königin Helene.

Helene im knappen, glitzernden Samba-Kleidchen, Helene mit Krone auf dem Thron, umgeben von ihrer Tanzgarde, Helene lasziv räkelnd auf Großleinwand, Helene als Cabaret-Tänzerin mit Bistro-Stuhl – Helene über alles. Das ist bombastisch, dick aufgetragen, lang, aber niemals langweilig. Die Fans im Stadion geben stehend, wippend, klatschend und tanzend den Background-Chor bei Hits wie „Flieger“, „Achterbahn“ oder „Fehlerfrei“ und natürlich bei „Atemlos“. Ja, es klingt alles irgendwie ähnlich, oft nach Bierzelt-Gaudi und Après-Ski-Party, aber bei Helene Fischer zählt nicht der einzelne Song, sondern das große Ganze. Und die Fans interessiert es nicht, dass ihre Musik ein bisschen einfältig ist. Schließlich macht sie ja gerade das auch so eingängig. Hauptsache Liebe, Feuer, Herzschmerz, Tränen, Freude, Gefühle. Die Luft flirrt, Fischers Energie steckt an, ob man will oder nicht. Und wenn sie mit dem Helene-Mobil, einem offenen Pick-up-Truck mit bunten Luftballons oben drauf, im Schritttempo durch den Zuschauer-Innenraum gefahren wird, hat das etwas Grotesk-Sakrales – wir sind Helene, Habemus Helene.

Zu keiner Zeit wirkt sie entrückt oder exaltiert

Sie liebt die große Geste. Und das passt wiederum so gar nicht zur anderen Seite der 1,60-Meter kleinen großen Sängerin, die sich immer so gerne als die Nahbare und Berührbare gibt. Bei aller Professionalität und einer bis ins kleinste Detail von einer 200-köpfigen Crew durchgeplanten und einstudierten Show, zeigt sich die ­33-jährige, ausgebildete Musicaldar­stellerin stets authentisch und nahbar. Zu keiner Zeit wirkt sie entrückt oder exaltiert. Eigenschaften, die Stars in ihrer Liga gerne mal auf der Bühne kultivieren. Sie macht es einem schwer, sie nicht sympathisch zu finden.

Helene Fischer vermittelt ihren Fans zwei Stunden lang trotz ihrer fast unheimlichen Perfektion das Gefühl, eine gute Freundin zu sein, die ihre „Crowd“ nicht mit Sätzen wie „Danke, dass ihr da seid!“ abspeist sondern sie mit bedeutungsschwangeren Botschaften bauchpinselt. Dann sagt sie zum Beispiel: „Ihr gebt mir das Gefühl, dass es richtig ist, diesen Weg weiterzugehen, dafür danke ich euch zutiefst“. Wenn sie bewegt ist, drückt sie sich eine Hand auf die Brust, wie um zu unterstreichen, dass sie das Herz am rechten Fleck hat. Ihr Pathos signalisiert: Die Perfektionist ist auch nur ein Mensch.

Mindestens dreimal steigen ihr die Tränen in die Augen

Wer dahinter eine Strategie vermutet, liegt wahrscheinlich falsch. Dafür hat Helene Fischer an diesem letzten Konzert ihrer Stadiontournee schlicht zu viel geweint. Mindestens dreimal steigen ihr die Tränen in die Augen – aus Überwältigung, Dankbarkeit, Ergriffenheit, man weiß es nicht, aber die Tränen sind echt. Und natürlich steckt sie jedes Mal die Fans mit ihren Emotionen an. Die Verbundenheit zwischen der leuchtenden Helene auf der Bühne und den 45 000 Menschen im Stadion kann man körperlich spüren, Gänsehautmomente gibt es zuhauf. Da kann es einem schon mal zu viel werden, und man wünscht sich ein bisschen Abstand, ein bisschen Ironie, ein paar lustige Sprüche.

Sie hat ihr eigenes Genre geschaffen

Lustig war es aber zwischendurch trotzdem. Zum Beispiel als sie sich und ihre Show-Entourage in die 90er Jahre zurück beamt und Dancefloor-Klassiker wie „Rhythm is a dancer“, „What is Love“ und „I like to move ist „ in ein Medley packt. Da bebt das Stadion, und Helene Fischer zeigt einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit. Es sind ja nicht nur Schlager, die das russlanddeutsche Fräuleinwunder mit sibirischen Wurzeln zum Besten gibt – auch wenn die abgewandelte Version von Matthias Reims Klassiker „Verdammt ich lieb’ dich“ aus ihrer Drei-Oktaven-Goldkehle einen bestechenden Charme hat.

Mit ihrem Stilmix aus Schlager, Rock, Disco und Dancefloor hat sie sich ihr eigenes Genre geschaffen. Angebliche 12,3 Millionen verkaufte Tonträger sowie mehrfach ausverkaufte Konzerte hintereinander sprechen für sich. Experten nennen das, was sie macht, „transgenerational“: Großeltern, Eltern und Kinder – vereint in den größten Konzerthallen und Stadien – alle vergöttern Helene und lieben ihre Musik. Was ein Rammstein-Konzert für Rockfans, ist eine Helene-Fischer-Show für Schlagerfans. Ihre fulminante Show, ihre nahbare Persönlichkeit, ihre Perfektion in den Disziplinen Tanz und Gesang, ihr Charisma, ihr gutes Aussehen – all das ist längst zum Gesamtkunstwerk Helene Fischer verschmolzen.

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