In einer Näherei in Dhaka: Tänzer und Arbeiterinnen im Dialog Foto: Fleck Perry Photography

Wie gehen wir mit menschlichen Ressourcen um? Die Tanzregisseurin Helena Waldmann hat sich für ihre neue Produktion in den Textilfabriken von Bangladesch umgeschaut.

Stuttgart - Schönes Kleid. Leider steht „Made in Bangladesh“ auf dem Etikett. Darf man das noch kaufen? Nach mehreren Katastrophen ist die Situation der Näher dort hinreichend bekannt. Sie arbeiten in überfüllten, unsicheren Gebäuden, sie nähen im Akkord und verdienen am Ende so wenig, dass es fürs Nötigste kaum reicht.

Mehr als 1100 Textilarbeiter starben vor einem Jahr, als in einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ein Fabrikgebäude einstürzte. Aber es sind nicht allein Meldungen wie diese, die das Interesse der Regisseurin Helena Waldmann an den Nähereien geweckt haben. „Made in Bangladesh“ heißt ihr neues Stück, das nach der Premiere in Dhaka im Herbst nach Ludwigshafen kommt. Es will hinter die Kulissen der Ausbeutung blicken, um ihre Mechanismen besser zu verstehen. Denn Ausbeutung ist, wie Helena Waldmann weiß, auch auf deutschen Tanzbühnen kein Fremdwort.

Wer Helena Waldmanns Arbeiten kennt, kann sich gut vorstellen, dass dieses Thema bei ihr gut aufgehoben ist. Wenige Choreografen zeigen wie sie, dass Tanz politisch sein kann, ohne ästhetische Prinzipien aufzugeben. Am Nerv der Zeit liegen ihre Themen allemal, vor zehn Jahren traf sie mit „Letters from Tentland“, einem in Teheran erarbeiteten Stück zum Verschleierungsgebot des Islam, ins Schwarze.

Wie bringt man sechs Darstellerinnen auf der Bühne eines Landes zum Tanzen, in dem das Verbergen des Körpers für Frauen oberstes Gebot ist? Waldmann verpackte ihre iranischen Protagonistinnen in Zelte, ließ sie mit und in diesen tanzen und sprechen. Klug führte die Regisseurin damals vor, dass sich unsere Projektionen nicht immer mit den realen Begebenheiten decken. Und so stellte sie unseren Eurozentrismus genauso an den Pranger wie die Bevormundungen eines totalitären Systems.

Auch die Situation der Näher in Bangladesch hat zwei Seiten, wie ein Gespräch mit Helena Waldmann schnell zutage fördert. Sie hat für ihr Stück „Made in Bangladesh“ in den Textilfabriken vor Ort recherchiert. „Ich habe gute und schlechte Fabriken gesehen. In den guten sind die Näherinnen zwar arm, aber stolz. Sie sagen, sie seien für viele Frauen Vorbilder. Sie sind glücklich und stehen durch die Näherei nicht mehr am Rand der Gesellschaft, sondern sind im Zentrum: Es sind die Millionen nähenden Frauen, die die Wirtschaft Bangladeschs stark vorantreiben. Zudem sind sie stolz, eine gewisse Unabhängigkeit erlangt zu haben und ihre Familien unterstützen zu können.“

In den schlechten Fabriken, erzählt Helena Waldmann, seien die Leute „todmüde, krank, missbraucht, beschimpft, manchmal geschlagen und rechtlos“. Kritik an ihrer Situation ist für Textilarbeiter jedoch tabu, da sie fürchten, die Industrie könne in Länder abwandern, die noch billiger produzieren. „Die Näherinnen sagten zu mir: Bitte boykottiert unsere Produkte nicht. Wir wollen und brauchen diese Arbeit dringend.“

Soll man das Kleid „Made in Bangladesh“ also doch kaufen? Helena Waldmann rät dem Verbraucher, seine Macht und seinen Kopf zu benutzen: „Wir müssen mehr darauf achten, was wir überhaupt brauchen. Nicht in Masse, sondern ausgesucht einkaufen! Das heißt auch, dass man darauf schaut, unter welchen Umständen ein Kleidungsstück hergestellt wurde. Will ich auf Kosten anderer gut aussehen oder etwas mit guten Gewissen tragen können?“

Doch lässt sich das im Laden so leicht feststellen? Ausreden lässt Helena Waldmann nicht gelten. „Die lange Kette der Beteiligten macht es leicht, die Schuld immer auf andere zu schieben. Aber das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen uns fragen: Kann es sein, dass ein T-Shirt 1,50 Euro kostet? Nein? Dann muss ich als Verbraucher durch meine Kaufentscheidung Verantwortung übernehmen.“

Bei ihrer Recherche in Bangladesch erlebte Helena Waldmann, dass Einblick in die Textilfabriken gar nicht so leicht ist. „Viele Besitzer ließen uns nicht rein. Oder wenn doch, dann nur nach der lauten Warnung: Achtung, Käufer kommen! Danach haben sich alle anders verhalten und im Waschraum lagen Seife und Handtücher.“

Gesehen hat sie extremen Druck, aufseiten der Näher, der Fabrikbesitzer und der Käufer. „Es geht um nichts anderes als: immer mehr, immer schneller, immer billiger. Wenn die Nähmaschinen nicht im vorgegebenen Takt surren, ist der Akkord in Gefahr“, hat Helena Waldmann beobachtet. „Große Tafeln zeigen den stündlichen Output einer Nähreihe und heizen die Konkurrenz an.“

Die meisten Näher wohnen in Slums. „Viele sagen: Durch die Katastrophen ist der Druck auf die Hersteller gewachsen, es gibt mehr Kontrollen und auch Fortschritte, aber es reicht nicht, wenn nur die Situation in den Fabriken besser wird, auch die Löhne müssen steigen, damit wir nicht weiter unter dem Existenzminimum leben müssen.“

Derzeit arbeitet Helena Waldmann daran, ihre Recherchen zum Thema Ausbeutung in Tanz umzusetzen. 13 Kathak-Tänzer hat sie dafür in Dhaka gefunden. Dieser indische Tanzstil, erklärt sie, wolle steife Tänzer. „Der Tanz spielt sich in den Füßen ab. Das rhythmische Stampfen erinnert an das Rattern der Nähmaschinen. Die Füße der Tänzer sind wie die Nadeln, die den Stoff stechen.“ Mit Hilfe von Projektionen sollen sich Tanz und Nähen überlagern. Gespräche mit Nähern, die die Tänzer im Proberaum besuchten, fließen in die Arbeit mit ein.

Den Druck, der auf den Nähern in Bangladesch ruht, kennt Helena Waldmann zu gut. „Optimierung, Effizienz: Dasselbe findet in Deutschland bei Tänzern statt. Sie sollen immer mehr und immer billiger arbeiten, weil es an Wertschätzung fehlt und für Tanzproduktionen immer weniger Geld zur Verfügung steht. Die einen nähen, die anderen tanzen bis zur Erschöpfung.“ Auch davon will ihr Stück erzählen, Parallelen zwischen Tänzern und Nähern gibt es für sie genügend: „In beiden Fällen ist die Ausbeutung maximal. Und wer den Mund aufmacht und sich beschwert, ist seinen Job los.“

So wie der Verbraucher das unfair produzierte T-Shirt boykottieren kann, möchte ihm Helena Waldmann mehr Aufmerksamkeit beim Theaterbesuch zumuten: „Das Publikum muss endlich wahrhaben, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht. Zum Glück gibt es immer mehr Bühnenkünstler, die den Mund aufmachen.“ Tanzschaffenden rät sie, bei einer Kürzung der Zuschüsse nicht einfach wie gehabt weiterzuarbeiten. „Dann muss ich so lange Mittel beantragen, bis ich eine Produktion mit gutem Gewissen realisieren kann. Oder es gibt eben nur die Hälfte vom Stück.“ Dank Mitteln der Bundeskulturstiftung konnte Helena Waldmann „Made in Bangladesh“ fair produzieren.

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