Gerda Taro und Robert Capa in Paris, jetzt ist über die Fotografin der Roman „Das Mädchen mit der Leica“ erschienen. Foto: Fred Stein

Wegen der Corona-Welle nur per Skype: Die deutsch-italienische Autorin Helena Janeczek hat im Literaturhaus ihren Tatsachenroman über die Kriegsfotografin Gerda Taro vorgestellt.

Stuttgart - Ihrem Sarg folgten Zehntausende, doch schon ein paar Jahre nach ihrem Tod war sie vergessen. Bis irgendwo in Mexiko dieser alte Koffer mit Negativrollen auftauchte. Plötzlich redete wieder die ganze Welt über Gerda Taro, die jüdische Fotografin aus Stuttgart, die den Spanischen Bürgerkrieg dokumentierte und 1937 bei Madrid von einem Panzer überrollt wurde, gerade 27 Jahre alt. Ihre Nah-dran-Ästhetik hatte die Kriegsberichterstattung revolutioniert. Biografien und Ausstellungen wie 2010 im Stuttgarter Kunstmuseum haben das unerschrockene Leben und das blutjunge Sterben der unkonventionellen Kommunistin mehrfach aufgearbeitet. Nun erzählt Helena Janeczek die Geschichte von Gerda Taro noch einmal. Mit dem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Das Mädchen mit der Leica“ ist der aus München stammenden Wahlitalienerin ein wunderbar einfühlsamer Tatsachenroman gelungen. Zumindest wenn man nach den ausgewählten Passagen urteilt, die jetzt im Stuttgarter Literaturhaus zu hören waren.

Der Roman wurde mit dem Premio Strega ausgezeichnet

Janeczek, Jahrgang 1964, schreibt zwar bevorzugt in Italienisch, spricht aber fließend Deutsch. Ursprünglich wollte sie persönlich kommen, um den Band in Taros Geburtsstadt vorzustellen. Doch die Corona-Epidemie hat die Reisepläne der bei Mailand lebenden Autorin zunichte gemacht. Hörfunk- und Fernsehsprecherin Marit Beyer übernahm die Lesung, obwohl es die Medientechnik schaffte, Janeczek wenigstens virtuell über die Alpen zu holen. Gleich auf zwei Wände projiziert, erschien eine entspannt in ihrem abgedunkelten Arbeitszimmer hockende Autorin, die sich weder von den Tücken der Skype-Verbindung noch von störenden Haushaltsgeräuschen abhalten ließ, die Fragen der Moderatorin Irme Schaber zu beantworten. Die beiden kennen sich schon lange. Als Verfasserin einer Taro-Biografie war die Kulturwissenschaftlerin aus Schorndorf Janeczeks wichtigste Material-Lieferantin.

Die Initialzündung zu dem Roman, dessen Originalfassung den Premio Strega, den wichtigsten Literaturpreis Italiens, gewann, lieferte jedoch eine Mailänder Ausstellung. „Dort“, erinnerte sich Janeczek, „hingen Taros Arbeiten neben denen ihres Lebensgefährten und Kollegen Robert Capa.“ Genau jener Capa, dem die Welt mit der (vermutlich inszenierten) Aufnahme „Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes“ eine Ikone des Nachrichtenbildes verdankt.

Taro war mehr als die Frau eines berühmten Mannes

Bei Janeczek indes ist der gebürtige Ungar nur Nebenfigur. „Ich wollte nicht das Klischee von der Frau eines berühmten Mannes bedienen.“ Denn Taro war mehr. Ohne die gewitzte Strategin hätte es auch Capa nie gegeben. Gemeinsam erfinden sich die beiden verkrachten Exilanten im Paris der Dreißiger eine Glamour-Existenz. Ein strubbelköpfiger Budapester namens André Friedmann und eine Deutsch-Polin namens Gerta Pohorylle wären nicht weit gekommen. Den angeblichen amerikanischen Millionenerben Robert Capa nehmen die großen Pariser Pressehäuser dagegen gern in ihre Dienste. Ebenso wie seine mondän umgetaufte Freundin: Gerda Taro, dieselben Vokale wie Greta Garbo!

So jedenfalls malt es sich der Roman aus, und so ähnlich könnte es auch in Wirklichkeit gewesen sein, was Irme Schaber enthusiastisch bestätigte: „Das Oszillieren zwischen Fakten und Fiktion“, lobte die Expertin, „macht dieses Buch zu einem großen Geschenk.“ Den Realitätseffekt erzielt Janeczek dadurch, dass sie sich ihrer Heldin über die Erinnerungen von Freunden nähert. Willy zum Beispiel. Als die Handlung beginnt, lebt er bereits als angesehener Kardiologe in Amerika. Weit auseinanderliegende Zeiten und Orte stoßen bei Janeczek kunstvoll zusammen, die verschiedenen Erzählerstimmen klingen wie die Zeitzeugen aus einer historischen Fernsehdokumentation. Zugleich, berichtete die Autorin, habe sie versucht, durch Bildbeschreibungen auch das fotografische Werk sprechen zu lassen.

Schon in Deutschland war Taro antifaschistisch engagiert

Über den Umweg einer konstruierten Authentizität entsteht die intensive Charakterstudie einer aufgeweckten jungen Frau. „Selbstbewusst und modern“, sagte Janeczek, „war Gerda schon zu ihrer Stuttgarter Zeit.“ Als sie 1929 nach Leipzig umzog, sei sie auch zu einem politischen Menschen geworden. „Für eine sozialistische Splitterpartei verteilte sie Flugblätter gegen die Nazis, landete im Gefängnis, kam frei und floh nach Frankreich.“ Dass sich die Fotografin schon in Deutschland antifaschistisch engagiert hatte, war für viele Zuhörer neu. Die Stuttgarter Schau etwa sprach es nur am Rande an.

Von dem an Eindrücken und Informationen reichen Abend bleibt aber vor allem im Gedächtnis, wie optimistisch, intelligent und humorvoll Gerda Taro war. Auch für den erotischen Zauber, den sie auf ihre Umgebung ausübte, findet Janeczek Worte, die zart und dennoch deutlich genug sind. Etwa in der ebenfalls vorgetragenen Szene, in der sich Taro die Beine mit Nivea einreibt. Kein Wunder, dass die schöne Stuttgarter Kommunistin nicht nur Capa den Kopf verdreht hat. Mit dem Arzt Georg kommt im Buch einer dieser anderen Verehrer zu Wort. Nach Gerdas Tod trifft der Mediziner (auch er ein aufrechter Linker) seinen Liebes-Konkurrenten Capa an der Bürgerkriegsfront wieder. Gemeinsam trinken die beiden Schnaps aus der Feldflasche: „Auf unsere Gerda.“

Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica, Berlin Verlag, 352 Seiten, 22 Euro.

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