Familien im Neubau, Mieter mit wenig Geld: Daten und Beispiel-Haushalte zeigen für jede Gemeinde, wem der Wechsel zu CO2-freiem Heizen leicht fällt – und wem eine fossile Falle droht.
Ein altes Einfamilienhaus, eine kleine Witwenrente von weniger als 1500 Euro im Monat: Als Rentnerin lebt Frau Müller auf kleinem Fuß, in einem Dorf irgendwo in Baden-Württemberg. Doch ihre Heizung macht ihr Sorgen. Die Gasrechnung wird von Jahr zu Jahr teurer, aber für einen Wechsel auf eine Wärmepumpe fehlen ihr die Ersparnisse, ein Kredit ist für sie als 80-Jährige keine Option mehr. Das kaum sanierte Haus hat sie mit ihrem verstorbenen Mann in den Siebzigerjahren gekauft, wegziehen will sie auf keinen Fall mehr.
Frau Müller ist keine echte Person, sie steht aber für eine Gruppe, über die in der Diskussion um Wärmepumpen und den Wechsel weg von Gas- und Ölheizungen häufig gesprochen wird. Wie oft es solche Fälle gibt, zeigen Berechnungen des Sozial-Klimarats, einem Thinktank, der alle Haushalte in Deutschland einer von 16 unterschiedlichen Gruppen zugeordnet hat.
Diese sogenannten Personas unterscheiden sich darin, wie gut sie für die Wärmewende aufgestellt sind – sei es als Mieter oder als Eigentümer, je nach Alter des Hauses, Heizungsart und Einkommen. Unsere Redaktion hat die Daten für alle Gemeinden in Baden-Württemberg analysiert.
Die Analyse zeigt: Fälle wie Frau Müller gibt es in Baden-Württemberg vergleichsweise selten. Sie verkörpert die Eigenschaften der Gruppe „Prekäre Eigentümer in älteren Häusern“. Wie Frau Müller sind nur etwa drei Prozent der Haushalte im Südwesten aufgestellt. Etwa fünf Prozent haben zwar ein wenig mehr Geld, stehen aber in puncto altem Haus und Heizungswechsel vor denselben Herausforderungen. Häufiger – etwa zwölf Prozent der Haushalte – sind nicht Eigentümer, sondern Mieter, aber mit ebenfalls schlechter finanzieller Ausgangslage.
Nennen wir sie Herr und Frau Rossi. Sie leben in einer mittelgroßen Stadt in einer Mietwohnung, den Bau aus den Fünfzigerjahren hat ihr Vermieter geerbt und vermietet die Wohnungen nun privat. Wechselt der Vermieter nicht auf eine klimaneutrale Heizung, wachsen dem Ehepaar Rossi absehbar die steigenden Gaskosten über den Kopf, denn Frau Rossi verdient in Teilzeit nur wenig Geld, Herr Rossi ist bereits in Rente. Doch würde das Haus umgebaut, zum Beispiel mit einer Wärmepumpe oder einem Anschluss an ein Wärmenetz, müsste erst einmal der Vermieter Geld in die Hand nehmen, später würde er einen Teil der Kosten auf die Miete umlegen. Menschen wie Familie Rossi sind abhängig von ihren privaten Vermietern – die Persona-Analyse bezeichnet sie als „Mieter außerhalb des Blickfeldes“.
Baden-Württemberg steht vergleichsweise gut da – doch auch hier macht der Heizungstausch Probleme
Insgesamt hat jeder vierte Haushalt in Baden-Württemberg schlechte oder sehr schlechte Voraussetzungen, um den Wechsel auf klimaneutrales Heizen und E-Mobilität zu stemmen, das zeigen die Zahlen des Thinktanks.
Im Vergleich mit anderen Bundesländern ist dieser Wert gut – im Saarland, Rheinland-Pfalz oder Niedersachsen haben teils vier von zehn Haushalten absehbar Probleme. Im Osten Deutschlands und den Stadtstaaten wiederum ist Fernwärme schon viel länger und weiter verbreitet. Rund 30 Prozent der Haushalte im Südwesten bringen jedenfalls gute bis sehr gute Voraussetzungen mit.
Zu ihnen gehört zum Beispiel die fiktive Familie Schulze: Sie hat in den Nullerjahren im Neubaugebiet ein Grundstück gekauft. Das Haus ist abbezahlt, die Kinder aus dem Haus, beide verdienen im Monat zusammen deutlich über 4000 Euro netto. Sie überlegen, ihre Gasheizung gegen eine Wärmepumpe zu tauschen. Dazu eine Solaranlage aufs Dach, und sie hätten sogar eigenen Strom, um zu heizen und ein E-Auto an der eigenen Wallbox zu laden. Leisten könnten sie es sich jedenfalls. Etwa vier Prozent der Haushalte in Baden-Württemberg geht es wie Familie Schulze, dazu kommen rund sechs Prozent mit ähnlich guter Ausgangslage, aber etwas älteren Häusern. Weitere rund vier Prozent haben bereits eine Wärmepumpe.
Viele sind also rechnerisch für den Heizungswechsel gut aufgestellt. Aber auch in Baden-Württemberg gibt es Haushalte, die vor einer großen Herausforderung stehen, wenn ihr Heizen künftig klimaneutral werden soll. Sie brauchen Hilfe – oder ihnen droht ein sogenannter fossiler Lock-In, in dem sie aus dem Ruder laufende Gas- oder Ölkosten künftig nicht mehr stemmen können, aber auch zu wenig Geld für den Wechsel haben – oder für teurere Mieten nach einer Sanierung.
Fossiler Lock-In: Warum es teuer wird, weiter auf Gas und Öl zu setzen
Dass fossiles Heizen langfristig teurer sein wird als der Wechsel auf beispielsweise eine Wärmepumpe, muss man nicht nur wegen der aktuellen Preissprünge infolge des Iran-Kriegs vermuten, sondern ist durch steigende CO2-Preise und Netzentgelte bereits vorgezeichnet (siehe Infokasten unten). Dazu könnte eine Pflicht kommen, zunehmend Biogas und -öl zu verheizen, die laut Prognosen sehr knapp und damit teuer sein werden. Zumindest sieht die geplante Reform des Gebäudeenergiegesetzes das bisher vor.
Bei der Reform ist offenbar besonders der SPD ein Anliegen, dass Mieter von zu hohen Kosten fossiler Heizungen entlastet werden sollen. Der zentrale Punkt, vor allem für die Union: Eigentümer wie Vermieter sollen weiterhin neue, rein fossile Gas- und Ölheizungen einbauen dürfen. Diese geplante Abschaffung der bisherigen Vorgaben kritisieren zahlreiche Experten.
Frederik Digulla hat die Persona-Analyse für den Sozial-Klimarat mitentwickelt. Auch er sieht es kritisch, neue Gas- und Ölheizungen unbegrenzt weiter zu erlauben. Er sagt: „Gegen einen fossilen Lock-In ärmerer Haushalte gibt es bisher keine guten Instrumente.“ Bisherige Förderungen hätten noch zu stark jenen geholfen, die bereits eigenes Vermögen mitbrachten, um die anfängliche Hürde einer neuen Heizung zu überwinden. Immerhin: In der bundesweiten Förderung für klimafreundliche Heizungen gibt es inzwischen auch einen Bonus für geringere Einkommen, doch einen Teil muss man immer selbst aufbringen.
In der Planung der Kommunen sei der soziale Aspekt bisher oft zu kurz gekommen, deshalb habe man die Persona-Analysen vor einigen Jahren begonnen, sagt Digulla. In der Kommunalen Wärmeplanung weisen Gemeinden aus, wo potenziell künftig zum Beispiel Fernwärme ausgebaut werden soll, und in welchen Gebieten die Hausbesitzer sich selbst kümmern sollen. Oftmals sind diese Einzelversorgungsgebiete auch die sozial bessergestellten Viertel, wie unsere Redaktion am Beispiel Stuttgart herausgearbeitet hat. Doch auch in diesen Gegenden kann es Menschen mit wenig Geld und alten Häusern geben.
Laut Digulla könnte es eine Idee für Kommunen sein, anhand sozio-ökonomischer Erkenntnisse gezielte Hilfen für einzelne Quartiere bereitzustellen. Denkbar wäre sogar, Heizen wie Wasser und Strom als Grundversorgung zu denken: Versorger könnten zu einem Grundtarif Wärme bereitstellen und kümmern sich dann um den Rest, egal ob Fernwärmeanschluss oder gemietete Wärmepumpe.
Die einzelnen Gemeinden in Baden-Württemberg klaffen deutlich auseinander.
Auffällig ist: In und um die Großstädte Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim bringen die meisten Haushalte weder besonders gute noch besonders schlechte Voraussetzungen mit. Teils ist ihre Ausgangslage schon allein deshalb besser, weil sie bei großen Wohnungsunternehmen zur Miete wohnen, die eher investieren können, teils haben sie bereits einen Fernwärmeanschluss.
Hier kommt es stark auf den Einzelfall an, wie das fiktive Beispiel von Frau Yilmaz zeigt: Sie lebt in einer großen Stadt alleine in einer kleinen Wohnung, die sie sich vor einigen Jahren in einem alten Mehrparteienhaus gekauft hat. In der Eigentümergemeinschaft muss sich Yilmaz mit vier anderen einigen, ob man die Gasheizung tauscht. Gibt es die Möglichkeit, über ein Nahwärmenetz zu heizen? Baut sich vielleicht jeder eine Etagen-Wärmepumpe ein? Darüber streitet man im Haus hart. Yilmaz weiß, dass sie mit ihrem Einkommen von unter 3000 Euro netto im Monat zwar manches mitfinanzieren könnte, aber zu teuer darf es nicht werden. Ihr Vermögen reicht jedenfalls nicht für große Investitionen, einen normalen Kredit bekommt sie mit Ende Fünfzig kaum noch.
Starke Gegensätze bei den Voraussetzungen im ländlichen Raum
Dagegen sind die Gegensätze im ländlichen Raum größer: Schlecht oder sehr schlecht aufgestellt sind mancherorts die Hälfte der Haushalte, zum Beispiel in manchen Gemeinden des Schwarzwalds, auf der Alb, in Ost- und Nordwürttemberg. An anderen Orten haben mehr als die Hälfte der Haushalte gute oder sehr gute Voraussetzungen, zum Beispiel in Südbaden oder Oberschwaben.
Doch oftmals treffen die Gegensätze sogar in der selben Gemeinde direkt aufeinander. Ein Beispiel dafür ist Ostwürttemberg: Als ländliche Region sind dort etwa drei von vier Wohnhäusern Ein- und Zweifamilienhäuser. In den Kreisen Ostalb und Heidenheim wohnen etwa 60 Prozent der Haushalte im Eigentum. Das zeigen Daten des Zensus 2022. Viele Gebäude also, die theoretisch relativ schnell auf eine Wärmepumpe wechseln könnten – doch dafür müssen die Mittel vorhanden sein.
Bezieht man die Persona-Analyse mit ein, zeigt sich: In den Gemeinden rund um Aalen und Heidenheim gibt es sowohl viele Haushalte mit schlechten Voraussetzungen als auch viele, deren finanzielle Ausgangslage als gut eingeschätzt wird. In manchen Gemeinden fällt nur jeder fünfte Haushalt in eine der mittleren Kategorien.
Ein Sprecher des Landkreises Heidenheim berichtet auf Nachfrage, dass das „Bewusstsein für die Notwendigkeit der Wärmewende in den letzten Jahren, nicht zuletzt durch bundespolitische Debatten und steigende Energiepreise, deutlich gestiegen ist.“ Im Landkreis Heidenheim und im Ostalbkreis hat man deshalb ein „Zentrum für nachhaltige Energieversorgung, Klimaschutz und Klimafolgenanpassung“ gegründet, kurz ZEKK. Dort gibt es eine kostenlose und anbieterunabhängige Energieberatung, auf Wunsch und gegen Gebühr auch zuhause. Das Angebot richtet sich sowohl an Mieter als auch an Eigentümer, auch Auskunft zu staatlichen Förderungen gehört dazu. Ob es zusätzliche Hilfe zur Bundesförderung gibt, liegt meist in der Verantwortung der Gemeinden, die bereits heute teils eigene Förderprogramm auflegen.
Die Stadt Aalen zum Beispiel gab seit 2017 pro Wohnung bis zu fünfstellige Beträge dazu, wenn alte Gebäude energiesparend modernisiert wurden. Nach dem Einkommen der Eigentümer richtete sich das Programm jedoch nicht. Und wie in vielen Kommunen sind die Kassen inzwischen klamm: Das Programm liegt seit diesem Jahr auf Eis.
Auch im Neckar-Odenwald-Kreis treffen laut der Persona-Analyse Haushalte mit guten Voraussetzungen auf solche mit schwieriger Ausgangslage. Uwe Ristl leitet die Energieagentur des Landkreises, auch hier werden Menschen beraten, die sanieren oder die Heizung wechseln wollen. In Buchen, wo die Energieagentur ihren Sitz hat, ist der Anteil an Haushalten mit Wärmepumpe bereits heute doppelt so hoch wie im Landesschnitt.
In Ristls Erfahrung werden in Neubauten schon heute großteils Wärmepumpen eingebaut, auch sonst kämen hauptsächlich Besitzer von Einfamilienhäusern, die über eine Wärmepumpe nachdächten, manchmal auch eine Solaranlage. Ältere erzählten jedoch oft, dass sich manche Modernisierungen nicht mehr für sie rechne oder sie keinen Kredit mehr von der Bank bekämen, sagt Ristl: „Interesse ist da, aber nicht die Möglichkeiten.“ Lokale Förderprogramme von Stadtwerken waren schon in der Vergangenheit rar. Trotzdem sieht Ristl für die Wärmewende in seinem Kreis nicht schwarz, schließlich ist Wohnraum dort weniger knapp und teuer als in großen Städten: „Ländliche Räume haben viel zu bieten. Diese Stärken müssen kontinuierlich ausgebaut werden, damit sie mit den Ballungszentren mithalten können.“
Wie sich Heizkosten entwickeln könnten
Gas versus Wärmepumpe
Wie teuer eine neue Heizung in Anschaffung und Betrieb ist, unterscheidet sich von Haus zu Haus. Im Allgemeinen gelten Wärmepumpen als teurer in der Anschaffung, aber günstiger im Betrieb. Das liegt daran, dass der Preis für fossile Brennstoffe wie Gas oder Öl voraussichtlich stark steigen wird – nicht nur, wenn aktuelle Krisen die Preise treiben, sondern auch ganz systematisch. Der EU-weite Preis auf CO2-Emissionen soll ab 2027 vereinheitlicht werden und steigen. Die Reform des sogenannten „Heizungsgesetz“ sieht zudem vor, dass ab 2029 zunehmend Biogas und -öl beigemischt werden müssen, die absehbar knapp und teuer bleiben werden. Eine aktuelle Modellrechnung des Fraunhofer-Instituts ISI für den Umweltverband BUND kommt zu dem Ergebnis, dass sich deshalb sowohl für eine Beispiel-Mietwohnung als auch ein Beispiel-Einfamilienhaus die Investition in eine Wärmepumpe lohnen würde, selbst wenn der Strom für die Wärmepumpe teurer wird. Über 19 Jahre würden die Beispiel-Haushalte rund 18.000 bzw. 23.000 Euro sparen, das entspricht am Ende teils mehreren Hundert Euro Heizkosten pro Monat.
Netzentgelte
Ein weiterer Kostenfaktor für Gasheizungen sind die Netzentgelte: Versorger können darüber die Kosten für ihr Netz auf alle Verbraucher umlegen. Je mehr Haushalte jedoch auf Wärmenetze oder Wärmepumpen umsteigen, desto weniger Anschlüsse gibt es noch im Gasnetz – und auf desto weniger Schultern verteilen sich die Netzentgelte. Eine Studie von Agora Energiewende kam bereits 2022 zu dem Schluss, dass sich die Netzentgelte für Gas bis 2045 vervielfachen dürften. Bereits heute machen Netzentgelte für Gas zum Beispiel bei der EnBW-Tochter Netze BW knapp drei Cent pro Kilowattstunde aus.