Helmtragen ist Pflicht, denn in dem Gewirr aus Rohren und Leitungen schützt tatsächlich vor so manchen Zusammenstößen der unangenehmen Art. Foto: Rüdiger Ott

Die Uni produziert in Vaihingen ihren Strom selbst – und beliefert auch gleich noch andere Forschungseinrichtungen am Pfaffenwald. Zu Besuch in einem Heizkraftwerk.

Vaihingen - Zu seiner Lieblingsstelle geht es links, links, geradeaus durch die Kaverne, an dem 50 Jahre alten Bakelittelefon vorbei, rechts unter den brustkorbdicken Rohren durch, eine kleine Treppe hoch, links und noch mal links. Irgendwo tief im Untergrund der Uni, der Ungeübte hat die Orientierung längst verloren, verläuft sich der kreisrunde, gerade so kopfhohe Kanal scheinbar im Unendlichen.

Tatsächlich führt er nur einige hundert Meter schnurstracks geradeaus. Aber das reicht, um sich am Ende zu einem kleinen dunklen Punkt zu verjüngen, der nichts preisgibt außer eben genau das. „Das sieht toll aus“, sagt Jörg Kallweit und deutet mit der Hand in den schmalen Gang, den die Leitungen links und rechts der Wand formen.

Kallweit ist, im übertragenen Sinne, Herr dieser Gänge. Er ist der geschäftsführende Direktor des Heizkraftwerks Pfaffenwald, das den gesamten Vaihinger Campus mit Strom und Fernwärme versorgt. Und der Energiehunger der Institute ist enorm. Der Stromverbrauch von Uni, Hochschule der Medien, Fraunhofer Institut und allen anderen Forschungseinrichtungen – und nicht zuletzt der 3000 Studentenwohnungen – entspricht einer Stadt mit 40 000 Einwohnern, Nürtingen zum Beispiel.

Das Kanalnetz ist zehn Kilometer lang

Das vollständig begehbare Kanalnetz, das diese Energie bis in die letzten Winkel des Geländes trägt, misst eine Länge von zehn Kilometern. Wenn er wollte, könnte Kallweit bis in den Keller des Max-Planck-Instituts in Büsnau laufen, ohne einmal auch nur einen Fuß an die Oberfläche zu setzen.

Die Erbauer des Heizkraftwerks bewiesen Weitsicht. 1959 wurde die Anlage in Betrieb genommen, die in der damaligen Ausführung aber längst nicht mehr existiert. Es lag auf der Hand, den Strom nicht nur selbst zu produzieren, sondern gleich auch noch daran zu forschen. Und so wurde bereits damals eine Kraft-Wärme-Kopplung konzipiert. Statt nur Strom zu gewinnen, sollte auch die Abwärme genutzt werden. „Heute spricht jeder von so etwas“, sagt Kallweit. Seinerzeit war das technisches Neuland und vervierfachte den Wirkungsgrad der Anlage.

Entweder war der durchschnittliche Mensch vor fünf Jahrzehnten einen Kopf kleiner, oder nach und nach wurden immer mehr Rohre unter der Decke eingezogen. Jedenfalls ist der Helm, den jeder Mitarbeiter und Besucher in dem Heizkraftwerk tragen muss, keine bloße Zierde, sondern schützt tatsächlich vor Zusammenstößen der unangenehmen Art.

Die Trubine liefert 16 500 PS

So verworren wie das unterirdische Kanalnetz ist auch das Gewirr an Abluftrohren, Dampfturbinen und Gaskesseln, Schächten und Treppen, Wärmespeichern und Kabeln, das sich über mehrere Stockwerke erstreckt. Der Boden vibriert, und irgendwann auch der ganze Körper, angefangen vom Kopf über die Magengegend bis in die Füße. Warm ist es wie in einem Gewächshaus, und das gesprochene Wort geht unter im Dröhnen der Maschinen.

Kallweit hält vor der Turbine 50. „Das ist ein relativ kleines Ding“, sagt er. Die Turbine hat die Maße einen Geländewagens, wenn überhaupt. „Aber wenn man das umrechnet, hat sie eine Leistung von 16 500 PS.“ Zwei davon wurden in Vaihingen installiert, bereits Ende der 60er-Jahre. 2006 kamen noch einmal zwei hochmoderne Gasturbinen hinzu. Und je nachdem, wie Kallweit die Anlagen zusammenschaltet, produzieren sie mal mehr Strom und mal mehr Wärme.

Im Winter etwa heizt das Kraftwerk den gesamten Campus. Das warme Wasser wird dafür in die Büros, Labore und Lagerhallen gepumpt, wo es durch die Heizkörper strömt. Dafür fällt weniger Strom ab, und der Rest muss von der EnBW zugekauft werden. Im Sommer wird die Wärme aber nicht gebraucht. 2012 stellten die Vaihinger so 120 Gigawattstunden an Wärmeenergie selbst her und 59 Gigawattstunden an Strom. Wie viel das ist, zeigt ein Vergleich. Ein Haushalt verbraucht 3000 Liter Heizöl im Jahr, oft auch weniger. Läuft aber nur einer der beiden Kessel am Pfaffenwald auf Volllast, verbrennt er 5500 Liter, und zwar in der Stunde.

Die fünf Tanks mit je 350 000 Liter reichen für neun Tage

Im Kreis schraubt sich die Treppe in die Höhe. Der Aufzug ist kaputt, also bleibt nur der beschwerliche Weg aufs Dach, vorbei an dem 30 Meter hohen Abhitzekessel, in dessen Innerem die heiße Luft emporschießt. Sie erwärmt den Schacht so sehr, dass er sich, frei im Gebäude schwebend, acht Zentimeter ausdehnt. Schluss ist erst in 58 Meter Höhe. So hoch ragt der Schornstein empor.

Von oben gesehen reihen sich die fünf Tanks feinsäuberlich an die Rückwand des Heizkraftwerks. Knappe zehn Meter hoch, schwappen in jedem der Tanks 350 000 Liter Heizöl. „Das ist die Notreserve“, sagt Kallweit. Üblicherweise werden Öl und Gas direkt aus dem Leitungsnetz bezogen. „Aber wegen der Ukrainekrise habe ich die vollgemacht“, sagt er. Bei minus 15 Grad sollte allein das für neun Tage reichen.

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