Thomas und Anja Bonwetsch mit ihrer Heizung, die nach knapp 30 Jahren raus soll. Ihr Problem ist die Alternative. Foto: Judith A. Sägesser

Alle reden in der Heizdebatte über Einfamilienhäuser, klagt ein Ehepaar aus Nufringen (Kreis Böblingen). Die beiden sind Eigentümer in einem Mehrfamilienhaus – und stehen aktuell vor einer schweren Entscheidung.

Anja und Thomas Bonwetsch müssen dieser Tage eine unangenehme Entscheidung treffen. Ihre orangefarbene Gasheizung unten im Keller gleich neben dem Waschraum ist 27 Jahre alt und soll noch vor Jahresfrist raus. Bloß was dann? Die Antwort darauf sucht nicht das Ehepaar allein, die Bonwetschs wohnen als Eigentümer in einem Mehrfamilienhaus mit elf weiteren Parteien in Nufringen (Kreis Böblingen). Und das, was sich nun anbahnt, gefällt den beiden gar nicht – aber sie wissen aktuell keinen anderen Rat, fühlen sich schlicht überfordert.

 

Anja Bonwetsch ist 59, ihr Mann Thomas 63. Sie waren Erstbezieher der 92-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss. Bereits vor wenigen Jahren sei der Heizungstausch Thema bei der Versammlung der Eigentümer gewesen; das war noch vor Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und damit auch vor der Zeit der Gasknappheit. „Das Thema Heizung war noch nicht reif“, sagt Anja Bonwetsch. Damals habe sich die Mehrheit entschieden, mit dem angesparten Finanzpolster den Außenbereich herzurichten.

Neue Heizungen ab 2024 zu 65 Prozent mit Erneuerbaren

Das würden die Nufringer Eigentümer heute vermutlich anders machen. Wobei dem Ehepaar nach wie vor schleierhaft ist, wie das Gemeinschaftshaus die geplante Anforderung erfüllen soll: dass sich eine neue Heizung ab 2024 zu 65 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen speisen muss. „In der aktuellen Debatte geht es immer nur um Einfamilienhäuser“, sagt Thomas Bonwetsch. Für die zeichnet sich ab, dass die Wärmepumpe in vielen Fällen das Mittel der Wahl sein dürfte. „Aber welche Alternative haben wir denn?“, fragt Anja Bonwetsch.

Andreas Köhler rät Menschen in einer solchen Situation grundsätzlich dazu, sich fachmännische Expertise zu holen, die Kosten dafür seien überschaubar. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, für die er als Energieberater tätig ist, biete das für 30 Euro an. Köhler warnt davor, sich vorschnell für den vermeintlich einfacheren Weg Gas zu entscheiden. „Es ist noch nicht mal sechs Monate her, da wussten wir noch nicht, ob wir durch den Winter kommen“, sagt er.

Lösungen für Mehrfamilienhäuser

Klar sei, dass es für Mehrfamilienhäuser keine „Pauschallösungen“ gebe. Denkbar seien zum Beispiel Hybridheizungen. Dabei handele es sich um ein zentrales System im Keller aus Gastherme und Wärmepumpe. Die Wärmepumpe heize etwa Dreiviertel der Zeit im Jahr; nur wenn es richtig kalt werde, schalte sich die Gasheizung zu. Sandra Duy, Expertin von Finanztip, sagt, dass die Wärmewende in Mehrfamilienhäusern herausfordernd sei. Zum einen weil die Heizsysteme komplizierter seien als in kleineren Gebäuden, zum anderen aber auch, weil „die angebotenen Lösungen heute noch schwierig sind“. In Städten gebe es womöglich die Option auf Fernwärme. Allerdings: „Der Anschluss ist meistens erst einmal günstig“, sagt Duy, „aber Fernwärme ist momentan noch ein Monopol. Wenn man einmal bei einem Versorger ist, kann man nicht wie bei Strom oder Gas den Versorger wechseln“.

Nufringen ist ein Dorf mit rund 6000 Einwohnern. Die Bonwetschs haben bei der Gemeinde nachgefragt, ob ihr Straßenzug eine Chance auf Fernwärme hat. Die Antwort des Bürgermeisters liest sich nicht gerade vielversprechend. Auch sonst haben die beiden recherchiert. Eine Wärmepumpe draußen halten sie für ausgeschlossen und führen dafür hinters Haus.

Fernwärme hat Vorteile und Nachteile

Dort befindet sich ein Wiesenstreifen, der einzige Platz, der wohl infrage käme. Jedoch lägen die Schlafzimmer direkt daneben. Der Lärm von Wärmepumpen wird laut dem Energieberater Andreas Köhler überschätzt. Vor allem in Städten. „Die sind ja ohnehin nicht bekannt dafür, besonders leise zu sein“, sagt er. Abgesehen davon seien die Wärmepumpen über die Jahre viel leiser geworden.

Die Bonwetschs sagen, dass sie sich mit der Entscheidung alles andere als wohlfühlen. Zum einen weil sie ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten möchten. „Wir unterstützen die Energiewende wirklich und sind auch der Meinung, dass ein gewisser Druck da sein muss“, sagt Anja Bonwetsch. „Aber es ist ärgerlich, dass man so unter Druck entscheiden muss.“ Zum anderen fürchten sie eine Kostenfalle. Der Emissionshandel im Gebäudesektor soll 2027 im europäischen Emissionshandel aufgehen, der Preisdeckel gilt bis 2030. Spätestens dann dürften die Kosten für Gas und Öl steigen.

Bei einer Versammlung vor wenigen Tagen sollte der Einbau einer neuen Gasheizung beschlossen werden, dann aber hätten sie erfahren, dass die Firma das Modell nicht mehr vorrätig habe, erzählen die Bonwetschs. Ihnen wurden nun zwei andere Optionen in Aussicht gestellt – jeweils mit einem kleineren Heizkessel, einmal als Hybridlösung. Parallel müsse am Gebäude Hand angelegt werden, um Energie einzusparen. Sicher sei bisher nichts, sagen sie. „Für beide Optionen brauchen wir eine Geling-Garantie in 2023.“

Wie Deutschland heizt

Gebäudebestand
Statistische Zahlen zeigen: In Deutschland gab es 2021 insgesamt 19,4 Millionen Wohngebäude, 16,1 Millionen davon Einfamilienhäuser oder Doppelhaushälften. Rund 70 Prozent der Menschen in Deutschland heizen derzeit mit Gas oder Öl. Laut Umweltbundesamt verursachte die Erzeugung von Raumwärme im Jahr 2020 rund 73 Prozent der CO2-Emissionen im Bereich Wohnen.

Wärmepumpe
Die Ampelregierung plant, bis zum Jahr 2030 den Einbau von sechs Millionen Wärmepumpen. Der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte angekündigt, dass von 2024 an 500 000 neue Wärmepumpen im Jahr installiert werden sollen. Die Anzahl soll damit verdoppelt werden, denn 2022 wurden 236 000 Wärmepumpen in Deutschland verkauft; das war allerdings eine Steigerung um 53 im Vergleich zum Vorjahr.