Viele Mieter blicken dem nächsten Winter wegen der gestiegenen und vermutlich weiter steigenden Energiekosten fürs Heizen der Wohnung mit Sorge entgegen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Altbau, hohe Decken, aber im Winter bullert der Gaseinzelofen in der Ecke. Wohnungen wie diese gibt es noch vielfach in Stuttgart. Eine Familie erlebte nun eine böse Überraschung.

Die Rechnung des Energieversorgers war ein Schock: „Bei den Heizkosten hat es uns im Frühjahr umgehauen“, sagt die 45-Jährige, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung liest. Die vierköpfige Familie wohnt in einer Wohnung, wie es sie noch häufig in Stuttgart gibt: dreieinhalb Zimmer, 95 Quadratmeter, Altbau, hohe Decken – geheizt wird mit Gaseinzelöfen. Zumindest die Fenster seien neu. Ansonsten sei an der Wohnung nie etwas gemacht worden. Die Familie selbst hat Fußböden erneuert, Türen abgeschliffen und eine Küche eingebaut, als sie vor 15 Jahren eingezogen ist. Das Bad müsste dringend saniert werden, doch fordern will die Familie das nicht. „Wir haben alles selber gemacht, was ging, und wohnen dafür sehr günstig“, schreibt die Mieterin in einer E-Mail an unsere Redaktion. Aktuell zahle sie etwa 500 Euro warm an den Vermieter – Abschläge für Strom und Gas kommen noch obendrauf.

 

Die Gasheizung wird plötzlich teuer

Und das dürfte die Familie angesichts der steigenden Energiekosten künftig deutlich mehr kosten: Auf 290 Euro statt bisher 90 Euro wollte der Versorger im Frühjahr den Abschlag fürs Gas anheben. Die Familie kündigte den Vertrag, wechselte zur EnBW und zahlt nun etwas weniger.

So eine böse Überraschung könnte vielen Mietern in Stuttgart blühen. Wie im ganzen Land ist der Anteil der Heizungen, die auf fossilen Energien beruhen, hoch: 68 Prozent der Wohngebäude in der Landeshauptstadt werden mit Gas beheizt. Das geht aus dem alle zwei Jahre veröffentlichten Wohnungsmarktbericht hervor. Öl wird bei 13 Prozent verwendet, Strom – also in der Regel Nachtspeicheröfen – bei neun Prozent und Fernwärme nur bei sieben Prozent. Erneuerbare Energieträger wie Holz, Pellets, Solarenergie oder Erdwärme sind nur bei etwa drei Prozent der Wohngebäude als vorwiegender Energieträger im Einsatz. Nach Daten der Stadt sind 75 Prozent der Heizungen in Mietwohnungen älter als 15 Jahre. Es überrascht also nicht, dass die Frage der energetischen Sanierung die Mieter in der Stadt und Region umtreibt. In einer Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten gab fast die Hälfte (46 Prozent) der befragten Mieter an, unzufrieden mit dem energetischen Zustand ihrer Wohnung zu sein. 52 Prozent sind zufrieden. Dabei machen sich offenbar eher jüngere Menschen Gedanken darüber, welchen CO2-Fußabdruck ihre Wohnung hat. Unter den 18- bis 29-Jährigen war der Anteil der Unzufriedenen mit 60 Prozent deutlich höher.

Die Hälfte der Mieter ist unzufrieden mit dem Zustand ihrer Wohnung

Gleichzeitig spielt eine gute Dämmung nur bei einem Drittel der Befragten eine wichtige Rolle bei der Beurteilung einer Wohnung. Wichtig sind auch ein Balkon, eine Terrasse und die Größe der Wohnung. Die Art des Heizens spielt bei der Wahl der Wohnung kaum eine Rolle.

Gas- und Ölpreise steigen

Auf die Frage unserer Zeitung, wie klimafreundlich ihre Wohnung ist, reagieren Nutzer auf Facebook mit Achselzucken: „Ich bin froh, dass ich überhaupt noch wohne“, schreibt einer, ein anderer kommentiert: „Die Frage sollte lauten . . . ‚Wie bezahlbar bleibt mein Wohnen?‘“

Genau das könnte das Problem werden: Denn die Art der Heizung dürfte in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Die Verbraucherpreise für Gas haben sich für Neukunden seit September 2021 im Schnitt verdoppelt auf fast 13 Cent je Kilowattstunde. Ähnlich sieht es bei den Heizölpreisen aus. Das ganze Ausmaß dürfte erst in einem Jahr zu spüren sein, wenn sie die Nebenkostenabrechnungen für das Jahr 2022 erhalten, fürchtet der Mieterbund. Es sei deshalb noch dringender geworden, den Energieverbrauch durch energetische Gebäudemodernisierung zu senken. Doch Mieter, die ihren Vermieter dazu bringen wollen, den Zustand zu verbessern, haben schlechte Karten, sagt Rolf Gaßmann, der Vorsitzende des Stuttgarter Mietervereins.

Denn einen echten Hebel haben sie nicht. Verbesserungen könnten nur über den Gesetzgeber erlangt werden. Genau das hat die Bundesregierung mit der Aufteilung der CO2-Bepreisung unter Mietern und Vermietern vor. „Das wird der nächste Streitpunkt der nächsten Jahre sein“, prophezeit Gaßmann. Indem Vermieter an den Kosten beteiligt werden, sollen sie dazu gebracht werden, den energetischen Zustand ihrer Immobilie zu verbessern. Doch geht das auf? Trotz der vielen Förderprogramme, die neben dem Bund und dem Land auch die Stadt anbietet – etwa zum Heizungstausch – ist der Sanierungsbedarf noch hoch.

Bei vielen Mietern gehe die Befürchtung um, dass Vermieter die Kosten umlegen könnten, wenn überhaupt substanzielle Veränderungen möglich seien, sagt Gaßmann. Acht Prozent der Kosten für eine Modernisierung können Vermieter auf den Mieter umlegen. Die Frage ist, ob das reicht, um eine Wohnung grundlegend zu sanieren. Das Instrument sei nicht geeignet für die gesamtgesellschaftliche Aufgabe des Klimaschutzes, kritisiert Gaßmann.

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Wer zahlt für den Klimaschutz?

Denn auch die Vermieter sorgen sich: 41 Prozent der Vermieter in Stadt und Region machen sich laut der Forsa-Umfrage Sorgen wegen möglicher neuer Anforderungen wie dem CO2-Preis, der Solarpflicht oder energetischen Sanierungspflichten. Die Stadt Stuttgart unterstützt Eigentümer mit einer Reihe von Förderprogrammen, um Ölheizungen auszutauschen oder Wärmepumpen einzubauen. Doch die Sanierungsquote ist niedrig. 1,5 Prozent der Wohnungen, schätzt man bei der Stadt, werden jedes Jahr saniert.

Die Stuttgarter Mieterin in der günstigen Wohnung sieht darin für sich persönlich ohnehin keine echte Alternative: „Die Frage ist, was würde man energetisch sparen?“ – etwa wenn statt der Gaseinzelöfen eine Gasetagenheizung eingebaut würde. Im vergangenen Jahr sei das Haus verkauft worden. Seitdem würden Wohnungen saniert, wenn sie frei würden. „Allerdings sind die Neumieten hier echt saftig.“ Für die Dachgeschosswohnung im Haus werde mehr als das Dreifache ihrer Miete verlangt. Obwohl sie und ihr Mann gute Jobs haben, würde es bei solchen Preisen auch für sie finanziell eng werden.

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