Für das Buch „Zauberberg 2“ hat der Erzähler, Comedian und Musiker Heinz Strunk einen Aufenthalt in einer Psychoklinik eingelegt. Ein Gespräch über Therapie, Thomas Mann und die Komik des Verfalls.
Als Heinz Strunk vor Kurzem in Thomas Manns Geburtsstadt Lübeck eine Kostprobe seines Jahrhundertromanupdates „Zauberberg 2“ gegeben hat, fühlten sich manche Gralshüter auf den Schlips getreten. Hier erzählt er, wie er versucht hat, das in seinen Augen etwas handlungsarme Original, das vor exakt 100 Jahren erschienen ist, flott zukriegen. Und warum er bei allem, was ihn mit Thomas Mann verbindet, in einer Sache doch eher Team Kafka ist.
Herr Strunk, wie kamen Sie auf die nicht ganz unbescheidene Idee, einen „Zauberberg 2“ zu schreiben?
Das kann ich genau sagen: Exakt vor sieben Jahren habe ich plötzlich den Titel „Zauberberg 2“ vor mir gesehen, und zwar in den Schrifttypen von „Terminator 2“.
Eine Vision?
Vision ist vielleicht etwas hochgegriffen, es war ein Einfall, gelegentlich ist man ja auf so etwas angewiesen. Ich habe gar nicht damit gerechnet, das irgendwann umzusetzen. Aber irgendwann lernt man eher mittelmäßige von guten Ideen zu unterscheiden. Ich wusste, wenn man das ordentlich machen wollte, müsste man in eine Klinik gehen, davor hatte ich mich total gescheut. Bis das Datum 100 Jahre „Zauberberg“ auftauchte. Da dachte ich, wenn ich mir diese einmalige Gelegenheit durch die Lappen gehen lasse, wäre das absolut fahrlässig. Ich bin in ein Sanatorium gegangen und habe dann das Buch geschrieben. So war es.
Ein Sanatorium, wie muss man sich das vorstellen – haben Sie sich da als Patient eingeschmuggelt?
Einschmuggeln musste ich mich nicht, die meisten kennen mich ja nicht. Ich habe mich ganz normal als Selbstzahler beworben, bin aufgenommen worden und habe dort als Patient unter Patienten gelebt – allerdings anders als im Buch nur für zehn Tage.
Wusste man, dass Sie zu Recherchezwecke da sind?
Nein, es wäre wohl unklug gewesen, das an die große Glocke zu hängen, vermutlich wäre ich dann auch nicht genommen worden. Ich werde auch den Teufel tun, den Ort jemals zu nennen, an dem ich war.
In Davos war man nicht besonders glücklich, als Thomas Manns „Zauberberg“ erschien. Man fürchtete um das Geschäftsmodell. Was glauben Sie, wie man in den Kreisen psychosomatischer Kliniken auf ihren Roman reagiert.
Ich hoffe mal einigermaßen gelassen. Es ist ja nicht so, dass ich mich bewusst über irgendetwas lustig machen wollte. Die Therapien, die ich durchlaufen habe, waren genau so wie im Roman beschrieben. Im Gegenteil, ich musste das immer noch ein bisschen abmildern, damit es nicht ganz so irre klingt, wie es war.
Besonders überzeugt scheinen Sie von der Wirksamkeit nicht zu sein.
Klar könnte man sich bei manchen Sachen fragen, was das eigentlich genau bringen soll. Aber ich bin da vielleicht etwas zu überreflektiert. Gesprächstherapien oder Einzelgespräche können sicher etwas bewirken. Die Gleichförmigkeit des Tagesablaufs und die Abfolge dieser Therapien haben ja auch etwas Beruhigendes. Im „Zauberberg“ wird gezeigt, wie sich dadurch das Verhältnis zur Zeit verändert. So habe ich das selbst empfunden. Auch wenn ich nur zehn Tage dort war, kann ich mir schon vorstellen, wie sich das nach einem halben oder nach dreiviertel Jahr anfühlt.
Ist Depression die Krankheit unserer Zeit, so wie es früher einmal die Tuberkulose war?
Da könnte etwas dran sein. Ich habe aber diese Erkrankung gar nicht wegen möglicher Parallelen gewählt, sondern weil ich mich in dem Bereich am besten auskenne. Außerdem eröffnet es einen etwas größeren erzählerischen Spielraum: Der „Zauberberg“ mit seinen ewigen Liegekuren ist ja eher handlungsarm. Ich habe versucht, durch die wirtschaftliche Schieflage der Klinik und das rätselhafte Verschwinden einzelner Patienten etwas Spannung reinzubringen.
Bei Ihnen geht es immer weiter abwärts, das sorgt für einen gewissen Schub.
Stimmt. Aber es mag Leute geben, die lieber plotgetriebene Bücher lesen, und die die immergleichen Prozeduren während so einem Aufenthalt vielleicht langweilig finden.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Thomas Mann?
Ich habe früher vor allem die Erzählungen gelesen und die Tagebücher, die sehr komisch sind, auch auf unfreiwillige Weise. Oft erschöpfen sie sich in sehr lustigen Alltäglichkeiten wie: „Heute den Pudel geschoren“. Den „Zauberberg“ habe ich erst gelesen, als ich den Entschluss gefasst habe, mich da ranzuwagen. Vorher kannte ich den Roman noch gar nicht.
Am Ende findet sich das Kapitel „Kirgisenträume“: ein wildes Mashup von Romanmotiven.
Das ist eine Verbeugung vor dem Werk. In der Passage mit diesen Träumen sind 150 Zitate oder Montagesequenzen verarbeitet, wie ich finde die besten aus dem „Zauberberg“. Natürlich merkt man den sprachlichen Unterschied, aber vielleicht auch eine gewisse innere Verwandtschaft. Thomas Mann hatte großen Spaß daran, Physiognomien zu beschreiben, und da ist durchaus viel Groteskes dabei. Mir wird gelegentlich kritisch entgegengehalten, mein Blick auf die Menschen sei übertrieben und viel zu düster. Aber das sehe ich nicht so. Der Gang über eine Autobahnraststätte reicht, um das zu bestätigen.
Thomas Mann ist ein großer Kulinariker des Verfalls. Das könnte man auch über Sie sagen. „Man endet als kahlköpfiger schwammiger Batzen“, darauf läuft die Selbsterkenntnis Ihres Protagonisten hinaus. Warum versinken Ihre Figuren in so unheilbarer Trostlosigkeit?
Das gilt ja nicht für alle, in meinen Büchern findet man auch noch andere Facetten des Menschseins. Aber es entspricht schon meiner Weltwahrnehmung, etwas genauer hinzuschauen als Leute, die mit einem Instagram-Filter durch das Leben laufen. Die Gedanken die Jonas Heidbrink, die Hauptfigur in „Zauberberg 2“, äußert, das sind meine, auch wenn er viel jünger ist als ich, das ist meine Lebensproblematik oder wie man das nennen will.
Ihre Figuren leiden nicht unbedingt an konkreten Problemen, Kriegen oder Krisen, sondern eher an einer universalen Hässlichkeit.
Was das betrifft, bin ich Team Kafka. Er ist deshalb der zeitloseste Autor aller Zeiten, weil er von jeder konkreten historischen Bezugnahme absieht. Anders als Thomas Mann, der viele damals aktuelle Themen und Diskurse aufgegriffen hat, die einen heute nicht mehr unbedingt interessieren. Ich war immer schon der Meinung, dass aktuelle Debatten, etwa über Migration, Ukrainekrieg oder Klimawandel, in Romanen nichts verloren haben, zumindest nicht in meinen. Ich finde, diese Themen gehören eher in Sachbücher, ins Fernsehen oder in die Zeitungen.
Je furchtbarer die Miniaturen aus dem beschädigten Leben sind, die Sie einsammeln, desto komischer erscheinen sie.
Das hat sich so herausgebildet: Dass ich mir gegenüber der Trostlosigkeit eine ironische Distanz herausnehme. In der deutschen Gegenwartsliteratur ist Humor ja noch ein zartes Pflänzchen, wenn überhaupt. Ich versuche da gegenzusteuern. In „Zauberberg 2“ kommt zum Beispiel auch die Figur des Klaus vor, ein alter Schrotthändler, der mit Schnacks und Sprüchen um sich schmeißt. Das ist so eine Art Korrektiv, 300 Seiten absolute Trostlosigkeit wäre selbst mir zuviel, ich will ja, dass man das gerne liest.
Wie reagiert die Thomas-Mann-Gemeinde auf Ihren Roman?
Klar gibt es da Gralshüter, die das reflexhaft für eine unglaubliche Unverschämtheit halten. Aber dem Präsidenten der Thomas-Mann-Gesellschaft hat es gefallen, und er meinte, dass auch Thomas Mann seine Freude daran gehabt hätte. Vielleicht nimmt das den Leuten, die da gleich auf der Zinne sind, etwas den Wind aus den Segeln.
Info
Roman
Schon den letzten Roman Heinz Strunks, „Sommer in Niendorf“, konnte man als eine Auseinandersetzung mit Thomas Mann verstehen, in diesem Fall mit dessen Novelle „Tod in Venedig“. Nun folgt „Zauberberg 2“ (Rowohlt, 288 Seiten, 25 Euro), die eigenwillige Fortschreibung des epochalen Sanatoriumsromans. Der mit Anfang Dreißig trotz einer digitalen Erfolgsgeschichte schon traurig ermüdete Start-up-Unternehmer Jonas Heidbrink sucht in einer Psychoklinik am Stettiner Haff Zuflucht. Und die Dinge nehmen ihren Lauf – bei Strunk heißt das: es geht abwärts.
Autor
Mit der Lesung aus der Doktorarbeit „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ tingelte der 1962 in Bevensen geborene Heinz Strunk einst zusammen mit Charlotte Roche über die Lande. Seit seinem Debüt „Fleisch ist mein Gemüse“ hat er 14 weitere Bücher veröffentlicht. Sein Roman über einen Serienmörder „Der goldene Handschuh“ stand monatelang auf der Bestsellerliste. 2016 wurde Srunk, dieser Magier der Unwirtlichkeit mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis geehrt.