Literatur als Lebensform: Heinz SchlafferFoto:Lichtgut/Leif Piechowski Foto:  

Philologie statt Gynäkologie: Der Stuttgarter Germanist Heinz Schlaffer wird an diesem Freitag achtzig.

Stuttgart - Solche Geschichten schreibt normalerweise nicht das Leben, sondern Jean Paul. Der Sohn eines Zöllners, irgendwo, wo sich Bayern und Böhmen gute Nacht sagen, wächst fern aller Bildung auf. Eines Tages fällt ihm als erstes Buch überhaupt Homers „Ilias“ in die Hand. Was dann geschah, muss man sich wohl als schicksalhaftes Zusammenfinden von Liebe und Erkenntnis denken, als Beginn einer lebenslangen Liaison, die weiterhin auf dem Gebiet der Philologie ihre adäquate Ausdrucksform gefunden hat.

Gerne erzählt der Stuttgarter Germanist Heinz Schlaffer, der an diesem Freitag seinen achtzigsten Geburtstag feiert, wie sein Vater den Professorentitel, der dem Sohn schon früh verliehen wurde, zwar stolz zur Kenntnis nahm, mit dem Begriff Germanist aber gar nichts anfangen konnte. Dabei würde man sich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernen, wollte man die Bedeutung des Fachs allein aus dem wissenschaftlichen und publizistischen Ertrag von Schlaffers Wirken an den Universitäten von Marburg und Stuttgart, wo er bis 2004 lehrte, erhellen.

Der Germanist als Don Juan

Seine Texte panzern sich nicht mit methodischen Prunkrüstungen gegen den gesellschaftlichen Verdacht der Nutzlosigkeit, sondern geben ungeschützt den Blick frei auf die gefährlichen Abenteuer und die fragile Schönheit ästhetischer Erfahrung.

Wie sehr der Eros der Erkenntnis seine Liaison mit den Büchern bestimmt, wird auch deutlich, wenn Heinz Schlaffer die Vertreter seines Fachs mit Frauenliebhabern vergleicht, von denen die einen ihrer Passion wegen zu Don Juans würden, die anderen zu Gynäkologen. Philologische Gynäkologie war seine Sache nie. In schlichter, schöner Klarheit erblicken seine Gedanken das Licht der Welt, gleich weit entfernt vom klappernden Instrumentarium der Fachdisziplin wie dem plappernden Einverständnis bildungsbeflissener Popularisierer.

Mummenschanz der Worte

Zur Schönheit gehört auch die Vergänglichkeit. Und vielleicht ist dies sogar das zentrale Motiv: die Frage, wie überwundene Traditionsbestände in kulturelle Formen einwandern, sie beseelen oder vergiften. So kann man etwa dem großen „Faust“-Buch von 1989 die Analyse jenes entfesselten Mummenschanzes der Worte entnehmen, der gerade heute die politische und ökonomische Sphäre regiert.

Schlaffers „Geistersprache“ – so der Titel eines seiner letzten Bücher - macht ohne jeden akademischen Spiritismus die geheimen Botschaften längst abgesetzter Götter und Dämonen vernehmbar. Und zu dem paradoxen Ineinander von Tod und Leben gehört auch der Umstand, dass manche Kollegen in dem Autor der vielleicht vitalsten Texte der Germanistik einen Totengräber ihres Faches sehen.

In seiner „Kurzen Geschichte der deutschen Literatur“ hat er ihren Wirkungskreis drastisch beschnitten: Ein kurzer weltliterarischer Klimax im 18. Jahrhunderts, ein kurzer weltliterarischer Abgang zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dazwischen eine mehr oder weniger durchwachsene Latenzzeit – das soll’s gewesen sein. Der Rest etwas für Gelehrte, die sich nach Schlaffers Ansicht ohnehin viel zu zahlreich in einem viel zu breit angelegten zeitlichen Kontinuum tummeln.

Traumpaar des kulturellen Lebens

Dabei hat er zu ihrer Vermehrung durchaus seinen Beitrag geleistet. Im Stuttgarter Literaturhaus kann es schon einmal passieren, dass sich zwei Schlaffer-Schüler wie vor Kurzem die Autoren Lothar Müller und Stephan Wackwitz auf dem Podium über Freuds Vatermordthese beharken, während ihr geistiger Ziehvater das Schauspiel vom Parkett aus gelassen verfolgt.

Zusammen mit seiner Frau Hannelore bildet Heinz Schlaffer auf der Bühne des kulturellen Lebens der Stadt ein alle Moden überdauerndes Traumpaar des intellektuellen Nonkonformismus. Und nicht immer kann man deutlich unterscheiden, ob man es noch mit Literaturkennern oder nicht eigentlich doch schon mit literarischen Figuren zu tun hat. Die Prosaisierung der Verhältnisse, die beide mit wachem Blick beschreiben, erfährt in ihrer charakteristischen Erscheinung jedenfalls eine hochpoetische Widerlegung.

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