Die EnBW weiß nicht, was mit dem Heinrich-Kaun-Haus geschehen soll. Foto: Rüdiger Ott

Das Heinrich-Kaun-Haus, einst Tagungszentrum der EnBW auf der Waldau, verkommt zur Brache.

Degerloch - Die Natur erobert sich das Heinrich-Kaun-Haus zurück. Zwischen den Pflastersteinen vor dem Eingang des ehemaligen Tagungszentrums der EnBW wachsen die Triebe künftiger Sträucher der Sonne entgegen, im Garten liegen vergilbte Blätter – die Überbleibsel vergangener Herbsttage. Ein Blick durch die Fenster des Hauses offenbart neben einer dicken Staubschicht die kläglichen Reste von Topfpflanzen, die die Mitarbeiter des Energiekonzerns bei ihrem Auszug zurückgelassen haben. Vor einem Jahr wurde der Betrieb auf der Waldau eingestellt. Und auch heute weiß der Energiekonzern immer noch nicht so recht, was er mit dem Gebäude anfangen soll.

„Es gibt noch keine Entscheidung“, sagt Raphael Diecke, der Sprecher der EnBW. Das gleicht einer Doublette. Diesen Satz hat Diecke so vor einem Jahr fast wortgleich gesagt. Seitdem ist nichts geschehen. „Das ist schade, ist aber so.“

Der Kontrast zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, könnte kaum größer sein. Der Energieversorger hatte Großes vor mit dem Heinrich-Kaun-Haus. Der Komplex stammt aus den 50er Jahren und diente früher mit seinem kleinen Park samt Bänken auf der Wiese als Waldheim der Technischen Werke Stuttgart. Die TWS gingen 1997 in den Neckarwerken Stuttgart auf. Die NWS ihrerseits wurden 2003 von der EnBW übernommen, die aus dem Haus ein Tagungszentrum machte.

Und dann kam die Finanzkrise

Im nahen Industriegebiet Fasanenhof wurde derweil für 200 Millionen Euro die neue Konzernzentrale gebaut, die so genannte EnBW-City. Rund 2000 Menschen arbeiten dort. Da bot es sich an, auch auf dem Waldaugelände eine neue Zeit einzuläuten. Die Pläne lagen 2008, die Genehmigungen 2009 vor. Ein Schmuckstück sollte gebaut werden, eines, das sich auch gut auf Hochglanzprospekte drucken lässt. Wirtschaftsprognosen kannten nur die Richtung aufwärts, Börsenbarometer mit roten Pfeilen – Fehlanzeige.

Dann kam die Finanzkrise, und die Bagger rollten gar nicht erst an. Es zeichnete sich ab, dass in das Heinrich-Kaun-Haus investiert werden müsste, um Brandschutzauflagen zu erfüllen. Die EnBW wollte dafür aber kein Geld ausgeben, wo doch ein Neubau in Degerloch entstehen sollte. Schließlich wälzte sich eine Welle über die Reaktoren in Fukushima. Die Bundesregierung beschloss den Atomausstieg – und der Energiekonzern, sein ehemaliges Tagungszentrum zur Brache verkommen zu lassen. Innerhalb eines Jahres brach der Konzerngewinn um zwei Milliarden Euro ein, auch wegen der erforderlichen Rückstellungen, die noch vor dem Abschalten der ersten Meiler fällig sind.

„Durch die Einsparziele des Konzerns bieten sich keine Möglichkeiten für eine Investition in diesem Umfang“, sagt der EnBW-Sprecher Diecke mit Blick auf das Tagungszentrum. Ob überhaupt gebaut wird oder nicht, kann er nicht sagen. Dasselbe gilt für die Frage, ob das bestehende Gebäude weiter genutzt werden soll, dazu liegen dem Sprecher keine Erkenntnisse vor. Nicht nur auf dem Parkplatz, auch über das Thema, so scheint es, wächst das Gras. In einem Punkt indes herrscht Klarheit: „Es gibt keine Überlegungen, das Heinrich-Kaun-Haus zu verkaufen.“