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Im Zeichen des Schnauzbarts: Heiner Brand ist das Gesicht seiner Sportart – ein Unikat.

Stuttgart - Er ist ein Unikat. Nicht nur wegen seines markanten Schnauzers. Heiner Brand gelang es als erstem Handballer überhaupt, als Spieler und Trainer den WM-Titel zu holen. Die Bodenhaftung hat er dennoch nie verloren.

Wenn er zu Fuß unterwegs ist, wirkt es so, als zöge er ein Bein nach, aber das ist nicht so. Heiner Brand hat sich wegen seiner Rücken- und Hüftprobleme eine Art Gehen angewöhnt, bei der die Füße sich nicht weit über den Boden heben. Auch gestern steuerte der Handball-Bundestrainer mit schlurfendem Gang und schwingenden Hüften auf den Haupteingang des Pressehauses zu. "Tut mir leid, dass es nicht schon etwas früher geklappt hat", sagt er mit entschuldigender Geste und wirft lässig seine schwarze Lederjacke über die Schulter, "ich musste noch ein paar Telefonate führen."

Er wirkt entspannt, obwohl er am Vortag nach der Spielbeobachtung in Göppingen mit ein paar Problemen zu kämpfen hatte. Der Leihwagen bekam wegen der Windkapriolen einen Steinschlag ab, mit seiner Kreditkarte gab es falsche Abbuchungen in den USA. Aus der Ruhe bringt ihn das alles nicht. Dafür hat er schon zu viel erlebt. Vor allem im Handball. Titel und Medaillen hat er gesammelt ohne Ende. Als erster Deutscher holte Brand den WM-Titel als Spieler (1978) und Trainer (2007). Er ist für den deutschen Handball das, was Franz Beckenbauer für den Fußball ist. Das Gesicht einer ganzen Sportart, ein personifizierter Glücksfall. Das ist weder übertrieben noch Schmeichelei.

Kaiser des Handballs wird Brand genannt. Schaun-mer-mal-Charme sucht man allerdings vergebens - genauso wie irgendwelche Starallüren. Brand ist anders. Ganz anders. Arbeitswütig, staubtrocken, realistisch, bodenständig, eher ernst und ruhig, aber durchaus unterhaltsam und humorvoll. Auf alle Fälle ist er eines: ein Unikat, absolut fälschungssicher. Nicht nur wegen seines mächtigen Schnurrbarts, der an das frühere NDR-Walross Antje erinnert.

Authentisch präsentiert er sich auch beim Redaktionsbesuch. Er rückt den Stuhl an den Konferenztisch, spannt noch einmal den Rücken und tastet mit seinen dunklen Augen die Runde ab. "Ja, ich bin gerne im Süden", sagt er und hebt die Enden seines Schnauzers zu einem Grinsen. Er macht regelmäßig und gerne Urlaub auf dem Schliffkopf im Schwarzwald. Er lobt die hohe Handball-Leistungsdichte in Württemberg, vor allem im Nachwuchsbereich. Er findet es "bewundernswert", was bei Bundesligist HBW Balingen-Weilstetten geleistet wird. Doch vor allem liefert ihm das Aushängeschild Frisch Auf Göppingen neuerdings so viele Nationalspieler wie kein anderer Erstligaclub. "Es ist schon sehr angenehm zu sehen, wenn dort plötzlich nur deutsche Feldspieler auf dem Platz stehen", lobt er und fügt mit der Miene des zutiefst Überzeugten hinzu: "Ein Riesenkompliment an den Göppinger Trainer Velimir Petkovic, er hat viel für die Nationalmannschaft getan."

Rekordmeister ohne deutschen Nationalspieler

Selbstverständlich ist das in der Branche nicht. "Der THW Kiel ist Rekordmeister und hat noch nicht einen Nationalspieler entwickelt", brummt der Mann mit dem Reibeisenbass eines Ivan Rebroff. Seit Jahren kämpft Brand für ein Umdenken bei den Vereinen. Vergeblich. Vor allem bei den Spitzenclubs bleiben die Schlüsselpositionen fast nur mit Ausländern besetzt. Ob er resigniert hat, will die Runde wissen. Er schüttelt den Kopf: "Ich kann es mir nicht verkneifen, immer wieder darauf hinzuweisen." Brand macht weiter den Don Quichotte, den Windmühlenkämpfer seines Sports.

Das gilt auch in Regelfragen. "Das größte Problem unserer Sportart sind die Schiedsrichter", sagt er ganz offen. Die Runde stutzt kurz. Doch Brand sorgt im selben Atemzug für Aufklärung. "Ihr Ermessensspielraum ist einfach zu groß. Es ist schlimm, wenn selbst das treue Stammpublikum die Entscheidungen nicht nachvollziehen kann." Als müsse er seine Worte ein wenig wirken lassen, nippt er an einer Tasse Kaffee, richtet den Blick prüfend von unten nach oben und fragt dann in die Runde: "Was macht denn die Volkssportart Fußball aus?" Die Antwort gibt der Fan des 1. FC Köln selbst: "Dass jeder der 80.000 Zuschauer im Stadion so gut wie alle Entscheidungen verstehen kann."

Im Handball ist das anders. "Da ist der Schiedsrichter die ärmste Socke im Spiel", findet Brand. Wie sich das ändern lässt? "Wir müssen die Regeln präzisieren." Wann gibt es Stürmerfoul, wann wird Zeitspiel gepfiffen - all das ist ihm zu schwammig formuliert. Brand ist sich sicher: "Derzeit ist es möglich, dass ein guter Schiedsrichter ein Ergebnis beeinflussen kann, ohne dass es von außen einer merkt." Das ist traurig, aber wahr. Ob sein Wunsch, dass ehemalige aktive Handballspieler den Job an der Pfeife übernehmen, daran etwas ändern würde, ist fraglich. "Doch hilfreich wäre es sicher", betont der Bundestrainer.

Brand redet überlegt und unerschrocken. Klartext ist eines seiner Markenzeichen. Das zeigt sich auch, als die Rede auf Michael "Mimi" Kraus kommt. Der gebürtige Göppinger ist sein Kapitän in der Nationalmannschaft und derzeit das Sorgenkind des deutschen Handballs. Wie kein anderer stand Kraus nach der EM vergangenen Januar in Österreich in der Kritik. Später suspendierte ihn sein Club TBV Lemgo für ein Spiel wegen Undiszipliniertheiten. Brands Mundwinkel gehen nach unten. "Mimi muss sich noch mehr auf Handball konzentrieren", fordert Brand. Dass dies am ehesten bei einer Rückkehr zu Frisch Auf der Fall sein könnte, deutet der Bundestrainer zumindest an: "Kraus braucht ein geordnetes Umfeld, das ihm Vertrauen, Ruhe und Ausgeglichenheit vermittelt."

Bis 2013 - und dann?

Am 17. März (20.15 Uhr) hat der Schwabe Kraus ein Heimspiel: Die deutsche Nationalmannschaft setzt in einem Testländerspiel gegen die Schweiz in der Stuttgarter Porsche-Arena zum Sprungwurf an. Wird er die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen?, lautet die Frage. Brand stemmt die Hände gegen den Tisch und legt die Stirn in Falten. "Das weiß ich noch nicht. Auf der einen Seite will ich ihn nicht demontieren, andererseits bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm einen Gefallen tue, ihn mit der großen Verantwortung zu belasten."

Brand muss sich in einen Menschen einer neuen Spielergeneration hineinversetzen, der völlig anders tickt als er selbst. Kraus ist ein Strahlemann, der sich gerne im Rampenlicht seiner Erfolge sonnt. Brand ist das Geträller der Claqueure und Schulterklopfer unangenehm. Es ist vieles passiert in den vergangenen Jahren, nur eines blieb konstant: Brand selbst. Seinen Schnauzbart hat er gegen alle herrschenden Trends kultiviert. Seit 34 Jahren ist er verheiratet. Immer mit derselben Frau. Ein paar Monate nach dem Triumph bei der Heim-WM 2007 sagte Christel Brand: "Heiner ist so geblieben wie immer." Er blieb seinen Wurzeln nahe, seine Popularität basiert wohl darauf: Selbst nach dem enttäuschenden Platz zehn bei der EM waren laut einer sid-Umfrage 72,8 Prozent der Deutschen überzeugt, dass er der richtige Mann auf der Trainerbank ist. Bis 2013 läuft sein Vertrag beim Deutschen Handball-Bund (DHB). Ob er den definitiv erfüllen wird? "Nach jetzigem Stand schon, aber man weiß ja nie, was passiert. Es gehören immer zwei Parteien dazu."

Brand ist einer, der vom Handball so wenig lassen kann wie ein Junkie von der Droge. Nichts wird er in seinem Leben mehr so gut beherrschen wie das Spiel oder das Training mit dem Ball. Doch 2013 wird er 61 Jahre alt. "Danach muss ich nicht mehr unbedingt an der Außenlinie auf und ab marschieren", sagt er. Und wenn doch ein Anruf von einem internationalen Topclub wie etwa dem FC Barcelona kommt? Ein Lächeln blitzt auf. "Die Spanier haben ihren Stolz - sie bevorzugen spanische Trainer", antwortet Mister Handball spontan.

Zukunftsmusik. Brand konzentriert sich lieber auf die kommenden Aufgaben. Im Juni stehen die Qualifikationsspiele gegen Griechenland auf dem Programm. Es geht um die Teilnahme an der WM 2011 in Schweden. Ob die Mannschaft dann schon wieder reif sein wird für eine Medaille? Brand deutet mit seiner Hand ein paar Zentimeter über den Tisch. "Es gibt keinen Anlass, Ziele auszugeben, die nicht realistisch sind." Dann schiebt er den Oberkörper nach vorne und legt nach: "Wir sind noch weit vom Niveau eines Spitzenteams entfernt. Wir müssen lernen, uns über Siege gegen die Slowakei und Tschechien zu freuen."

Dann blickt Heiner Brand auf die Uhr. Der Handball-Kaiser muss zum nächsten Termin. Im Zeichen des Schnauzbarts. Zum Wohle seiner Sportart.

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