Sie haben die Anlaufstelle für Heimkinder in Baden-Württemberg geleitet, die 2018 eingestellt wurde. Nun fordern Birgit Meyer und Ulrike Zöller eine neue Möglichkeit – auch wegen des Heimskandals Hoheneck.
Ludwigsburg - Die Vorgänge von Gewalt und Missbrauch im katholischen Kinderheim St. Josef in Hoheneck werden aufgearbeitet. Doch die vom Land eingerichtete Anlaufstelle für Heimkinder ist aufgelöst, der Entschädigungsfonds ausgelaufen. Ein Fehler, finden Birgit Meyer und Ulrike Zöller, die den wissenschaftlichen Beirat der Stelle geleitet haben. Das Beispiel Hoheneck stehe dafür, dass viel Leid und Unrecht im Verborgenen liege.
Aus dem Hohenecker Kinderheim wird von Gewalt, Misshandlung und seelischer Grausamkeit in den 50er bis 80er Jahren berichtet. War das typisch für die Heimerziehung dieser Zeit?
Ulrike Zöller: Wir müssen leider feststellen, dass bis in die 70er Jahre die Menschenrechte und Prinzipien des Grundgesetzes für Heimkinder großflächig nicht gegolten haben. Es gab gute und schlechte Heime, aber Gewalt war einfach da.
Birgit Meyer: Die beschriebenen Vorgänge sind nicht ungewöhnlich, leider. Das lag im Fall des Kinderheims in der Klosteranlage Hoheneck auch daran, dass die Nonnen keine pädagogische Ausbildung erfahren hatten. Und es lag an den Machtkonstruktionen der Kirche.
Spielt auch das Weltbild des Karmelitinnen-Ordens eine Rolle?
Birgit Meyer: Die Nonnen hatten den kirchlichen Auftrag, den Kindern den Teufel auszutreiben. In ihrem Weltbild war ein Kind ein verführbares Wesen, das von Sünde befallen war. Um die Kinder auf den rechten Weg zu bringen, war körperliche Züchtung ein legitimes Mittel. Selbst Papst Franziskus hält Schläge für gerechtfertigt, wenn man dabei die Würde beachte. Das ist wie ein Freibrief für Gewalt.
Ulrike Zöller: Wir beobachten vor allem in katholischen Heimen eine seelische Härte gegenüber den Kindern. Das Verbot von Nähe und Emotionen gehörte offenbar zum Selbstverständnis.
Wodurch fällt Hoheneck auf?
Birgit Meyer: Besonders schwierig ist die Konstellation des Karmelitinnen-Ordens, der direkt der Glaubenskongregation in Rom unterstellt ist. Die katholische Kirche entwickelt ein besonders Schutzbedürfnis für ihre Gliederungen. Ich nenne das einen institutionellen Narzissmus. Bis heute gilt trotz der Bemühungen einiger Diözesen im Vatikan das Prinzip: Wir müssen uns gegen Kritik abschotten.
Welche Folgen hatte die Heimzeit für das spätere Leben der Bewohner?
Ulrike Zöller: Bei fast allen sind schwere Traumatisierungen zu beobachten, auch wenn es Unterschiede gibt. Viele leiden unter Angstattacken und können bis heute nicht über die Heimzeit sprechen, nicht einmal mit ihren Partnern. Oftmals fällt es schwer, langfristige Beziehungen aufrecht zu erhalten. Die Heimerfahrung wird über die eigenen Kinder manchmal sogar an die nächste Generation übergeben.
Warum melden sich ehemalige Heimkinder erst jetzt, Jahrzehnte später?
Birgit Meyer: Es gibt Schuldgefühle. Sie reden sich ein: Ich war frech, deswegen wurde ich geprügelt. Andere haben Angst, die Institution der Kirche zu beflecken. Gegenüber offiziellen Stellen herrscht Misstrauen, sie in der Vergangenheit nicht angehört wurden. Sie haben aufgegeben.
Warum hat das Jugendamt einst nicht genauer hingeschaut und kontrolliert?
Ulrike Zöller: Die Jugendämter waren mit den Heimen eng verbunden. Die Behörden haben die Kinder eingewiesen und waren froh, nichts mehr von ihnen zu hören. Es gab da große Verfehlungen.
Von welchen Dimensionen sprechen wir landesweit? Wie viele Heimkinder wurden Opfer von Gewalt und Misshandlung?
Ulrike Zöller: Für die Anlaufstelle für Heimkinder in Baden-Württemberg haben wir von 1949 bis 1975 eine Zahl von bis zu 800 000 Kindern festgestellt. Nach 1975 wurde das Kinderhilfs- und Jugendrecht geändert, daher die Beschränkung auf diesen Zeitraum. Danach wurde die Erziehung professionalisiert und die stationären Einrichtungen sukzessive neu ausgerichtet. Offenbar war das in Hoheneck jedoch nur eingeschränkt der Fall.
Was kann von politischer Seite geschehen, um ehemaligen Heimkindern auch jetzt noch zu helfen?
Birgit Meyer: Es ist sehr bedenklich und schade, dass die Anlaufstelle für Heimkinder aus Baden-Württemberg in Stuttgart Ende 2018 geschlossen wurde. Es gibt jetzt eine Lücke im Beratungsangebot, die die Politik schließen sollte. Die Leiterin Irmgard Fischer-Orthwein hat sich ein großes Vertrauen bei den Betroffenen und den Trägern über Jahre hinweg erarbeitet. Es gibt jetzt keine staatliche Anlauf- und Beratungsstelle mehr, das ist bedauerlich.
Ulrike Zöller: Es gibt noch viele ehemalige Bewohner aus den Heimen, deren Geschichte noch nicht gehört wurde.
Wie kann der Heimskandal in Hoheneck aufgearbeitet werden?
Birgit Meyer: Es sollte alles getan werden, was möglich ist. Ich bin mir bewusst, dass die katholische Kirche und die Caritas gerade in Baden-Württemberg aus Fehlern gelernt hat. Aber für eine effektive Aufklärung müsste noch viel mehr geschehen. Es war richtig, in Hoheneck einen unabhängigen Aufklärer einzuschalten. Oftmals führen die Pfarrer oder Nonnen selbst die Gespräche, das wirkt einschüchternd.
Expertinnen für Heimkinder
Birgit Meyer
Die Professorin und Politikwissenschaftlerin hat bis 2014 an der Hochschule Esslingen gelehrt und sich dabei mit Gewalt gegen Frauen und mit dem Verhältnis der Geschlechter beschäftigt. Sie war Mitglied der Ethikkommission und leitete bis 2018 den Beirat Heimerziehung in Baden-Württemberg.
Ulrike Zöller leitete den Beirat mit Meyer. Die Sozialpädagogin hat von 2008 bis 2014 an der Hochschule Esslingen im Studiengang Neue Arbeit gelehrt und ist seither an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saarbrücken, dort ist sie auch Studiendekanin.