Was für eine Aussicht! Foto: Andreas Gorr

Weil die Kirche in Heimsheim saniert wird, muss der Hahn auf der Kirchturmspitze weichen. Doch das ist gar nicht so leicht – erst beim dritten Versuch klappt es. Dabei kommt Erstaunliches zu Tage.

Heimsheim - Eine bewegte Geschichte hat sie, die Evangelische Stadtkirche in Heimsheim. Dort, wo sie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde, stand schon um 900 eine kleine Holzkirche. Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Kirche mehrmals zerstört und immer wieder aufgebaut, sie konvertierte im Zuge der Reformation vom katholischen zum protestantischen Gotteshaus und bildet nach wie vor das Zentrum der Gemeinde. Auch, wenn derzeit nicht viel von ihr zu sehen ist. Denn sie ist fast bis zum obersten Turmzipfel rundum eingerüstet und mit Schutznetzen ummantelt. Lediglich der vergoldete Hahn, ein christliches Symbol für Licht in der Dunkelheit, auf der ebenfalls vergoldeten Kugel dreht sich frei im Wind.

Noch. Denn im Kirchhof sammeln sich Anfang der Woche ein gutes halbes Dutzend Fachleute um eine Hubarbeitsbühne, den Steiger. Sie sollen die Spitze der Kirchturmkonstruktion, den sogenannten Kaiserstiel, auf den Zustand der Holzbalken hin überprüfen. Und dazu müssen Turmzier, Hahn und Kugel, entfernt werden: „Von unten kommt man da nicht ran“, erklärt Pfarrer Christian Tsalos, „beim Glockenturm ist Schluss“. Doch bevor auch noch der höchste Teil des Turmes eingerüstet wird, soll von oben beurteilt werden, ob der Kaiserstiel überhaupt renovierungsbedürftig ist.

Mit so viel Arbeit hat keiner gerechnet

Der Heimsheimer Architekt Ulrich Kiedaisch koordiniert die Sanierungen. „Zu Beginn sollten nur einige alters- und wetterbedingte Mauerschäden beseitigt werden. Immerhin liegt die letzte Renovierung mehr als 30 Jahre zurück“, erzählt Pfarrer Tsalos. Doch es kam anders als geplant. „Es hat sich schnell gezeigt, dass es mit der Ausbesserung einzelner Mauerabschnitte nicht getan ist“, fährt er fort, „der Putz hat sich großflächig von der Mauer gelöst und muss abgetragen und erneuert werden. Die Zifferblätter der Kirchturmuhr sind teilweise nicht mehr lesbar und müssen wiederhergestellt werden.“

Da waren einige Sondersitzungen des Kirchengemeinderats nötig, denn dieser muss letztendlich über den Umfang der Arbeiten entscheiden. Aus den ursprünglich geplanten 230 000 Euro sind jetzt rund 300 000 Euro geworden.

Wer bezahlt das alles?

Die Kosten teilen sich die Evangelische Landeskirche, der Kirchenbezirk Leonberg, die Kommune und natürlich die Kirchengemeinde Heimsheim. „Wir müssen gut doppelt so viel Spenden sammeln, wie wir ursprünglich gedacht haben“, schätzt Pfarrer Tsalos. Doch es ist die richtige Entscheidung, jetzt umfassend zu renovieren, davon ist die Kirchengemeinde überzeugt. „Das Gerüst macht rund ein Drittel der gesamten Kosten aus, und deshalb überprüfen wir vorsichtshalber auch die Turmspitze“, das bestätigt auch der Kirchengemeinderat Gerhard Schöps.

Dann fahren die Fachleute mit dem Steiger rund 40 Meter in die Höhe, um die Lage auf der Turmspitze zu sondieren. Doch sie kommen nicht nah genug ran, im Kirchhof fehlt es an Platz. Ein Containerfahrzeug muss her. Die großen Fahrzeuge werden hin und her manövriert, ein Container muss beiseite geschafft werden. Der nächste Aufstieg beginnt, an Bord sind Flaschnermeister Christian Kugler, der Geschäftsführer der Blechbearbeitung Bernd Schäfer, Uwe Becker von der Calwer Firma Perrot, die als Spezialistin für Turmuhren bekannt ist und der den Zustand der Holzkonstruktion im Turmhelm beurteilt, und der Architekt Kiedaisch.

Aller guten Dinge sind drei

Diesmal kommt der Steiger nah genug an die Turmzier, doch der Hahn widersetzt sich beharrlich den kräftig zupackenden Händen. Erst beim dritten Aufstieg und mit entsprechendem Werkzeug gelingt es dem Flaschnermeister, die Turmzier zu entfernen. Das gestattet Uwe Becker einen wichtigen Blick auf die Holzbalken des Turmhelms. Unten steht Pfarrer Christian Tsalos neben Kirchengemeinderat Schöps, beide haben die Köpfe weit nach hinten gelegt und beobachten genau das Geschehen. Sie sind gespannt auf das Ergebnis. „Es sieht gut aus“, meint Ulrich Kiedaisch. Konkret heißt das: Die Holzbalken sind noch in Ordnung und müssen nicht erneuert werden.

Doch es gibt noch einen spannenden Augenblick, denn die Spezialisten haben in der Kugel einen kleinen Schatz geborgen: Eine Bombe voller Dokumente aus der Wiederaufbauperiode der Kirche am Ende der 40er Jahre und eine Hülle mit Dokumenten aus der ersten Renovierungszeit in den 70er Jahren. Christian Tsalos ist ein bisschen aufgeregt, die Plastikhülle ist schon arg mitgenommen.

Den Inhalt gibt er behutsam an Schöps weiter. Vorsichtig öffnet er die Blechrolle: Reichsmark kullern ihm entgegen, ein handschriftlicher Brief des ehemaligen Kirchenverwesers Weiß und ein Zeitungsausschnitt. „Das schauen wir uns in Ruhe an“, beschließt der Pfarrer. Erst mal kommt alles in den Safe, bis die Renovierung abgeschlossen ist. Tsalos: „Dann werden wir die Dokumente ergänzen und für künftige Generationen wieder in der Turmzier verwahren.“