So sieht Heimsheim nach dem Bombardement vom 18. April 1945 aus – gut 80 Prozent der Häuser und der gesamte Stadtkern sind vollkommen zerstört. Foto: privat

Es ist der erste warme Frühlingstag in diesem schweren Jahr. Dann ertönen plötzlich um 10.45 Uhr die Alarmsirenen. Wie aus dem Nichts tauchen zwölf Mikado-Bomber der französischen Luftwaffe am Himmel auf, und zerstören den gesamten Stadtkern.

Heimsheim - Es ist der erste warme Frühlingstag in diesem schweren Jahr. Die Mädchen freuen sich, dass sie Sandalen und Kniestrümpfe anziehen können. Die Landwirte gehen aufs Feld und säen aus. Das Kriegsende ist nah, die letzten deutschen Soldaten sind wenige Tage zuvor abgezogen. Vielleicht schöpft mancher Heimsheimer zum ersten Mal wieder Hoffnung an diesem Tag. Dann ertönen plötzlich um 10.45 Uhr die Alarmsirenen. Wie aus dem Nichts tauchen zwölf Mikado-Bomber der französischen Luftwaffe am Himmel auf und werfen zwölf Brandbomben ab.

„Die Zeitzeugen berichten, dass plötzlich überall Feuer brannte“, erzählt Ursula Duppel-Breth, die Vorsitzende des Kuratoriums Schlegerschloss. Sie hat in jahrelanger Arbeit Fotos und Dokumente zusammengetragen, um diese schreckliche Zeit in Erinnerung zu halten. Zum Glück ist es mitten am Tag, als dieses Inferno über das beschauliche Städtchen hereinbricht – die Bewohner können so in ihre Keller fliehen.

„Nur“ vier Tote gilt es zu beklagen. Doch der Stadtkern wird zerstört, 80 Prozent aller Häuser stehen in Flammen. „Man wusste gar nicht mehr, wo man hinlaufen und löschen sollte“, erzählt Duppel-Breth. Noch bei den Löscharbeiten starben zwei Leonberger Feuerwehrmänner. 900 Bürger sind mit einem Schlag obdachlos – sie stehen mit ihren warmen Sommerklamotten buchstäblich auf der Straße.

Eine völlig sinnlose Zerstörung. Der Hintergrund ist machttaktischer Natur. „Der französische Präsident de Gaulle wollte vor den Amerikanern in Stuttgart sein“, erzählt Duppel-Breth, „daher wurde der Weg entlang der Autobahn freigebombt.“ Alles brennt ab: das Pfarrhaus, das Rathaus, auch um die Kirche führen die Menschen einen vergeblichen Kampf. „Sie haben erst die Sakristei gesichert, dann hieß es: der Turm brennt“, berichtet die Hobby-Historikerin. Um 15.45 Uhr schlägt die Glocke das letzte Mal, dann stürzt sie zu Boden und zerschmilzt in den Flammen. Die Kirche ist verloren.

Doch damit nicht genug: Kurz darauf kommen französische Einheiten und nehmen mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Ein Dokument der französischen Militärverwaltung gibt Aufschluss über jedes Detail: 130 Tiere, elf Autos, zwei Busse, 155 Löffel, Unterwäsche. Obwohl die Menschen kaum mehr als das besitzen, was sie am Leib tragen, wird ihnen noch das Wenige genommen. Zum Glück gibt es den Schleglerkasten mit seinen 1,60 Meter dicken Mauern. Der hält jeder Bombardierung stand und dient den Frauen nachts als Zufluchtsort und Schutz vor Vergewaltigungen. Im Schlosskeller wird ein Notlazarett eingerichtet. Der Pfarrer Heinrich Fausel, der im Dritten Reich zur „Bekennenden Kirche“ gehört hat, organisiert eine Art zivile Ordnungsmacht. „Er war streng und hatte ein starke Werteorientierung“, berichtet Duppel-Breth über den späteren Ehrenbürger der Stadt.

Er schärfe den Bürgern ein, nicht zu stehlen und sich gegenseitig zu helfen, berief entgegen den Vorschriften eine Ortsversammlung ein. „Schuldzuweisungen nützen nichts, wir müssen vorankommen“, soll er dabei gesagt haben. Fausel und der spätere Bürgermeister Karl Schuler organisieren das Nötigste: In jedes noch intakte Haus zieht eine Familie, Fausel selbst kommt etwa im Gebäude der Völters unter. Von Höfingen komme Lebensmittel, noch unter Artilleriebeschuss. Es wird Geld gesammelt, ein reicher Exil-Heimsheimer schickt Schuhe – viele haben ja noch die Sommersandalen vom 18. April an.

So gelingt es mühsam, das Leben langsam wieder herzustellen, doch die Aufbauarbeit brauchte viele Jahre. Den 18. April werden die Heimsheimer wohl nie vergessen. Den Tag, an dem das Feuer kam.

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